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Wie, wenn das frohe licht, das alle welt geziert,
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Sich in ein schwartzes meer der finsterniß verliert,
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Gedancken, aug’ und geist in eine tieffe fallen:
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Wie, wenn ein schneller sturm, der harten donner knallen
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Den baum zu drümmern schlägt, der frucht und schatten gab;
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So starret hand und mund, da ich das offne grab,
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In welches Schurtzfleisch sinckt, gantz unverhofft erblicke.
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So hüllt mein Vater sich, mein Lehrer und mein Glücke
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Nun in ein leichen-tuch! und zwar auf einen tag!
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Wer ist, der diesen schmertz geschickt entwerffen mag?
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Denn solten thränen gleich an statt der farbe dienen,
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So würde sich doch kaum Timantes was erkühnen.
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Ein schmertz, wie dieser ist, wird durch ein sterbe-tuch
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Weit besser zugedeckt, als durch ein gantzes buch,
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Als mit des pinsels kunst, lebendig abgeschildert.
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Was sonst die seuffzer hemmt, die bittern klagen mildert,
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Vermehrt der zähren fluß: Ich weine nicht allein,
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Des Pindus lorbeer-wald wird ein cypressen-häyn:
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Selbst die gelahrtheit zagt; man spürt in ihren mauren
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Nichts als ein angst-geschrey, nichts als ein bloses trauren:
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Es bricht der thränen-flut durch ihre lichter vor:
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Die ohnmacht hengt ihr zu: Der Musen gantzes ehor
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Wirfft cräntz und spielwerck hin, und schlägt die zarten brüste,
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Weil Schurtzfleisch, ihre lust, auf einem traur-gerüste
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Vor ihren augen liegt: Ach klagt ich doch allein!
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So könte der Parnaß noch meine zuflucht seyn;
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So aber klagt er selbst: Wie solt’ er auch nicht klagen?
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Da Schurtzfleisch, dessen hand die barbarey geschlagen:
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Da Schurtzfleisch, dessen mund den feinden zum verdruß
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Der Musen ruhm erhöht, erblaßt verstummen muß.
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Wie klagt er nicht vor dem, da Scaliger gestorben!
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Du hast, Berühmter Mann! so großes lob erworben,
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Als dieser Fürsten-Sohn: Dir war das alterthum
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So wol als ihm bekant, ob du schon deinen ruhm
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Nicht selber ausposaunt: Du hast die klugen schrifften,
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Die Rom und Griechenland ein ewig denckmahl stifften,
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Von erster jugend an in deinen kopff gefaßt.
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Dir war es eine lust, was manchen eine last,
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Ja gar unmöglich scheint: Bey tag und nacht studiren,
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Und doch die munterkeit des geistes nicht verlieren,
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Wann Leucoreens wohl, wenn die gelehrte welt
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Schurtzfleischens rath bedarff: Wenn man vom rauhen Belt,
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Von allen ländern fast, die deinen namen nennen,
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Durch einen weisen trieb, dich, Großer Mann! zu kennen,
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Nach Wittenberg gereist: ist kein gemeines lob.
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Was den Salmasius bis an die stern’ erhob,
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Der sprachen wissenschafft, die kundschafft guter bücher,
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War größer noch bey dir: Verhaßte leichen-tücher!
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Was leget ihr mit ihm nicht in die finstre grufft!
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Mit dir, Gelehrter Greiß! der auch die tieffste klufft
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Des alterthums durchdrang: Was Rom noch großes zeiget:
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Was da noch vor verstand aus alten gräbern steiget,
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Hat kein Gruterus so, wie Schurtzfleisch, untersucht.
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Die halb-verloschne schrifft, die mancher ohne frucht
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Zu lesen sich bemüht, hat uns dein witz erkläret,
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Dem nichts zu dunckel war: Ach daß der tod verzehret,
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Was unersetzlich bleibt! Nun liegt der theure schatz,
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Und macht der klugen welt zu neuen klagen platz:
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Nun liegt die seltne frucht der offt-gethanen reisen.
