Wald-Idylle

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Eduard Mörike: Wald-Idylle (1838)

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Unter die Eiche gestreckt, im jung belaubten Gehölze
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Lag ich, ein Büchlein vor mir, das mir das lieblichste
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Jene Mährchen erzählt's von der Gänsemagd und von
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Von dem Machandelboom; wahrlich, man wird sie
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Grünlicher Maienschein warf mir geringelte Lichter
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Auf's beschattete Buch, neckische Bilder zum Text.
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Ferne hör' ich die Holzart fallen, ich höre den Gukuk
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Und es lispelt ein Bach wenige Schritte vor mir.
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Mährchenhaft fühl' ich mich selbst, mit aufgeschlossenen
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Seh' ich, wie helle! den Wald, ruft mir der Gukuk,
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Plötzlich rauscht es im Laub, — wird doch Sneewittchen
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Oder, bezaubert, ein Reh? Nicht doch, kein Wunder
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Siehe, mein Nachbarskind aus dem Dorf, mein artiges
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Müßig lief es in Wald, weil es den Vater dort weiß,
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Ehrbar setzet es sich an meine Seite, vertraulich
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Plaudern wir Dieses und Das, und ich erzähle sofort
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Gar ausführlich die Leiden des unvergleichlichen Mädchens,
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Dem von der Mutter Hand dreimal der Tod schon gedroht.
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Denn die Eitle, die Königin, haßte sie, weil sie so schön war,
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Grimmig, da mußte sie fliehn, wohnte bei Zwergen
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Aber die Königin findet sie bald; sie klopfet am Hause,
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Bietet, als Krämerin, schlau, lockende Waare zu Kauf.
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Arglos öffnet das Kind, den Rath der Zwerge vergessend,
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Und das Liebchen empfängt, ach! den vergifteten Kamm.
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Welch ein Jammer, da nun die Kleinen zu Hause ge-
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Welcher Künste bedarf's, bis die Erstarrte erwacht!
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Doch zum zweiten Mal kommt, zum dritten Male, ver-
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Die Verderberin, leicht hat sie das Mädchen beschwazt,
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Schnürt in das zierliche Leibchen sie ein, den Athem er-
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In dem Busen; zuletzt bringt sie die tödtliche Frucht.
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Nun ist alle Hülfe umsonst; wie weinen die Zwerge!
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Ein krystallener Sarg schließet die Aermste nun ein,
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Frei gestellt auf den Berg, ein Anblick allen Gestirnen,
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Unverwelklich ruht innen die süße Gestalt.
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— So weit war ich gekommen, da drang aus dem näch-
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Hinter mir Nachtigallschlag herrlich auf Einmal hervor,
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Troff wie Honig durch das Gezweig und sprühte wie Feuer
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Zackige Töne, mir traf freudig ein Schauer das Herz,
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Wie wenn der Göttinnen Eine, vorüberfliehend, dem
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Durch ambrosischen Duft ihre Begegnung verräth.
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Leider verstummte die Sängerin bald, ich horchte noch lange,
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Doch vergebens, und so bracht' ich mein Mährchen
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Jetzo deutet das Kind und ruft: „Margrete! da kommt sie!
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In dem Korbe, siehst du, bringt sie dem Vater die
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Durch die Lücke sogleich erkannt' ich die ältere Schwester;
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Von der Wiese herauf beugt nach dem Walde sie ein,
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Rüstig, die bräunliche Dirne; ihr brennt auf der Wange
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Gern erschreckten wir sie, aber sie grüßet bereits.
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„haltet's mit, wenn Ihr mögt! es ist heiß, da mißt
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Und den Braten zur Noth, fett ist und kühle mein
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Und ich sträubte mich nicht, wir folgten dem Schlage der
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Statt des Kindes wie gern hätt' ich die Schwester

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— Freund! du ehrest die Muse, die jene Mährchen vor Alters
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Wohl zu Tausenden sang; aber nun schweiget sie längst,
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Die am Winterkamin, bei der Schusterbank, oder am
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Dichtendem Volkswitz oft köstliche Nahrung gereicht.
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Das Unmögliche war ihr Feld; leichtfertig verknüpft sie
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Das Entfernteste, reicht lustig dem Blöden den Preis.
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Sind drei Wünsche erlaubt: ihr Held wird das Albernste
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Ihr zu Ehren sey dir nun das Geständniß gethan,
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Wie an der Seite der Dirne, der vielgesprächigen, sachte
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Im bewegten Gemüth brünstig der Wunsch mich be-
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Wär' ich ein Jäger, ein Hirt, wär' ich ein Bauer geboren,
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Trüg' ich Knüttel und Beil, wärst, Margarete, mein
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Nie beklagt' ich die Hitze des Tags, ich wollte mich herzlich
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Auch der rauheren Kost, wenn du sie brächtest, erfreun.
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O wie herrlich würde mir jeder Morgen begegnen,
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Und das Abendroth über dem reifenden Feld!
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Balsam würde mein Blut im frischen Kusse des Weibes,
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Kraftvoll blühte mein Haus, doppelt, in Kindern
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Aber im Winter, zu Nacht, am Ofen und auf der Schnitz-
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Rief' ich, o Muse, dich auch, mährchenerfindende, an!

(Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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