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Soll ich vom sicheren Mann ein Mährchen erzählen, so
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— Etliche sagen, ihn habe die steinerne Kröte geboren:
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Also heißt ein mächtiger Fels in den Bergen des Schwarz-
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Bauchig und oben platt, der häßlichen Kröte vergleichbar.
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Darin lag er und schlief bis nach den Tagen der Sünd-
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Nämlich es war sein Vater ein Waldmensch, tückisch und
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Allen Göttern ein Gräul und allen Nymphen gefürchtet.
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Ihm nicht völlig gleich ist der Sohn, doch immer ein Un-
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Riesenhaft an Gestalt, von breitem Rücken und Schultern.
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Ehmals ging er fast nackt, unehrbarlich, aber seit Menschen-
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Denken im grauen wollenen Rock, mit schrecklichen Stiefeln.
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Graue Borsten träget sein Haupt, es starret der Bart ihm.
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(heimlich, so heißt's, besucht ihn der Igelslocher Balbierer
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In der Höhle, wo er ihm dient wie der sorgsame Gärtner,
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Wenn er die Hecken stuzt mit der unermeßlichen Scheere.)
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Lauter Nichts ist sein Thun und voller thörichter Grillen:
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Wenn er niedersteigt vom Gebirg bei nächtlicher Weile,
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Laut mit sich selber redend, und oft ingrimmigen Herzens
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Weg- und Meilenzeiger knickt mit Einem Fußtritt
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(diese hasset er auf den Tod, gewißlich ohn' Ursach'),
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Oder wenn er zur Winterzeit in's beschneiete Blachfeld
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Sich der Länge nach streckt und, aufgestanden, an seinem
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Conterfei sich ergözt mit bergerschütterndem Lachen.
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Aber nun lag er einmal Mittags in seiner Behausung,
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Seinen Rübenfraß zu verdauen, welcher ihm süß däucht.
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Plötzlich erfüllet wonniger Glanz die Wände der Höhle,
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Lolegrin tritt herein, der liebliche Götterjüngling,
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Welcher ein Lustigmacher heißt der seligen Götter,
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Weyla's schalkischer Sohn, mit dem Narrenkranz um die
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Zierlich aus blauen Glocken und Küchenschelle geflochten.
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Er nun redet den Ruhenden an mit trüglichem Ernste:
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„suckelborst, sicherer Mann, sey gegrüßt! und höre ge-
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Was die Himmlischen dir durch meine Sendung entbieten.
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— Sämmtlich ehren sie deinen Verstand und gute Ge-
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So wie deine Geburt: es war dein Vater ein Halbgott,
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Und deßgleichen hielten sie dich stets; aber in Einem
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Bist du ihnen nicht recht: das sollst du jetzo vernehmen.
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Lieber, bleibe nur liegen getrost! ich setze mich unten
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Auf den Absatzrand hier deines würdigen Stiefels,
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Der wie ein Felsblock ragt, und unschwer bin ich zu tragen.
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— Siehe, Serachadan zeugete dich mit der Riesenkröte,
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Seine Götterkraft in ihrem Leibe verschließend,
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Da sie noch lebend war; denn gleich nach ihrer Empfängniß
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Ward sie verwandelt zu Stein, auch dein Vater hauchte
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Ader du schliefest im Mutterleibe neun Monden und drüber,
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Denn im zehnten kamen die großen Wasser auf Erden.
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Vierzig Tage lang strömte der Regen und vierzig Nächte
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Auf die sündige Welt, so Thiere wie Menschen ersäufend;
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Eine einzige See war über die Lande ergossen,
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Ueber Berg und Thal und deckte die wolkigen Gipfel.
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Aber du lagest zufrieden in deinem Felsen verborgen,
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So wie die Auster ruht in fest verschlossenen Schalen,
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Oder des Meeres Preis, die unbezahlbare Perle.
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Götter segneten deinen Schlaf mit hohen Gesichten,
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Zeigten der Schöpfung Heimliches dir, wie Alles geworden;
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Erst, wie der Erdenball, mit wirkenden Kräften geschwän-
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Einst dem dunkelen Nichts entschwebte, zusammt den Ge-
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Wie mit Gras und Kraut sich zuerst der Boden begrünte,
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Wie aus der Erde Milch, so sie hegt im inneren Herzen,
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Alles Fleisch ward geformt, das zarte, darinnen der Geist
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Thier- und Menschengeschlecht; denn erdgeboren sind Beide.
