Auch dieß gehört dem König

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Georg Herwegh: Auch dieß gehört dem König (1843)

1
Ich wußt', ein König ist ein irrer Stern,
2
Und nur der Zufall regelt ihm die Bahnen —
3
Doch warnt' ich vor dem Schweif, nicht vor dem Kern,

4
Dem Schweif von Sklaven und von Charlatanen.
5
Ich dachte mir: Dein eigen Fürstenherz
6
Sei mehr als ein Register seiner Ahnen,

7
Und ich vergaß, daß stets ein dreifach Erz
8
Euch, selbst im Tod, von Eurem Volk noch trenne —

9
Mir Thoren war's als ob ich Dich schon kenne,
10
Als ob gesäugt uns Einer Mutter Brüste,
11
Der Mutter, die ich mein Jahrhundert nenne;

12
Mir war's, als ob ich in der deutschen Wüste
13
Von einem fernen Quell das Rieseln höre,
14
Und träumend lag ich an Atlantis' Küste,

15
Und ich vernahm so feierlich: „Ich schwöre!“
16
Herüber klangen von der Ostsee Borden
17
In meine Republik die Jubelchöre.

18
Begeistert rief ich: „Hoher Fürst im Norden!
19
Das Mädchen, drum die Väter einst gefreit,
20
Ist für die Söhne schier zu alt geworden:

21
22
Laß unbesorgt den welken Reiz vermodern
23
Und um den Tod der Knechtschaft trag' kein Leid,

24
„den Geistern gieb die Sühne, die sie fodern.
25
Laß endlich das gelobte Land uns erben!
26
Der Freiheit Oriflamme, laß sie lodern!

27
„laß all den Spuck beim Hahnenruf ersterben,
28
Getrosten Muths: Gevögel nur der Nacht
29
Wird elend an dem neuen Licht verderben,

30
„dem Lichte, das den Völkern Heil gebracht!
31
O sprich ein Wort, das ihre Angst vermindert!
32
O sprich ein Wort, vor dem der Schlaf erwacht!

33
„gieb ein Gesetz, das heilet, nicht nur lindert:
34
Ja gieb ein wahrhaft königlich Gesetz,
35
Das uns am Fallen, nicht am Gehn verhindert!

36
„so sei ein Fürst! so wag' es und verletz'
37
Den alten heil'gen hergebrachten Plunder:
38
Zertritt das Pfaffen- und das Adelsnetz!

39
„wirf in die harrende Welt hinaus den Zunder,
40
Und spreng' den morschen Bau hoch in die Luft!
41
Bist Du von Gott, wohlan, so thue Wunder!

42
„die Todten nur laß in der Todtengruft:
43
Es ist zu früh, wenn man am jüngsten Tage
44
All diesem Volk zur Auferstehung ruft.“

45
Nicht ganz so lautet' es, wie jetzt ich sage,
46
Mein Stachel hat nicht ganz so scharf gestochen;
47
Doch war's der tiefe Sinn von unsrer Klage,

48
Wenn wir, wie Hamlet einst, zu Dir gesprochen:
49
„im Staate Dänemark ist Etwas faul,
50
Und seine Kraft ist in sich selbst gebrochen.“

51
Du aber spielst den königlichen Saul;
52
(nicht jenen andern, den Du
53
Wol hoffend auf den Apostaten Paul — )

54
Du hast die freien Worte schlecht vergolten
55
Und warfst den Speer mit mörderischer Hand,
56
Wenn wir nicht jedem Knechte Beifall zollten.

57
Du hast den eiteln Buhlen Freund genannt,
58
Der solchen Schergenruhm mit vollen Backen
59
Posaunt; hast unsre reine Gluth verkannt,

60
Die nur das Erz wollt' läutern von den Schlacken:
61
Denn kommen
62
Der freie Männer scheidet von Kosaken.

63
Da stehst Du nun, mit zornigen Geberden,
64
Rathloser Fürst, inmitten Deiner Larven,
65
Der Larven, die sich nie entpuppen werden,

66
Erschaudernd vor der Wahrheit, vor der scharfen,
67
Und wirst der Gaukler eifriger Mäzen,
68
Die zwischen Licht und Finsterniß Dich warfen.