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Dein alter Livius würd’ uns viel neues weisen;
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So aber hat der tod die theure müh zerstückt,
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Und uns das schönste licht mit deiner hand entrückt.
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Unschätzbarer verlust! Wer solte sich nicht kräncken?
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Denn Deutschland sieht noch mehr, als den Thuan versencken.
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Dein Waldeck, der offt mehr durch seinen rath verricht,
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Als mancher, der mit macht ins feindes lager bricht,
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Stirbt noch einmal mit dir. Was will ich weiter sagen?
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Man darff nur Engelland, man darff nur Franckreich fragen,
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Und Welschland, wo man dich erstaunend angehört,
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Nebst Holland, wo dich mehr als Grävius verehrt.
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Kurtz: Halb Europa wird die thränen loben müssen.
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Es ist ja fast kein land, das nicht dein hohes wissen
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Mit seinem glantz erfüllt, das Schurtzfleisch nicht geschaut,
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Und dem nicht deine faust ein ehren-mahl gebaut.
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Wenn gantze Länder nun mit dir so viel verlieren:
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Die Musen deinen sarg mit thränen-perlen zieren:
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Die weise Leucoris bey deiner bahre liegt:
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Dein bruder, der sich vor an nichts als dir vergnügt,
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Nun vor den bücher-saal ihm deine grufft erwehlet;
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Was wunder, wenn mein geist betrübte stunden zehlet,
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Und aus sich selber kömmt? Ach himmel! kan es seyn?
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Du pflegst die wissenschafft sonst stückweis auszustreun,
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Hier aber hatte sie mein Schurtzfleisch gantz beysammen,
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Und dennoch stirbet er. Soll man den schluß verdammen,
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Der den Demosthenes, wie stumme lippen trifft?
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Der großer lente mund, so wol des todes gifft,
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Als den bethörten schwarm des pöbels, trincken heißet?
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Der witz und unverstand in eine grube schmeißet?
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Nein! meine poesie! du gehest allzuweit.
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Schau nur, der himmel zeigt den besten unterscheid,
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Und dämpfft des zweiffels dunst: Denn ignoranten sterben;
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Mein Schurtzfleisch aber lebt. Laß seinen leib verderben,
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Sein ruhm bleibt dennoch stehn, den Famens goldne fahn
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Bis an die sonne führt: Der geist steigt himmel-an,
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Siegt über asch und graus, und ruht an jenem bronnen,
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Daraus der weisheit-strom in unsre welt geronnen,
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Wo ihn die ewigkeit in ihrem schoos umfaßt.
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Dis hebt in etwas noch die centner-schwere last
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Von der beklemten brust. Was dienen auch die thränen?
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Heißt uns sein wahl-spruch nicht das zagen abgewöhnen,
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Und unerschrocken stehn? Er gieng uns ja voran.
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Wir folgen ihm denn nach. Betrübter! der die bahn
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Des großen Bruders geht, du kanst die wehmuth lindern.
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Dein ungemeiner fleiß kan den verlust vermindern,
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Der noch die thränen nährt. Dein unerschöpffter geist,
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Macht, daß man dich bereits den andern Schurtzfleisch heist:
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Du wirst es auch stets seyn. Drum unterbrich die klagen,
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Damit sie dich nicht auch, wie ihn, zu grabe tragen.
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Dein leben ist sein ruhm. Drum lebe, Großer Freund!
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Und weil dein Bruder es so wohl mit mir gemeynt,
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So tritt an seine statt. Ach schau, was ich erblicke!
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Vielleicht hält dieser glantz die klagen was zurücke.
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Der Pindus zeiget sich in ungemeiner pracht:
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Ein sonnen-gleiches licht dämpfft die betrübte nacht:
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Die Musen sind bemüht ein ehren-mahl zu zimmern,
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Da Schurtzfleisch als ein stern von erster größe schimmern
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Und ewig strahlen soll. Genung, mein Schurtzfleisch lebt!
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Mein Schurtzsleisch, den der ruff aus asch und moder hebt.
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Es wird sein hohes lob, auch nach dem tode steigen.
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Europa denckt darauf, drum will ich gerne schweigen.