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Es zeigte mir dein Brief so viel Vergnügtes an/
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Daß ich fast halb entzückt das Siegel auffgethan/
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Das Siegel/ so ich mehr als tausendmahl geküsset/
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Weil es mich allezeit zum freundlichsten begrüsset/
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Und täglich neue Gunst von deiner Hand gereicht;
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Die aber/ wie es scheint/ aus dessen Schrancken weicht.
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Die Schreib-Art die du brauchst/ und der ich nicht gewohnet/
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Hat wie ein harter Sturm des Lebens nicht geschonet/
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Sie läst mit voller Macht die Unglücks-Winde loß/
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Und stürtzt mich unverhofft in aller Mutter Schooß.
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Kein Donner kan so sehr bey heiterm Himmel schrecken/
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Kein unversehner Blitz kan solche Angst erwecken/
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Die Worte sind so hart/ die deine Schrifft gehegt/
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Daß sie mein mattes Hertz im Augenblick entgeistert/
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Ich wurde fast entseelt/ von Ohnmacht übermeistert
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Sanck ich als wie ein Bild zur Erden gantz erblaßt/
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Ja hätte mich mein Freund sogleich nicht umgefaßt/
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Und Balsam dargereicht/ so wär ich gar verblichen/
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Die Geister waren schon in
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Woraus sie dessen Hand so weit zurück gebracht/
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Daß mir des Tages-Schein aus dunckeln Wolcken lacht.
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Denn deine Hand ließ mir in wenig Worten lesen/
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Daß deine Freundlichkeit verstellter Schertz gewesen.
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„es kriegt mein Liebster nur von mir das Liebes-Pfand/
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„begnüge dich daran/ daß dich mein Mund geliebet
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„der nicht so gleich das Hertz zur Wechsel-Banck hingiebet.
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Hiemit ward mir der Korb gantz höfflich zugestellt/
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Mein Urtheil wurde mir gleichsahm im Schertz gefällt.
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Mein Hoffnungs-Schiff treibt nicht in den gewünschten Haven/
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Amariane wähl't mich nicht zu ihren Sclaven.
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Weil aber dieser Spruch mir allzu herbe scheint/
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So habe ich dein Knecht allzeit/ und noch/ vermeynt/
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Daß es dein Ernst nicht sey/ was du so hart geschrieben/
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Ich hoffe/ daß du wirst mich wie vorhero lieben.
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Ich will dein eigen seyn mit Hertze/ Hand und Mund/
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Und dieser machet dir die schönen Fesseln kund/
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Damit du meinen Geist als einen Sclaven drückest
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Und in die Dienstbarkeit so schöner Augen rückest.
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Zieh doch die Larve ab/ so dein Gesicht verstellt
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Blick deinen Selaven an/ so dir zu Fusse fällt
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Und laß mich doch das Band/ das Band der Liebe kriegen/
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Woran mein Leben hengt/ und was mich kan vergnügen.