Amnestie

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Georg Herwegh: Amnestie (1843)

1
Sie lächeln! — doch ihr Lächeln ist verloren,
2
Vergebens ihrer Blicke Sonnenschein;
3
Wie ich für Fürstendonner keine Ohren,
4
Hab' ich kein Herz für ihre Schmeichelei'n.
5
O seht euch vor, es ist ein falsches Treiben!
6
Und diese Gnade — unser jüngst Gericht!
7
Wir wollen, Brüder, auf dem Wahlplatz bleiben:
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Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht!

9
In Rosen gilt's die Freiheit zu erdrücken,
10
Die sich in Ketten nicht erdrosseln läßt:
11
O gönnt dem Volk, dem Pöbel sein Entzücken,
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Dieß falsche, heuchlerische Freudenfest!
13
Ihn hungert wohl, er geht nach seinem Brode,
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Das man ihm fürder reichlicher verspricht:
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Uns dürstet. Drum: dieß Glas dem freien Tode!
16
Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht!

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Ei schaut, der Käfig wird nun aufgeschlossen,
18
Da längst der Vogel nicht mehr fliegen kann;
19
So mancher unsrer alten Kampfgenossen
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Ist nun ein müder, ein gebrochner Mann!
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Hübsch sind die Blumen, drin ihr sprecht; nur schade,
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Daß draus der Dorn des Despotismus sticht.
23
Das Recht vor Gott braucht keines Königs Gnade:
24
Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht!

25
Geschäftig drängt das Volk von nah' und ferne,
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Des Fürsten Hände küssend, sich heran:
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Es sei — wir folgen unserm eignen Sterne,
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Des Thrones Himmel ist nicht seine Bahn.
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Mag sich die Welt im Strahl der Gnade sonnen,
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Ich kenn' ein Fähnlein doch, das weiter ficht;
31
Frisch, meine Jugend, frisch den Kampf begonnen!
32
Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht!

33
Was war denn zu vergessen und vergeben,
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Und welche Todessünde zu verzeihn?
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Nach mancher Krone pflegten wir zu streben;
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Doch sagt, schenkt man in Euren Kronen Wein?
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Wir wollten uns so gern mit euch versöhnen!
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Gebt Raum der Freiheit, wie dem Tageslicht!
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Ihr zaudert? — Gut, so laßt den Schlachtruf tönen:
40
Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht!

41
So will's die Zeit! sie heischet Feuerzungen,
42
Ihr Sturm verweht der Liebe sanften Hauch;
43
Doch was wir für die Freiheit einst errungen,
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Errangen wir für unsre Liebsten auch.
45
Wenn Alle jubelnd in die Hände schlagen,
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Weil 'mal ein Gnadenstrom aus Felsen bricht —
47
Dann können
48
Mein Liebster starb, doch er ergab sich nicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Herwegh
(18171875)

* 31.05.1817 in Stuttgart, † 07.04.1875 in Lichtental

männlich, geb. Herwegh

revolutionärer deutsch-schweizerischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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