Bey dem Roschk- und Fesselischen hochzeit-festin. Hilarius

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Bey dem Roschk- und Fesselischen hochzeit-festin. Hilarius (1710)

1
Hochbeglückter bräutigam! werthgeschätzter freund und vetter!
2
Dein vertrauter hochzeit-brief hat mein aug und hertz erfreut,
3
Da dein angenehmes fest über ungestümes wetter
4
Vollen glantz und sieg behält, und die rechte göldne zeit
5
Höchster anmuth deinen geist läst nach eignem wunsch geniessen;
6
Du erfährst, was jeder hofft, doch was wenigen geschieht:
7
Deine hoffnung hat vielleicht rechten grund zu finden wissen,
8
Worauf itzt dein wachsend glück durch die lieb ist aufgeblüht.
9
Nein, dem himmel schreibt mans zu, welcher durch verborgne wege
10
Wider der gedancken zweck führet deine wohlfahrt aus.
11
Mancher sinnt auf einen fund, macht ihm tausend überschläge,
12
Und gebiert, wie jener berg, eine lächerliche mauß.
13
Dieser sucht Pandoren auf, einen ausbund rarer nymphen,
14
Welche schönheit, tugend, witz, reichthum fast zum wunder
15
macht;
16
Findet aber Hecuben in zerrißnen schuh und strümpffen,
17
Wenn der eingebildte wahn aus dem liebes-schlaf erwacht.
18
Dort hat man Penelopen einem freyer vorgeschlagen,
19
Derer fleiß-gewohnte hand stets in voller arbeit sey;
20
Doch er muß den mißverstand leyder! nur zu spät beklagen,
21
Daß die gleichheits-probe heist drockerhaffte tendeley.
22
Dieser hat Lucretien ein recht tugend-bild gefunden,
23
Die den ruhm belobter zucht höher als das leben hält;
24
Doch darff kein Tarquinius dräun, sie tödlich zu verwunden,
25
Denn sie hat den alten brauch solcher einfalt abgestellt.
26
Unlängst rühmte mir ein freund eine treueste Alceste,
27
Die dem manne zugebracht ein sehr reich gesegnet hauß;
28
Doch das
29
Und zu höchster ungeduld ward ein
30
Als Placidius nächst saß in verwirreten gedancken,
31
Dacht ich: hat Eusebie keinen trost vor ihren mann?
32
Nein, sein engel kunte nichts, als nur fluchen, schelten, zancken,
33
Gleichwie jenes böse kraut ihrem Socrates gethan.
34
O verkehrte welt und zeit! Daphne dachte nicht zu fliehen,
35
Als ihr Phöbus wiederkam, brach von ihrem lorbeer-baum
36
Zweig und laub zum braut-crantz ab: Sirinx wolt sich nicht ent-
37
ziehen,
38
Sondern macht in ihrem schilff bald vor zwey personen raum.
39
Dieses ward in Syracus dem hochlöblichen gerichte
40
Alter Griechen kund gethan; hier saß Stagyritens geist,
41
Welchen schon zwey tausend jahr, nach glaubwürdiger geschichte,
42
In Euripens tieffen schlund schwartze finsterniß beschleust.
43
Plato und Pytagoras hatten gleichfalls ihre stellen,
44
Socrates, Euripides und Aesopus traten auf,
45
Satzten nebst dem Thales sich, schickten eiligst als pedellen,
46
Wie Demosthenes geklagt, den Diogenes hinauf,
47
Und citirten vor das recht das verklagte frauenzimmer.
48
Circe kam zum ersten vor, welche nach bekanter art
49
Täglich durch verborgnen trieb ihre freyer machte dümmer,
50
Wie den armen Lepidus, der zuletzt ein hase ward.
51
Die Aglais hatte sich zu der näscherey gewöhnet,
52
Aber die Asterie kannte sich vor hochmuth nicht,
53
Wenn Medusa zörnete, stund das haar ihr ausgedehnet,
54
Als wenn eine schlangen-brut offt sich durch einander flicht.
55
Und Cassandra ward gerühmt, daß ein näsgen anzudrehen,
56
Oder sonst zur schrauberey niemand leicht geschickter sey.
57
Andre der beschuldigten, die was weniges versehen,
58
Geh ich in erzehlungen wegen engen raums vorbey.
