Die schlafende Schöne

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die schlafende Schöne (1710)

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Du artzt der müdigkeit, du meister aller forgen,
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Des kummers ärgster feind, du kind der stillen nacht,
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Dich, schlaf! dich meyn ich hier, du sollst biß an den morgen
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In Chloris augen ruhn, daß sie nicht eh erwacht,
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Als biß mein auge sich an ihr mit lust geweidet:
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So bist du, schöner schlaf! der liebenden gewinn,
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Und wirst nach billigkeit mit ruhm und lob bekleidet,
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Denn also jagest du die noth und drangsal hin.
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Du herr der phantasie! befiehl doch deinen träumen,
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Den hildern dunckler nacht, daß sich ihr thun bemüh,
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Diß, was den schlaf verstört, bey seite hier zu räumen,
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Damit desselben lauff ja länger sich verzieh.
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Jhr träume tränckt den geist mit schönen phantasien,
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Kein lustspiel, das galant, muß hier vergessen seyn,
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Damit des schlafes zeit sich länger kan verziehen,
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Und durch sein süsses thun auch meinen geist erfreun.
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Ach wüste Chloris diß, daß hier mein auge wachte,
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Und ihre schönheit seh mit vollen augen an,
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Daß hier mein hertz in sich vor vielen freuden lachte,
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So wärs um meine lust und ihre gunst gethan.
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Der athem kühlet hier die rosen-lichten lippen,
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Es fällt der sanffte wind auch denen wangen zu,
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Und stöst an ihre höh als an zwo harte klippen,
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Es läst derselb auch selbst den brüsten keine ruh
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Und bleht sie immer auf; man siehet dessen spielen
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Als wie was schönes an; doch solte meine hand
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An dem, was hier zu sehn, sich nur ein wenig kühlen,
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So wär vom glücke mir das beste zugewandt.
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Was rath ist hier? soll ich mich etwas unterfangen?
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Doch nein, die ehrbarkeit die tritt hier in das spiel,
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Mich deucht, sie spricht, wilst du was liebes hier erlangen,
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So warte biß dein stand und deine Chloris will.
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Jedoch es wird zu lang, der himmel könt es schicken,
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Daß meine liebe sich verachtet müste schaun,
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Was würde mich da nicht vor eine sehnsucht drücken,
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Ich müste zeitlich mir mein grabmahl lassen baun.
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Die wollust reitzet mich, sie zwingt mir fast die hände,
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Und führt sie unvermerckt zu jenem paradieß,
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Das schöne grentzen hat, und weissen marmel-wände,
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Und wo der Adam sich selbst hin verleiten ließ.
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Was fang ich hier nun an? dem zwang zu widerstreben
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Ist zwar was löbliches, doch allzuschwer vor mich;
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Jm paradiese kan man nicht ohn fehler leben,
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Mit diesem tröst mein geist und kranckes hertze sich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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