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Es kommt dir fremde vor, daß ich mit meinen versen,
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Die sonst geschwinde gehn, itzund gar langsam bin.
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Die Musen wollen nicht beständig in mir herrschen,
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Es weicht ihr heißer zug mit deinen augen hin.
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Ich habe, wie es scheint, mich gäntzlich ausgeleeret,
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Und wenn ich dichten will, so fehlt es überall.
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Verdruß und einsamkeit hat alle krafft verzehret,
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Und meine poesie giebt schon das todten-mahl.
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Denn ob ich dann und wann gleich ein paar reime dichte,
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So fehlet ihnen doch die alte liebligkeit:
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Der frische lorbeerbaum, wird eine dürre sichte,
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Und der erhitzte geist bald in die lufft zerstreut.
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Das macht, daß ich nicht mehr aus diesen brunnen trincke,
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Die itzund in der welt der dichter stärcke sind,
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Und daß ich gantz umsonst den süßen sternen wincke,
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Von denen thau und krafft in haupt und adern rinnt.
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Die Musen wollen sich nicht meiner mehr bedienen,
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Sie wenden ihre gunst weit edlern schwanen zu.
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Ich darff mich nicht, wie vor, auf den Parnaß erkühnen,
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Und finde kaum zur noth bey seiner wurtzel ruh.
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Mein einsames revier, wo turteltauben ächzen,
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Und keine nachtigaln den trüben sinn erfreun,
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Macht zwar, daß hertz und mund offt nach erqvickung lechzen,
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Doch giebt es mir nicht viel von schönen liedern ein.
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Wer lauter tholen hört, schreyt endlich auch wie tholen,
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Und wen kein muntrer trieb aus seinem schlaf erweckt,
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Der sucht gewiß sein licht bey ausgelöschten kohlen,
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Und macht kein süßes lied, das zarten geistern schmeckt.
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Will aber Sylvia mich gleichwol singen hören,
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Und meine muse sehn, wie sie vor diesem war;
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So muß sie mich fein offt mit ihren blicken ehren,
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Denn solcher strahlen glantz macht trübe sinnen klar.
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Sobald als ich dich seh’, und deiner augen sonnen
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Mir im gesichte stehn, so stehn die geister auf,
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Der schon erstorbne trieb hat wiederum gewonnen,
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Und meine poesie beginnt den ersten lauf.
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Gleichwie ein nelcken-knopff, wenn er im schatten stecket,
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Geringe kräffte zeigt und zugeschlossen steht,
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Dann aber offen wird und seine blätter strecket,
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Wenn das gewünschte licht sich über ihn erhöht;
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So weckt auch deine gunst mein schläfriges gemüthe
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Durch ihre strahlen auf, und giebt den sinnen krafft:
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Sie rühret und erhitzt das laugsame geblüte,
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Du glaubest nimmermehr, wieviel dein anblick schafft.
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Drum, Edle Sylvia! soll ich so fertig dichten,
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Als ich zuvor gethan, so muß ich alsobald
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Aus meiner einsamkeit in diese gegend flüchten,
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Wo deine sanffte stimm, o Nachtigall! erschallt.
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Wo aber Sylvia sich nicht als Phöbus zeiget,
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Dein zimmer mein Parnaß, dein licht mein feuer ist,
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Und Aganippens flut aus deinen lippen steiget;
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So glaube, daß dein mund nichts liebliches mehr liest.
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Denn ohne fremden trieb wird nichts in uns beweget,
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Die verse fallen mir nicht von sich selber ein;
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Allein wenn Laura kommt und unsre geister reget,
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So kan ein dichter auch leicht ein Petrarcha seyn.