70.

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Friedrich Rückert: 70. (1839)

1
Dem Weisheitdurstenden hat nie so recht von Grund
2
Den Durst gestillt ein Buch, wie eines Lehrers Mund.

3
Lebendig ist der Trieb nur des gesprochnen Wortes,
4
Und das beschriebne Blatt vom Baum ist ein verdorrtes.

5
Selbst jenes Wort, das Erd' erschuf und Himmel dort,
6
War ein gesprochenes, nicht ein geschriebnes Wort.

7
Und dem gesprochnen Wort verblieb der Lehrberuf,
8
Zu schaffen immerfort, wie es zuerst erschuf.

9
Und selber Gottes Schrift in Schrift und in Natur,
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Wird immer neu belebt durch Schriftauslegung nur.

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Geschriebnes Wort, dem Buch vertraut, ist halb verlassen
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Vom Geist, und halb nur kann der Menschengeist es fassen.

13
Es geht von Hand zu Hand, es kommt von Land zu Land,
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Und findet, wie sichs trifft, Verstand und Misverstand.

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Gesprochnes gehet durch erwählter Hörer Runde,
16
Und immer neu belebt geht es von Mund zu Munde.

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Doch bildet es sich um, je weiter um es geht,
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Verwandelt sich und schwankt, nur das geschriebne steht.

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Ja, hätte nicht die Schrift den Zauberkreis gezogen,
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Viel Gold der Vorzeit wär' im Wind wie Spreu verflogen.

21
Nicht minder drum dem Mund lerndurst'ger Menschenkinder
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Als Spracherfinder sei geehrt der Schrifterfinder.

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Wer ists? Gott, dessen Stift an Erd- und Himmelstrift
24
Geschrieben seinen Ruhm in Blum- und Sternenschrift.

25
Auf Tafeln von Lazur und auf smaragdner Flur,
26
Wie im Rubin der Brust, lies seine Namen nur.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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