Die glücklich-verkehrte hoffnung, Bey Tit. Herrn Maximilian R. v. P. u. W

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die glücklich-verkehrte hoffnung, Bey Tit. Herrn Maximilian R. v. P. u. W (1710)

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Der Schotten königin, das muster vieler pein,
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Die ein geschärfftes beil in Engelland gefället,
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Und die der nachwelt sich zum schau-spiel aufgestellet;
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Grub ihren fenstern diß mit diamanten ein,
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Und schrieb, wofern es wahr, was man zu schreiben pfleget:
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Der hoffnung spitze hat mich in den staub geleget.
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Was diese königin ihr selber zugedacht,
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Ist ein gemeiner satz, den sonst die meisten fühlen.
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Das hoffen läst uns erst mit hundert sätzen spielen,
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Und endlich ists ein traum, wenn wir erst aufgewacht.
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Wer auf der hoffnung berg die spitze fast erstiegen,
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Muß offtmals unverhofft gestürtzt im grunde liegen.
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Man hofft bey abend-roth verklärte morgen-zeit,
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Pflegt gleich der tag darauf in nebel sich zu hüllen,
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Und in der blitzen macht vor sonnen gold zu füllen
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Die äpffel essen wir, die uns die wohllust beut,
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In meynung durch den biß das leben zu versüßen,
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Wenn wir mit schmertz und tod die kost bezahlen müssen.
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Die hoffnung stellt sich uns mit einem ancker vor;
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Wir gläuben, daß das schiff der flüchtigen gedancken
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Nicht dörffe durch gewalt von seiner stellung wancken.
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Da bricht der ancker offt, wie leichtes schilff und rohr.
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Was groß und nahe scheint, was fast in unsern händen,
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Verbirgt sich, wenn die zeit ihr fern-glas pflegt zu wenden:
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So schlägt die hoffnung fehl. Die furcht, ihr widerspiel,
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Pflegt auch im ausgang offt, sich anders zu vermählen,
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Ein schütze, der den schuß sich fürchtet zu verfehlen,
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Trifft manchmal unverhofft das vorgesteckte ziel.
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So hat ein sichrer leib, den fast der tod gebunden,
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Doch die gesundheit offt in kaltem giffte funden.
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Ein zufall, der uns nicht, wie wir gewünscht, berührt,
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Ein creutz und jammer-strahl von göttlichem geschicke,
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Erscheinen uns durch furcht, als lauter donner-blicke:
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Da doch ein läger opst offt honig in sich führt.
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So fürchten wir den weg des todes zu beschreiten,
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Der doch ein zugang ist zu tausend liebligkeiten,
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Wie unser große boll die ruder treibt und lenckt,
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So muß das leichte schiff der furcht und hoffnung fahren,
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Er lässet dessen thun sich mit verwirrung paaren,
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Der trotzig wolcken-an mit seinem Babel denckt,
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Und wer aus furcht schon meynt den abgrund zu berühren,
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Den kan er an das haupt der guten hoffnung führen.
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Hoch-Edle! derer geist itzt nichts als seuffzen kan,
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Was unsre feder schreibt von umgekehrten hoffen,
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Hat auf gewisse maß bey ihnen eingetroffen,
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Und auf gewisse maß sich anders dargethan.
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Jhr gutes hoffen hat theils ihnen fehl geschlagen;
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Theils aber kan der mund auch von erfüllung sagen.
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Es war die meynung ja der nun entseelten pein:
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Der die ergrimmte hand des todes hat gefället,
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Und ihn der langen reyh der todten zugesellet,
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Der solte mit der zeit den ahnen gleiche seyn,
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Und hier durch tugenden des hauses ruhm erhöhen,
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Und sonderlich den weg des theuren vaters gehen.
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Diß hoffen war gewiß auf guten grund gebaut:
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Er ließ der frömmigkeit stets ausschlag und gewichte,
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Und gab den zunder selbst zu diesem hoffnungs-lichte:
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Wir haben seinen fleiß nicht sonder lust geschaut.
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Sein steiffer vorsatz war, durch emsiges studiren
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Der väter ehren-mahl noch höher aufzuführen.
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Er ließ des hertzens hauß nicht einen land-weg seyn;
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Die pforten stunden hier nicht einem ieden offen;
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Die laster haben sie verschlossen angetroffen,
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Es nahm die tugend nur diß edle zimmer ein.
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Drum konte dieser trost aus solchen wurtzeln grünen:
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Es würde gleiches thun auch gleichen lohn verdienen.
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Doch daß dis hoffen nicht erfüllet werden kan,
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Und daß der schöne bau so lieblicher gedancken
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Doch muste durch den tod zu seinem falle wancken,
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Zeigt dero wehmuth uns mit tausend thränen an.
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Nur sarg und bahre steht dem hertzen eingepräget,
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Man klagt: die hoffnung sey in erd und staub geleget;
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Doch wie so glücklich hat diß hoffen sich verkehrt?
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Den ahnen gleich zu seyn, war wünschen und verlangen,
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Drum ist des sohnes geist dem vater nachgegangen,
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Ob zwar nicht solcher art, wie sie vielleicht begehrt;
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Er hat des todes pfad gleich so, wie er, genommen,
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Und ist durch gleichen weg, zu gleicher klarheit kommen.
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Wie gar so angenehm wird dessen ankunfft seyn!
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Wie wird sich so vergnügt der geister freundschafft küssen!
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Mit ihnen wird die lust ein ewig bündniß schliessen;
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Denn ihre hoffnung reißt kein trüber wechsel ein.
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Die ehre mag sich hier auf höchsten gipffeln zeigen,
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Es kan der Seelige die himmel übersteigen.
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Demnach so ruhe wohl, mit ruhm, Erblaßter Pein!
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Verschlaf in deiner grufft den rest der letzten zeiten!
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Dich wiederum zu sehn, dich ewig zu begleiten,
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Wird unterdessen uns ein festes hoffen seyn.
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Must du gleich, als ein stern der jugend, untergehen;
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Aus deiner asche wird ein sonnen-licht entstehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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