Die deutsche Flotte

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Georg Herwegh: Die deutsche Flotte (1843)

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Erwach', mein Volk, mit neuen Sinnen!
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Blick' in des Schicksals goldnes Buch,
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Lies aus den Sternen dir den Spruch:
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Erwach', mein Volk, heiß' deine Töchter spinnen!
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Wir brauchen wieder einmal deutsches Linnen
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Zu deutschem Segeltuch.

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Hinweg die feige Knechtsgeberde;
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Zerbrich der Heimat Schneckenhaus,
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Zieh' muthig in die Welt hinaus,
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Daß sie dein eigen werde!
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Drum wirf den Anker aus!

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War Hellas einst von bessrem Stamme,
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Als du? von bessrem Stamme Rom?
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Daß Hermann, dein gepries'ner Ohm,
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Mein Volk, dich nicht verdamme —
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Hinaus ins Meer mit Kreuz und Oriflamme!
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Sei mündig und entlaufe deiner Amme,
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Wie seinem Quell dein Strom!

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Wohl ist sie dein, die schönste Flotte,
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Die je ein sterblich Aug' entzückt:
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Der Münster Schiffe, wie geschmückt
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Hast Du sie deinem Gotte!
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Du lächelst ob der Feinde schwachem Spotte,
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Wenn sie auf schwankem Brett, die freche Rotte,
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Die Frucht der Erde pflückt.

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Auch
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Wenn erst das Salz dein Ruder netzt,
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Und all die Sterne, die sich jetzt
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Stolz über'm Haubt dir wiegen,
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Gleich schmucken Sklaven dir zu Füßen liegen;
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So zwischen zweien Himmeln hinzufliegen —
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Diß Ziel ist dir gesetzt!

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O blick' hinaus ins Schrankenlose!
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Bestürmt dein Herz nicht hohe Lust,
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Wenn, wie an einer Mädchenbrust
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Die aufgeblühte Rose,
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Die Sonne zittert in des Meeres Schooße?
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Und rauschen nicht der Tiefe tausend Moose
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Dir zu: du mußt! du mußt!?

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Gleicht nicht das heil'ge Meer dem weiten
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Friedhof der Welt, darüber hin
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Die Wogen Decken von Rubin
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Und grüne Hügel breiten?
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Um deiner Todten Asche mußt du streiten!
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Ha! schlummern nicht aus deiner Hansa Zeiten
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Auch deutsche Helden drin?

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Wiegt sich nicht auf krystallnem Stuhle
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Im Meer der Nereïden Schaar,
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Die sich ihr Schicksal Jahr um Jahr
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Abspinnt von goldner Spule?
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Lockt sie dich nicht, der Becher nicht von Thule,
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Das wilde Meer, der Freiheit Hohe-Schule,
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Lockt dich nicht die Gefahr? —

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Das Meer wird uns vom Herzen spülen
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Den letzten Rost der Tyrannei,
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Sein Hauch die Ketten wehn entzwei
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Und unsre Wunden kühlen.
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O laßt den Sturm in euren Locken wühlen,
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Um frei wie Sturm und Wetter euch zu fühlen;

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Kühn, wie der Adler kommt geflogen,
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Nimmt der Gedanke dort den Lauf,
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Kühn blickt der Mann zum Mann hinauf,
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Den Rücken ungebogen.
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Noch schwebt der Geist des Schöpfers auf den Wogen,

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Wie dich die Lande anerkennen,
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Soll auch das Meer dein Lehen sein,
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Das alle Zungen benedein
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Und einen Purpur nennen.
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Er soll nicht mehr um Krämerschultern brennen —
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Wer will den Purpur von dem Kaiser trennen?
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Ergreif' ihn, er ist

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Ergreif' ihn, und mit ihm das Steuer
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Der Weltgeschichte, fass' es keck!
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Ihr Schiff ist morsch, ihr Schiff ist leck,
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Du bist des Herrn Erwählter und Getreuer;
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O sprich, wann lodern wieder
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Von jenes Schiffes Deck?

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Hör', Deutschland, höre deine Barden:
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Dir blüht manch lustig Waldrevier —
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Erbaue selbst die Segler dir,
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Der Freiheit beste Garden,
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Mit eignen Flaggen, eigenen Kokarden;
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Bleib' nicht der Sklave jenes Leoparden
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Und seiner schnöden Gier!

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Wen bittrer Armuth Noth erfaßte,
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Und wer verbannt die See durchwallt,
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Daß heiße Sehnsucht nicht zu bald
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Die Seele ihm belaste:
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Dem sei's beim Schwanken einst der deutschen Maste,
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Als ob er träumend noch zu Hause raste
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Im kühlen Eichenwald.

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Es
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Ersehnter Einheit für uns schlägt,
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Und
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Wenn keine Krämerwage mehr, wie Pfunde,
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Europa's Schicksal wägt.

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Schon schaut mein Geist das nie Geschaute,
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Mein Herz wird segelgleich geschwellt,
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Schon ist die Flotte aufgestellt,
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Die unser Volk erbaute;
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Schon lehn' ich selbst, ein deutscher Argonaute,
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An einem Mast, und kämpfe mit der Laute
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Ums goldne Vließ der Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Herwegh
(18171875)

* 31.05.1817 in Stuttgart, † 07.04.1875 in Lichtental

männlich, geb. Herwegh

revolutionärer deutsch-schweizerischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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