I

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Eduard Mörike: I (1838)

1
Weil schon vor so viel hundert Jahren,
2
Da unsre Väter noch Heiden waren,
3
Unser geliebtes Schwabenland
4
So lustig wie ein Garten stand,
5
So sah der Teufel auch einmal
6
Vom Michelsberg in's Maienthal
7
Und auf das weit bebaute Feld.
8
Er sprach: das ist ja wohlbestellt;
9
Hier blüht, wie einst im Paradies,
10
Der Apfelbaum und schmeckt so süß!
11
Wir wollen dieses Gartens pflegen,
12
Und soll sich erst kein Pfaff drein legen!
13
— Solch Frevelwort des Satans hört
14
Der Herr im Himmel ungestört,
15
War aber gar nicht sehr ergezt,
16
Daß sich der Bock zum Gärtner sezt.
17
Er sandte Bonifazium
18
Damals im deutschen Reich herum,
19
Daß er, des heiligen Geistes voll,
20
Den himmlischen Weinstock pflanzen soll;
21
So rückt er nun auch zum Michelsberg.
22
Das kam dem Satan überzwerch,
23
Thät ihm sogleich den Weg verrennen,
24
Ließ den Boden wie Schwefel brennen,
25
Hüllet mit Dampf und Wetterschein
26
Das ganze Revier höchst grausam ein,
27
Geht selber auf den Heiligen los,
28
Der stand aller irdischen Waffen bloß,
29
Die Hände sein zum Himmel kehrt,
30
Rief: Starker Gott! leih mir ein Schwert!
31
Da zückt herab, wie ein Donnerstreich,
32
Erzengel Michael sogleich.
33
Sein Flügel und sein Fußtritt dämpft
34
Das Feuer schnell, er ficht und kämpft
35
Und würgt den Schwarzen blau und grün,
36
Der hätte schier nach Gott geschrien;
37
Schmeißt ihn der Engel auch alsbald
38
Kopfunter in den Höllenspalt,
39
Schließt sich der Boden eilend zu,
40
Da war's auf Erden wieder Ruh,
41
Die Lüfte flossen leicht und rein,
42
Der Engel sah wie Sonnenschein.
43
Unser heiliger bedankt sich sehr,
44
Möcht' aber noch ein Wörtlein mehr
45
Mit dem Patronen gern verkehren,
46
Deß wollte Jener sich erwehren,
47
Sprach: Jetzo hab' ich keine Zeit.
48
Da ging Herr Bonifaz so weit,
49
Daß er ihn faßt an seiner Schwingen,
50
Der Engel ließ sich doch nicht zwingen,
51
War wie ein Morgenrauch entschlüpft.
52
Der Mann Gottes stund sehr verblüfft.
53
Ihm war, wie er mit dem Erzengel rang,
54
Eine Feder, gülden, schön und lang
55
Aus dem Fittig in der Hand geblieben.
56
Jezt thät er sie schnell in Mantel schieben,
57
Ging eine Strecke fort und sann:
58
Was fang ich mit der Feder an?

59
Nun aber auf des Berges Rand
60
Ein kleiner Heidentempel stand,
61
Noch in der lezten Römerzeit
62
Luna, der Mondsgöttin, geweiht
63
Von Trephon, dem Feldhauptmann.
64
Da nahm Bonifaz ein Aergerniß dran,
65
Ließ also das Bethaus gleich fegen und lichten,
66
Zur christlichen Kapell herrichten
67
Und weihte sie auch auf der Stell'
68
Dem theuren Erzengel Michael.
69
Sein Bild, über'n Altar gestellt,
70
Mit der rechten Hand die Feder hält,
71
Die denn bei mancher Pilgerfahrt,
72
Noch bis heute, hochverehret ward.

73
Zu guter Lezt ich melden will:
74
Da bei dem Berg liegt auch Tripstrill,
75
Wo, wie ihr ohne Zweifel wißt,
76
Die berühmte Pelzmühl' ist.

(Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.