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Ferner sang dir dein Traum der Völker späteste Zukunft,
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Auch der Throne Wechselgeschick, der Könige Thaten,
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Ja, du sahst den verborgenen Rath der ewigen Götter.
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Solches gönnten sie dir, daß du, ein herrlicher Lehrer
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Oder Seher, das Unerhörte wiederum kündest,
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Nicht den Menschen sowohl, die da leben und wandeln
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Ihnen dient nur wenig zu wissen —, sondern den Geistern
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In der Schattenwelt, den alten Weisen und Helden,
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Welche traurig sitzen und forschen das hohe Verhängniß,
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Schweigsam immerdar, des erquicklichen Wortes entbehrend.
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Aber vergebens harren sie dein, dieweil du ja gänzlich
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Deines erhabnen Berufs vergissest. Laß mich nur offen
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Dir gestehen, so wie du es bisher getrieben, erscheinst du
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Weder ein Halbgott, noch ein Begeisteter, sondern ein
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Gräulichem Rübenfraß ergeben, sinnst du nur Unheil;
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Steigest des Nachts in den Fluß, bis über die Kniee ge-
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Trennst die Bänder los an den Flößen und schleuderst die
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Weit hinein in das Land, den ehrlichen Flößern zum
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Tagelang trollst du müßig umher im wilden Gebirge,
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Ahmest das Grunzen des Keulers nach und lockest sein
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Greifest, wenn sie nun rennt durch den Busch, die Sau
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Zwickst die Wüthende, grausam dich weidend an ihrem
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Siehe, dies wissen wir wohl, denn Alles sehen die Götter.
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Aber reize sie länger nicht mehr, es möchte dich reuen!
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Schmeidige doch ein Weniges deine borstige Seele!
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Suche zusammen dein Wissen und lichte die rußigen
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Deines Gehirns, besinne dich wohl auf Alles und Jedes,
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Was dir offenbart ist, dann nimm den Griffel und
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Fein mit Fleiß in ein Buch, damit es daure und bleibe;
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Leg' es den Todten aus in der Unterwelt! sicherlich weißt du
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Wohl die Pfade dahin und den Eingang, welcher dich nicht
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Denn du bist ja der sichere Mann mit den wackeren
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Jetzo sey es genug. Bewahre mein Wort im Gedächtniß,
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Lieber! und also scheid' ich. Ade! wir sehen uns wieder.“
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Sprach's, der schelmische Gott, und ließ den Alten
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Dieser war wie verstürzt, und stand ihm fast der Verstand
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Endlich hebt er halblaut zu brummen an und zu fluchen,
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Schandbare Worte zumal, gottlose, nicht zu beschreiben.
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Aber nachdem die Galle verraucht war und die Empörung,
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Hielt er inne und schwieg, denn es gemahnte der Geist
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Nicht zu trotzen den Himmlischen, deren doch immer die
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Sondern zu folgen vielmehr. Und alsbald wühlt sein
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Rückwärts durch der Jahrtausende Wust, bis tief wo er
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Noch ein Ungeborener, träumte die Wehen der Schö-
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(denn so sagte der Gott, und Götter werden nicht lügen).
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Aber da däucht' es ihm Nacht, dickfinstere; wo er umher-
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Nirgend ist noch ein Halt und noch kein Nagel geschlagen,
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Anzuhängen die Wucht der zentnerschweren Gedanken,
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Welche der Gott ihm erregt' in seiner erhabenen Seele.
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Und so kam er zu Nichts und schwitzete wie ein Ma-
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Endlich ward ihm geschenkt, daß er sich dahin bedachte:
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Erst ein Buch sich zu schaffen, ein unbeschriebenes, großes,
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Seinen Fäusten gerecht und werth des künftigen Inhalts.
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Wie er Solches erreicht, o Muse, dies hilf mir verkünden!
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Längst war die Sonne hinab und Nacht beherrschte den
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Seit vier Stunden, da hebt der sichere Mann sich vom
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Setzet den runden Hut auf das Haupt, den Wanderstab
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Und verlässet die Höhle. Gemächlich steigt er bergaufwärts,
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Redt mit sich selber dabei und brummt nach seiner Ge-
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Aber jetzo hub sich der Mond in leuchtender Schöne
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Rein am Forchenwalde herauf und erhellte die Gegend,
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Sammt der Höhe von Igelsloch, wo nun Suckelborst an-
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Eben hatte der Wächter die zwölfte Stunde gerufen,
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Alles ist ruhig im Dorf und nirgend Licht mehr zu sehen,
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Nicht in den Kunkelstuben gesellig spinnender Mägdlein,
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Nicht am einsamen Stuhle des Webers oder im Wirthshaus,
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Mann und Weib liegt im Bette, die Last des Tages
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Sachte tritt Suckelborst nun vor die nächstgelegene Scheuer,
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Mißt mit wohlgefälligem Aug' so Höhe wie Breite
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Beider Flügelthore (sie waren nicht von den kleinsten,
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Aber er selbst war größer denn sie, dieweil er ein Riese),
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Dann betrachtet er Schloß und Riegel, kneipt mit dem
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Ab den Globen und öffnet das Thor und hebet die Flügel
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Aus den Angeln und lehnt an die Wand sie übereinander.
