Nannys Traum

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Eduard Mörike: Nannys Traum (1838)

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Ich wollte gar zu gern für Dich
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Ein herzig Blümelein wo finden,
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Und lief und suchte emsiglich.

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Ach, nirgend sah ich eines stehen,
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Da fing ich laut zu weinen an:
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„den Frühling hab' ich kaum gesehen,
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Und kommt der Winter schon heran!“

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So lief ich fort und fort mit Trauern,
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Erst bei dem letzten Abendschein
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Hielt ich vor heil'gen Kirchenmauern,
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Das Thor stand auf, ich trat hinein

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Und kam in einen stillen Garten
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Und vor ein frisch bereites Grab,
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Dran sah ich einen Engel warten,
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Gelehnt auf einen Hirtenstab.

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Der schaut mich traurig an und bange
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Und nickt und winket mich herbei;
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Mir war, als kennt' ich ihn schon lange
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An seinen Augen fromm und treu.

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Er winkt, und aus des Grabes Schoose
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Steigt blühend, wie der Schnee so rein,
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Hervor die weiße Todtenrose
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Und neiget sich im Mondenschein.

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Begierig schnell will ich sie pflücken,
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Doch mir versagt die kleine Hand,
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Indeß mit freudehellen Blicken
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Ein zweiter Engel vor mir stand.

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Er zog mich sachte weg zur Pforte
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Und sprach: „Du gutes, krankes Kind,
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O laß die Rosen hier am Orte,
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Die bleich wie deine Wangen sind!

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Auf's Neue sollst du fröhlich springen,
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Ihr Wänglein blühet frisch und roth!
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Das dir dein guter Engel bot.“

(Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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