Das dritte capitel

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das dritte capitel (1710)

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Wie selig ist ein mensch, der aus der wahrheit munde
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Das wort des lebens lerut, und sie selbst reden hört.
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Von menschen wird der mensch doch nicht so wohl ge-
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lehrt.
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Und von ihm selber kommt kein hertze bis zum grunde.
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Ach waruni zancken wir um dinge, die subtil
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Und doch nichts nütze sind? da GOtt um solcher willen,
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Den, der sie gleich nicht weiß, doch nicht verdammen will.
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Denn GOtt sieht auf das hertz, und nicht auf unsre grillen.

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Wir aber gehn dennoch und kümmern uns um sachen,
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Die doch mehr unser schad, als unser nutzen sind.
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So bleibt der tolle mensch bey heller sonne blind.
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Ach last uns doch einmal von diesem schlaf erwachen!
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Die streit- und rede-kunst gilt hier wahrhafftig nicht.
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Von solchen eltern wird die wahrheit nicht gebohren,
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Wo nicht des Lichtes wort des hertzens nebel bricht,
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Und allen irrthum dämpfft, so gehen wir verlohren.

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Denn alle dinge sind aus einem Wort entsprossen,
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Und alles lehret uns zu diesem Worte gehn.
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Wer dieses nicht vernimmt, der kan auch nichts verstehn,
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Weil es der anfang ist, aus dem der witz geflossen.
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Drum wer in allen dich, und alles in dir liebt,
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Der mag von dir, o Wort! du brunnen aller gaben!
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Wohl einen festen sinn, der sich im guten übt,
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Und ein in GOtt vergnügt und ruhig hertze haben.

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Drum, o du einige, du ewig-lichte Wahrheit!
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Vereinige mich doch mit dir in deiner brunst!
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Was ich sonst les’ und hör’, ist freylich nur ein dunst
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Vor deines Geistes krafft, und deines wortes klarheit.
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Was meine seele wünscht, das find’ ich blos in dir.
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Drum schweigt, ihr Lehrer! schweigt! und alle welt sey stille!
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Du aber red’ allein, ach red’ allein zu mir,
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Damit nichts, als dein wort des hertzens grund erfülle.

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Je mehr man in ihm selbst der einfalt sich befleißet,
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Und aus der äusern welt in sein gewissen geht,
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Je tiefre dinge man ohn alle müh versteht,
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Weil GOtt den niedrigen licht und verstand verheißet.
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Ein geist, der lanter ist, und an der einfalt hält,
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Läst durch geschäffte sich nicht hin und her zerstreuen,
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Er flieht den eigen-ruhm, verleugnet neid und welt,
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Und will sich über nichts, als GOttes ehr erfreuen.

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Wer mit der creutzigung der wilden lüste säumet;
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Der macht ihm seine last unüberwindlich groß.
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Drum giebt ein frommer mensch von aussen sich nicht blos,
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Er habe denn zuvor innwendig aufgeräumet.
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Die böse neigung muß durchaus getödtet seyn,
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Und deine liebe sich nach der vernunfft regieren.
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Denn der begierden sturm reißt alle tugend ein,
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Und läst das hertze nicht die sanffte wahrheit führen.

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Das muß ich wol gestehn: Sich selber überwinden,
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Ist vor den zarten sinn der schwerste krieg und streit.
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Indessen must du dich aus GOttes krafft bereit,
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Und niemals träg und faul, zu solchem kampffe finden.
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Das soll die arbeit seyn, davon wir itzt nicht ruhn.
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Der mensch muß tag vor tag sich in dem HErren stärcken;
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Denn hier ist keine ruh, wir haben stets zu thun;
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Dort aber ruhen wir von allen unsern wercken.

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Was uns vollkommen scheint, ist dennoch unvollkommen.
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Der helleste verstand hat gleichwol nacht und dunst.
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Die selbst-erkenntniß ist weit über alle kunst.
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Wohl diesem, der von sich die masqve weggenommen,
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Und seine nichtigkeit in demuth zugesteht!
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Denn wahre demuth ist die rechte Jacobs-leiter.
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Ein pharisäer fällt, ie mehr er sich erhöht,
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Wer sich erniedriget, der kommt bey GOtt viel weiter.

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Ich habe mit dem wahn der thoren nichts zu schaffen,
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Da alle wissenschafft und kunst verworffen heist.
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Was GOtt verworffen hat, verdammt kein guter geist,
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Doch wenn wir alle kunst und witz zusammen raffen,
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So sind sie dennoch nicht der tugend vorzuziehn:
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Ein gut gewissen ist weit besser, als viel wissen.
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Und die sich sonst um nichts, als um verstand bemühn,
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Die werden von dem strom des irrthums hingerissen.

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Ach daß man sich so sehr der heiligung beflisse,
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Der wahren heiligung, die reine früchte trägt,
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Als man sich auf gezänck und leere fragen legt;
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So wären in der welt nicht so viel ärgernisse!
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Allein die frömmigkeit hat vor uns gute ruh,
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Dieweil sie mehrentheils nicht große titel bringet;
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Drum eilet man der welt, und ihren schulen zu,
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Wo Aristoteles von eitler ehre singet.

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Doch, wird der Richter auch an jenem tage fragen,
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Wie viel du disputirt und durchgelesen hast?
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Nein! sondern ob du auch dem HErren seine last
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In creutzigung der welt geduldig nachgetragen.
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Wo ist die excellentz, die vor nicht langer zeit
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Auf der catheder stund und sich so hoch vermessen?
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Jm leben macht er sich mit vielem wissen breit;
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Jtzt aber, da er liegt, ist seiner schon vergessen.

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Wie bald vergeht der ruhm, den uns die welt gegeben:
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Ach hättest du so gut gelebt, als disputirt,
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So spräche man mit recht: Er hatte wohl studirt.
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Denn wie viel menschen sind, die nach dem schatten streben,
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Und in der nichtigkeit der eitlen kunst vergehn.
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Gott läst sich nur durch lieb’ und tiefe demuth finden;
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Sie aber suchen sich durch klugheit zu erhöhn,
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Bis sie mit ihrem wahn, als wie ein rauch, verschwinden.

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Der ist alleine groß, wer nicht nach ehre trachtet,
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Klein in ihm selber ist, und große liebe weist.
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Der ist ein kluger geist, der das, was irdisch heißt,
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Und nur das fleisch ergetzt, vor koth und treber achtet,
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Weil er sonst keinen schatz, als JEsum, liebt und sucht.
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Und wer des HErren wort vor seine beste speise
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In seinem leben hält, den eigensinn verflucht,
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Und GOtt gehorchen lernt, der ist wahrhafftig weise.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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