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Alsbald schaut er sich um nach des Nachbars Scheuer und
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Zu demselben Geschäft und raubt die mächtigen Thore,
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Stellt zu den vorigen sie an die Wand, und alsofort
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Weiter im Gäßchen hinauf, bis er dem fünften und
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Bauern auf gleiche Weise die Tenne gelüftet. Am Ende
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Ueberzählt er die Stücke: es waren eben ein Dutzend
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Blätter, und fehlte nur noch, daß er mit sauberen
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Hinten die Angel-Oehre verband, da war es ein Schreib-
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Gar ein stattliches; doch dies war ein Geschäft für da-
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Also nimmt er es unter den Arm, das Werk, und trollt sich.
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Unterdeß war der schnarchenden Bauern Einer vom
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Aufgeschauert und hörte des schwer-Entwandelnden Fußtritt.
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Hastig entrauscht er dem Lager und stößt am niedrigen
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Rasch den Schieber zurück und horcht und sieht mit Ent-
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Rings im mondlichen Dorf der Scheuern finstere Nachen
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Offen stehn; da fährt er voll Angst in die lederne Hose
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(beide Füße verkehrt den linken macht er zum rechten),
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Rüttelt sein Weib und redet zu ihr die eifrigen Worte:
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„käthe, steh' auf! der sichere Mann — ich hab' ihn ver-
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Hat im Flecken übel handthiert und die Scheuern ge-
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Sieh mir im Hause nach und im Stall! Ich laufe zum
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Also stürmt er hinaus. Doch im Hofe thut er erst selber
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Einen Blick in die Ställe, ob auch das Vieh noch vor-
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Aber da fehlte kein Stück, und die Schecke muht ihm
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Meint, es wär' Fütternszeit; er aber eilt in die Gasse,
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Klopft unterwegs dem Büttel am Laden und ruft ihm
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„michel, steh' auf! mach' Lärm! der Suckelborst hat den
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Heimgesucht und die Scheuern erbrochen und übel gewirth-
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Solches noch redend war er schon weiter und weckte den
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Weckte den Burgermeister und alle seine Gefreundte.
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Vorn am Eingang sammelte sich unliebsamer Kehricht
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Niederen Volks, betrügliche Krämer, Kuppler und Metzen,
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Lausige Dichter auch und unzählbares Gesindel.
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Diese, zu schwatzen gewohnt, zu scherzen oder zu fluchen,
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Mühten vergebens sich ab, zu erheben die lispelnde
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Denn hellklingendes Wort ist nicht den Todten verliehen —
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Und so winkten sie nur mit heftig bewegter Geberde,
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Stießen und zerrten einander wie im Gewühle des Jahr-
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Aber weiter hinein sah man die edleren Geister,
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Priester, Könige, Helden; geschmückt mit ewigem Lorbeer,
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Ruhig ergingen sie sich und saßen, Manche zusammen,
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Manche für sich, und es schied die weit zerstreueten Gruppen
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Hügel und Fels und Gebüsch und die finstere Wand der
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Suckelborst lehnet nunmehr sein mächtiges Manu-
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Gegen den kleinen Hügel, den rundlichen, welchem gen-
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Er selbst Platz zu nehmen gedenkt auf moosigem Felsstück.
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Doch erst leget er Hut und Stock bedächtig zur Seite,
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Streicht mit der breiten Hand den beißenden Schweiß von
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Räuspert sich, daß die Hallen ein prasselndes Echo ver-
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Sitzet nieder sodann und beginnt den erhabenen Vortrag;
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Wie der Erdenball, mit wirkenden Kräften geschwängert,
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Einst dem dunkelen Nichts entschwebte zusammt den Ge-
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Wie mit Gras und Kraut sich zuerst der Boden be-
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Wie aus der Erde Milch, so sie hegt im inneren Herzen,
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Alles Fleisch ward geformt, das zarte, darinnen der Geist
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Thier- und Menschengeschlecht; denn erdgeboren sind