Der rechte Jsraeliter, vorgestellt Bey der beerdigung Herrn J. Dewerdecks, wein-han- delsmanns in Liegnitz. B. S

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der rechte Jsraeliter, vorgestellt Bey der beerdigung Herrn J. Dewerdecks, wein-han- delsmanns in Liegnitz. B. S (1710)

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Jtzt, da man schwartz und weiß mit einer feder schreibt,
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Da gall und honigseim aus einem munde qvellen,
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Und wenn die augen sich wie tauben-blicke stellen,
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Das hertze doch ein nest vergiffter schlangen bleibt:

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Jtzt, sag ich, ist die zeit, da redliche gemüther
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Kaum mit der aloe in funffzig jahren blühn:
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Es wächst die wahre treu wie seltnes winter-grün,
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Und ist so angenehm, als die verlegnen güther:

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Der zeiten finsterniß umnebelt dieses licht,
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Daß seine funcken kaum noch in der asche glimmen,
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Und weil hertz, mund und hand so schlecht zusammen stimmen,
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So bleibt die losung stets: Vertraue keinem nicht.

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Seit dem politisch-seyn zur mode morden ist,
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Hört man die redligkeit der einfalt titul führen:
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Der wahrheit edles gold muß glantz und werth verlieren,
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Weil lauter schlacken-werck der menschen thun umschliest.

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Die unart dieser welt giebt eiß vor crystallinen,
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Und hüllt die schwartze brust in schwanen-federn ein.
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Es muß die falschheit kunst, die tücke tugend seyn,
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Und worte voller pracht zu lauter fesseln dienen.

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Der menschen falsches hertz kommt einer uhren bey,
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Die anders schlägt und zeigt; ja die erfahrung lehret,
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Daß offt der gröste freund, den man am meisten ehret,
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Jm munde Seneca, im hertzen Nero sey.

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Jhr! die ihr noch sehr tieff in solcher larve steckt,
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Entblöset das gesicht bey diesen todten-grüfften,
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Wo wir der redligkeit das letzte denckmahl stifften.
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Hier ruht ein ehren-mann, den zwar die erde deckt,

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Doch dessen nachruhm kan auch in dem tode zeigen,
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Daß weder grufft noch nacht die tugend decken kan.
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Schaut den erblaßten mund als einen lehrer an,
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Der euch gesetze giebt im reden und im schweigen:

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Wie man vor GOtt und welt sich ohne falsch bezeigt.
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Lernt euren wandel hier auf treu und wahrheit gründen,
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Lernt, wie man wort und werck durch liebe muß verbinden,
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Damit ein guter ruch aus eurem grabe steigt.

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Verzeihe, Seeligster! wenn ich dich loben will,
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Du bist bey lebens-zeit dem ruhme feind gewesen;
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Doch was die wahrheit schreibt, das mag ein ieder lesen:
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Es war die redligkeit dein auserlesnes ziel.

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Dein thun hast du wol nicht mit worten ausgemessen,
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Das hertze selber gab den ausschlag in der that;
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Und wer als einen freund dich recht erkennet hat,
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Der wird auch deiner treu im grabe nicht vergessen.

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Du botest deine hand mit deutschem hertzen dar,
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Dem, der dir seine noth und seinen kummer klagte;
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Kein wunder, wenn man nun bey deinem tode sagte:
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Die leute deiner art sind, leyder! gar zu rar.

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Wie unverfälscht war doch dein guter lebens-lauf?
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Es heuchelt ja die welt mit ihrem Christenthume:
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Sie sucht nur euserlich die frömmigkeit zum ruhme;
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Dir aber gieng das licht in deinem hertzen auf.

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Dein eifriges gebet, dein stetes bibel-lesen,
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Dein fleißig kirchen-gehn, die können zeuge seyn,
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Daß deine gottesfurcht kein angemaster schein,
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Und daß dein glaube nicht ein todter ruhm gewesen.

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Des HErren vorhof war dein angenehmster gang,
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Da deine füße stets in seinem tempel stunden:
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Wie offte hast du doch die hände da gewunden,
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Wenn Josephs schaden dir sehr tieff zu hertzen drang.

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Nicht Jacobs namen nur, auch Jacobs frömmigkeit,
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War es, du Seeliger, was dich berühmet machte,
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Kein wunder, daß dir GOtt auch Jacobs segen brachte.
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Wer GOtt zum stecken hat, und seiner sich erfreut,

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Dem muß ein wander-stab zu großen heeren werden,
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Der findt in fremder lufft ein liebes vaterland.
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Dis alles hast du nun in stiller furcht erkannt:
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Es zog dich der magnet nicht nieder nach der erden;

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Dein geist stieg himmel-an mit ungezwungner art,
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Du hieltest geld und gut nur vor geborgte gaben,
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Drum musten sie bey dir auch einen entzweck haben,
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Der GOtt zu ehren kam, dem nächsten nützlich ward.

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Du kern der deutschen treu! o schade, daß die brust,
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Die voller redligkeit, so zeitlich soll verwesen!
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Soll man die zeitung schon von deinem tode lesen,
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Da kaum den deinigen die kranckheit ist bewust?

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O allzu großer riß! o unverhofftes leiden!
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Wiewol! du sehnest dich aus dieser falschen welt,
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Wo kaum der tausende die liebes-probe hält.
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Dort gehst du, Treuer Knecht! zu deines HErren freuden.

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Der will dein schönes loos aufs lieblichste erhöhn.
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Das buch der Redlichen ist leyder! hier verschwunden:
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Hier, hast du es gesucht, dort hast du es gefunden,
84
Dort wird dein name auch auf seinen blättern stehn.

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Last, Hoch-Betrübte! nach, den thränen hold zu seyn.
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Zwar eure stütze fällt, der mund ist gantz verschlossen:
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Durch dessen beten euch viel segen zugeflossen:
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Der tod reißt euren trost und eure hoffnung ein;

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Doch aber tröstet euch! Es ist des HErren wille,
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Der will, und kan und mag nichts ungereimtes thun.
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Last die gebeine nur von eurem Vater ruhn:
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Wer weiß, was uns betrifft; er schläfet in der stille.

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Gott hat ihn weggerafft von aller noth und pein,
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Und seinen müden fuß nach Edens brunn gelencket,
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Wo er den frohen geist mit lauter leben träncket.
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Denckt, daß ein Jacob muß in Abrams schoose seyn.

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Seht hier, ihr sterblichen! das bild der redligkeit.
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Bespiegelt euch allhier, ihr falschgesinnten geister!
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Hier hilfft kein feigenblat, kein übertünchter kleister,
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Der tod zieht allen aus das falsche moden-kleid.

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Drum wolt ihr ruhm und lob zum sterbe-kittel haben,
102
So zieht die redligkeit bey eurem leben an.
103
Wer, wie der Seelige, so rühmlich sterben kan,
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Dem wird die tugend selbst sein lob in marmor graben.

105
Ach ja! wir sehen schon, wie sehr ihr ihn geklagt,
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Und ihm die grabschrifft setzt: Mein leser! wilst du wissen,
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Wer hier sein mattes haupt zur ruhe legen müssen?
108
Er lebte schlecht und recht. Ich habe gnug gesagt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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