59
Hierauf wolt Calphurnia der beklagten unschuld retten,
60
Schalt und schrie mit ungestüm, bis sie Plato schweigen hieß,
61
Dessen sich die übrigen dißmal nicht versehen hätten,
62
Weil die advocatin sich auf ihr loses maul verließ.
63
Der bekaute Lucian kam zu recht gewünschter stunde,
64
Bot dem frauenzimmer sich als ein procurator an;
65
Doch weil ihm kein wahres wort gieng aus dem verlognen munde,
66
Waren die verklagten wol im processe übel dran.
67
Endlich gab man den sententz dem Lycurgus abzufassen,
68
Dieses innhalts: daß hinfort keine jungfer, engels-kind
69
Oder göttin heissen soll, auch sich nicht gelüsten lassen
70
Eine Venus mehr zu seyn, weil sie schwache menschen sind.
71
Indeß stund Democritus, hatte mit den armen sündern,
72
Welche knötgen knüpffeten, einen lächerlichen spaß,
73
Fragte seinen nachbar aus, ob er bey den reißgebündern
74
Solche knoten auch gelernt? Freylich, sprach Protagoras:
75
Und ließ eine probe seyn unsre nymphen zu bestricken,
76
Daß ein Gordianscher knopff schwerlich konte fester seyn.
77
Diesen nahm Thersites wahr, schlich herzu auf seinen krücken,
78
Küßte die gebundne schaar, daß sie must um hülffe schreyn.
79
Wie des magistrats befehl der Diogenes vernommen,
80
Führt er das betrübte volck immer nach dem carcer zu,
81
Mit betheurung, keine würd’ aus dem tabulate kommen,
82
Biß ein ehrlicher galan eine bitte vor sie thu.
83
Doch genung! ich sehe schon feuer aus den augen blitzen,
84
Hundert nadeln sind auf mich vor den lobgesang gewetzt,
85
Zwar die wahrheit könte mich wider solchen anfall schützen,
86
Wer ein gut gewissen hat, wird dadurch nicht aufgehetzt.
87
Doch die ungelegenheit bey den jungfern zu vermeiden,
88
So entschuldige das werck, sprich: Es sey ein bloser traum,
89
Sonst wird manch beredter mund einen schandfleck vor mich
90
schneiden,
91
Der im gantzen A B C habe nicht genugsam raum.
92
Aber wo gerath ich hin? Werther Vetter! diese zeilen,
93
Sind zu sehr von deinem glück und von meiner pflicht ent-
94
fernt,
95
Beydes heisset meinen fuß von den arrestirten eilen,
96
Und an einen ort zu gehn, wo man tugend kennen lernt.
97
Zwar das hertze wird mir schwer; solten die erzörnten damen
98
Nur aus rache im April mir wol einen possen thun?
99
Solte wol der fragende nach dem Fesselischen namen
100
In ein zucht-hauß müssen gehn, und in stock und fesseln ruhn?
101
Nein, ich folge dir getrost, denn ich sehe solche fessel,
102
Uber deren süße last sich kein kluger mann beschwehrt;
103
Ausser wer
104
Dir ist ein vollkommnes glück durch die Fesselin beschehrt,
105
Zum beweiß: daß wer zuerst einen schatz vom himmel bittet,
106
Und von stiller demuth mehr, als von frechen augen, hält,
107
Werde nach der liebes-wahl mit viel segen überschüttet,
108
Welcher auf sein hauß und hof als ein göldner regen fällt.
109
Lebe demnach höchst vergnügt, Werthgeschätzter Freund und
110
Vetter!
111
Deine liebe setze dich in ein solches paradieß,
112
Wo dein stets beglückter fuß tritt auf frische rosen-blätter,
113
So der mund, das aug und hertz hat den herrlichsten genieß.
114
Dich erfreu des himmels gunst mit gewünschten mäyen-tagen,
115
Die kein stürmender April stören noch vertilgen kan;
116
Kurtz, man müsse so von dir, als von Fortunato sagen:
117
Jener nagelte das glück; und du legst ihm fessel an.
118
Die rathschlagende und wohlschliessende Eusebie
119
Bey der

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.