69
Zu scheu, der neuen Zeit in's Aug' zu sehn,
70
Zu beifallslüstern, um sie zu verachten,
71
Zu Hochgeboren, um sie zu verstehn:

72
Willst Du durch bunte Gläser sie betrachten,
73
Durch Gläser, die Dir deine Puppen schleifen,
74
Den letzten hellen Blick Dir zu umnachten?

75
Was half's Dir, ein Paar
76
Du wirst den Drang der Schöpfung nimmer stillen,
77
Und schneller werden nur die Früchte reifen.

78
Du armer Spielball armer Camarillen!
79
Du konntest Deiner Zeit die Fahne tragen
80
Und trägst nun ihre Schleppe wider Willen.

81
O lern' dem Traum des Heldenthums entsagen!
82
Vertrocknet ist für Dich der Born der That,
83
Aus Deinen Steinen wirst Du nicht ihn schlagen.

84
Nur feile Zungen dreschen Deine Saat,
85
Als wär' ein Wald von Aehren draus entsprossen:
86
Ich sehe nichts, als Unkraut und Verrath;

87
Verrath, der Dir die Herzen hat verschlossen,
88
Verrath an Dir und Deines Volkes Ehre,
89
Das thöricht für Dein Haus sein Blut vergossen;

90
Verrath in dem verpestenden Verkehre
91
Mit jenem Scheusal! Scheusal, mag's auch gleichen,
92
Wie Nero, dem Apoll von Belvedere:

93
Es herrscht kein Zweites in des Abgrunds Reichen.
94
Und Freund und Bruder nennst Du den Despoten
95
Und lauschest seines Munds geheimsten Zeichen;

96
Du willst, wie Er, nur schweigende Heloten,
97
Und Fürstenallmacht, die Ukasen schreibt
98
Dem Staube, dem Erniedrigung geboten.

99
Doch glaub' nicht, daß der Staub am Boden bleibt!
100
Es kommt ein Tag, da wird Euch Fürsten grauen!
101
Es kommt ein Sturm, der ihn nach Oben treibt!

102
Man wird den Staub auf Eurer Krone schauen,
103
Auf Eurem Purpurkissen wird er liegen —
104
Dann wagt's auf Eure

105
Feig, wie sie sind, sie werden flugs sich biegen
106
Und wedeln vor dem Volk, die Edelknaben,
107
Das Rohr, mit dem Ihr wollt den Sturm bekriegen.

108
Du hast verschmäht, dem Strom sein Bett zu graben
109
Und sinnest ihn zurück zum Quell zu drängen:
110
Er aber schäumt und

111
Dein war das Amt, der Freiheit Ring, den engen,
112
Mit Meisterschlägen friedlich zu erweitern —
113
Du hast's verschmäht! nun gilt es, ihn zu sprengen.

114
Das Schiff mit seinen ungeschickten Leitern,
115
Mit Dir und Deinem unglücksel'gen Thron:
116
Ich seh's vor Abend an der Klippe scheitern.

117
Noch lebt die Sphinx der Revolution!
118
Dein war das Amt, die Opferzeit zu kürzen:
119
— O, tausend Kränze harrten Deiner schon! —

120
Du konntest nur den Knoten
121
Und in den Sternen — hatt' ich falsch gelesen.
122
Die Sphinx wird
123
Und Du, — Du bist kein Oedipus gewesen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Georg Herwegh
(18171875)

* 31.05.1817 in Stuttgart, † 07.04.1875 in Lichtental

männlich, geb. Herwegh

revolutionärer deutsch-schweizerischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.