Als sie ihn nicht küssen wolte

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Als sie ihn nicht küssen wolte (1710)

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Der garten meiner lust fühlt itzt ein ungewitter,
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Ein sturm des unglücks weht auf seine felder hin,
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Die vor gehoffte frucht schmeckt coloquinten-bitter,
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Ich fühle den verlust und hoffe doch gewinn.
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Die rosen-knospen sind in ihrer blüt ersticket,
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Kein zefyr nimmt sich mehr, wie vor, derselben an,
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Die sonne, die vorher geneigt auf sie geblicket,
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Weist, daß sie ihre gunst auch nun verhüllen kan.
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Verdrüßliches geschick! und unbelebtes leben!
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Da man die seele fast nicht in dem leibe fühlt,
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Da man der sehnsucht bleibt die gantze zeit ergeben,
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Und doch durch selbige nicht eine frucht erziehlt.
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Chlorinde macht mir itzt den liebes-himmel trübe,
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Doch will ihr regen nicht auf meine lippen ziehn,
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Sie saget zwar, daß sie mein wesen annoch liebe,
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Doch aber soll ich mich um keinen kuß bemühn.
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Wie reimt sich aber das? zwar lieben, doch nicht küssen?
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Wo soll ein leben seyn, wo doch die seele fehlt?
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Ich weiß nicht, wes ich mich soll in der angst entschliessen,
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Weil mich das ungemach zu seinem zweck erwehlt.
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O daß ich mir doch ließ das garn der liebe legen,
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O daß ich so geschwind darein gegangen bin,
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Ich hätte dieses erst bedeucklich solln erwegen,
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So fiel auf einmahl nicht der freuden trost-gewinn.
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Was aber ist zu thun, der fehler ist geschehen,
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Wer kost den liebes-safft und taumelt darnach nicht?
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So gehts, wenn wir auf was mit vollen blicken sehen,
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Nicht aber, ob die lust auch das vergnügen bricht.
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Die liebe leget ja zu kohlen weisse kreide,
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Zum besten diamant den schlechtsten kieselstein,
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Zum allergröhsten garn die allerzärtsie seide,
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Das ist: vor freude noth, vor licht den trauerschein.
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Ein kuß ist mir versagt, wie wird es mit dem hertzen,
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Wie wird es mit der gunst und ihrem geiste stehn?
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Mich deucht ich sehe schon von weitem größre schmertzen,
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Und die mir allbereit noch mehr zu hertzen gehn.
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Erbarmt euch meiner doch ihr sternen und du glücke?
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(die sterne red ich an, weils einer sonne gilt,)
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Und helfft, daß mich ja nicht ein ungemach bestricke,
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Jhr seyd ja, die ihr sonst der menschen sehnsucht stillt.
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Ich aber will getrost auf beßre zeiten hoffen,
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Die zeit verändert auch der menschen harten sinn:
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Und hat mich itzund gleich ein harter sturm betroffen,
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So hoff ich doch davor was grosses zum gewinn.
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Die treue muß doch stets noch ihren zweck erhalten,
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Ist gleich der anfang schwer, wird doch das ende gut.
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Ich will die liebe nur indessen lassen walten,
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Wer weiß? was heute noch ihr arm vor wunder thut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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