Das andere capitel

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das andere capitel (1710)

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Der mensch ist von natur begierig viel zu wissen:
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Doch ohne gottesfurcht hilfft keine wissenschafft.
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Ein bauer, der nicht erst nach hohen grillen gafft,
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Und in der demuth GOtt zu dienen ist beflissen,
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Ist besser, denn ein thor, der durch die sternen rennt,
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Und sich vor übermuth und weisheit selbst nicht kennt.

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Wer sich nun selbst recht kennt, der wird ihm schlecht gefallen:
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Ich weiß, es kommt ihm nichts als lauter demuth ein.
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Drum muß das menschen-lob ihm höchst verdrüßlich seyn.
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Denn wenn ich alles wüst’, und hätte bey dem allen
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Des Höchsten liebe nicht; so würd’ ich doch vor GOtt,
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Der auf das leben sieht, zu schanden und zum spott.

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Drum setze deiner lust, zu wissen, ziel und ende.
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Viel wissen bringt viel sorg, und denn auch viel betrug.
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Wer viel gegrübelt hat, der hält sich selbst vor klug,
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Und will, daß alle welt zu ihm nach weisheit sende.
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Viel dinge nützen nichts, wenn man sie schon mit fleiß
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In seinen kopff gefaßt, und zu entscheiden weiß.

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Der ist ein großer narr, der mehr auf andre sachen,
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Als an sein heyl gedenckt, daran doch alles liegt.
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Von vielen worten wird die seele nicht vergnügt;
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Es muß des Geistes krafft das hertze freudig machen.
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Darum, wer JEsum tief in sein gemüthe drückt,
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Und ihn im glauben liebt, der wird gewiß erqvickt.

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Wer große dinge weiß, soll einst ein urtheil hören,
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Das unerträglich ist, wofern er übel lebt,
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Und nicht das, was er weiß, auch auszuüben strebt,
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Drum überhebe dich nicht wegen hoher lehren,
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Und großer wissenschafft. Mein! folge meinem rath
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Und fürchte GOtt, der dir so viel vertrauet hat.

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Bringt dir der Satan bey: Du habest mehr vergessen,
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Als Salomo gewußt; so wiß’, es ist noch viel,
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Was GOtt vor dir verbirgt, und andern sagen will.
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Du kanst die wissenschafft doch nicht alleine fressen.
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Drum sey nicht allzuklug, bekenne vielmehr frey:
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Daß deine gantze kunst vor GOtt nur thorheit sey.

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Ja warum machest du aus andern idioten?
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Kennst du denn dich und sie? o unberathner thor!
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Zeuch dich dem nächsten nicht so gar verwegen vor.
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Willst du recht weise seyn, so zeuch nach den geboten,
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So GOttes weisheit giebt, die stoltzen segel ein,
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Und lern’ in niedrigkeit still und verborgen seyn.

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Nichts ist erbaulicher, als sich rechtschaffen kennen.
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Wer seinen nächsten hoch, sich selbst vor gar nichts hält,
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Und ob sein bruder gleich in schwere sünden fällt,
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Sich doch nicht besser schätzt, den kan man weise nennen.
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Drum wenn du auch schon siehst, daß ieder fallen kan,
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So siehe dennoch dich stets vor den schwächsten an.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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