Die beschämte Hygea, Bey G. A. Luja, Med. D. schmertz- lichem absterben, Durch J. F. O. D

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die beschämte Hygea, Bey G. A. Luja, Med. D. schmertz- lichem absterben, Durch J. F. O. D (1710)

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HyGEA, unser trost und Libitinens schrecken,
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War, wie sie stets gewohnt, vor unser heyl bemüht;
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Sie gab bewährten rath vor blattern, gifft und flecken,
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Und wenn der matte leib von brand und schmertzen glüht:
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Besonders wurde sie von unmuth eingenommen,
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Als ihr, Geehrter Herr! sein ruff zu ohren kommen:
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Der Liebsten leben steht in äusserster gefahr,
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Es ist das aussenwerck schon allbereits erstiegen,
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Drum mache deine kunst doch eilend offenbar,
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Und hilff durch deine macht den frechen feind besiegen.

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Die göttin ward hierauf mit bleicher furcht bestricket,
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Sie dachte: Fehlet dem die offt erfahrne kunst,
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Dem sie bey andern hat so vielmal wohl geglücket?
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So lacht man meinen arm, und heist mein wissen dunst.
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Sie rieff: Zergliederung! laß iedermann erkennen,
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Daß man dich billig kan mein rechtes auge nennen;
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Entdecke, was da sey die qvelle dieser pein.
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Du edle scheide-kunst! nicht spare deine säffte,
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Und zeuch den besten kern aus kräutern, thier und stein,
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Verneu durch trinckbar gold die schon verlohrne kräffte.

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Sie sah hierauf erfreut, wie man ihr hähne schlachte,
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Und stets ihr opffer-tisch von neuem weine floß,
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Wie man ihr täglich mehr geweihte kertzen brachte,
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Und machte selbsten sich in ihrem geiste groß.
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Allein es können sich auch götter nicht so freuen,
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Daß Eris nicht darein kan unlusts-äpffel streuen:
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Denn Mortens mord-geschrey verstörte dieses fest;
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Sie schrie: Wer will sich mehr auf Phöbens macht verlassen?
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Denn Luja, dem er sich sonst gütig finden läst,
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Sieht seiner seelen licht itzt jämmerlich erblassen.

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Hygea starrte drauf, als wie vom blitz gerühret,
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Es fiel der scepter ihr vor schmertzen aus der hand,
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Jhr sitz, den die natur verwundert aufgeführet,
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Woran die meß-kunst auch hatt’ allen witz gewandt,
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Brach unversehns entzwey. Jhr auge ward verhüllet,
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Der gantze tempel ward mit nebel angefüllet;
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Die seuffzer schalleten aus der entzündten brust;
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Der adern heisser qvell fieng hefftig an zu wallen,
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Es war die ärmste kaum sich von sich selbst bewust,
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Daß sie aus ungeduld ließ diese wörter fallen:

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So windet Morta mir den scepter aus den händen?
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Die sich so vielmal hat vor meinem thron gebückt,
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Da Charon doch so offt hat müssen wieder länden,
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Und zwar durch meinen spruch, wenn er schon abgerückt.
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Die arge raubet nicht, die meinen kelch verachten,
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Nicht die aus überfluß der jahre nach ihr trachten;
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Sie windt den lebens-drat auch in der helfft entzwey;
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Sie führt den winter ein auch mitten in den lentzen;
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Jhr frecher blitz trägt nicht vor meinen priestern schen;
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Noch, wider die natur, vor ihren lorbeer-kräntzen.

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Soll ich den lästerern ja recht zum spott gedeihen:
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Es sey Hygeens kunst ein bloses gauckel-spiel,
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Die krafft, so bezoar und ambra mir verleihen,
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Verläng’ und kürtze nicht das ausgesteckte ziel?
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Hilff himmel! laß mich nicht in solcher schande leben!
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Man schmäht ja deine macht, so du mir hast gegeben.
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Wer mir die schuld beymißt, wenn ein verruchtes weib
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Und unerfahrner tropff, so mich aus mißbrauch nennen,
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Aus geitz und aberwitz bestürmt des menschen leib,
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Muß noch Hygeen recht, noch ihre söhne kennen.

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Mehr ließ die ungeduld nicht die erzörnte sagen,
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Der eifer nahm die brust, und scham die wangen ein,
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Sie konte keinen dienst und keinen schmuck vertragen,
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Und wolte diesen tag gantz ungestöret seyn.
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Allein es zwang sie bald sich anders zu entschlieffen,
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Daß viel vor ihre noth begehrten rath zu wissen.
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So bald sie munter ward, und mich ersehen hat,
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Der ich nebst andern mehr im tempel war erschienen,
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So sprach sie: Bringe doch dem Luja dieses blat,
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Es wird zu seinem trost und mir zum schutze dienen.

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Der innhalt war, wie folgt, nach aufgerißnem siegel:
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Verzeih, Geliebter Freund! daß meine macht gefehlt,
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Und nun dein halbes hertz, ein heller tugend-spiegel,
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Die werthe Liebste, wird den todten zugezehlt.
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Du weist, es hat zwar GOtt mir ein solch pfand befohlen,
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Von dem die sterblichen sich offtmal labsal holen,
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Worüber dennoch er die oberhand behält.
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Der sonder meine krafft läst neue menschen werden,
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Schickt ihren untergang, auch wenn es ihm gefällt,
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Und lindert nur durch mich die menschlichen beschwerden.

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Und dieser heist auch sie die erste schuld bezahlen,
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Drum gieb ihm willig hin das dir geborgte pfand,
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Der geist wird also los von seinen irrdschen schaalen,
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(die doch nicht gantz vergehn) und ruht ins Höchsten hand.
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Bringt sterben der natur und ärtzten nichts als fchrecken;
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So kan es Christen doch nur eitel trost erwecken.
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Diß ist der weisen stein, der alle plagen hebt,
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Drum will sie länger nicht in dieser welt verweilen,
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Weil hier nach ihm umsonst ein irrdscher Hermes strebt,
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Soll sie der Trismegist des himmels ewig heilen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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