Hochzeitlied

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Eduard Mörike: Hochzeitlied (1838)

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Nicht weit vom Dorf zwei Linden stehen,
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Einsam, der Felder stille Hut,
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Wo in der Sommernächte Wehen
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Ein Hirte gern, ein Dichter, ruht.

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Hell schwamm auf Duft und Nebelhülle
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Des Mondes leiser Zaubertag,
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Kaum unterbrach die holde Stille
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Von fern bescheidner Wachtelschlag.

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Und wie ich ruhig so in Mitten
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All dieser Schönheit lag und sann,
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Da kam mit leichtgehobnen Schritten
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Ein göttlich Frauenbild heran.

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Gewiß, es war der Musen eine,
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Erschrocken merkt' ich's, lustbewegt;
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Sie sezt sich zu mir an dem Raine,
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Die Hand auf meinen Arm gelegt.

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Und schüttelt lächelnd aus dem Kleide
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Blaue Cyanen, Stern an Stern:
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„dich stört's nicht, wenn an deiner Seite
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Ich heut' ein Kränzlein bände gern.

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Nicht wahr, mit Schwärmen und mit Plaudern
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Verbrächte gern mein Freund die Nacht?
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Doch flecht' ich still, und ohne Zaudern
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Sey du mir auf ein Lied bedacht!

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Sieh, wo das Dörflein mit der Spitze
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Des gelben Thurms herüberschaut,
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Dort schlummert auf dem Elternsitze
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Noch wenig Nächte eine Braut.

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Sie schläft. Der Wange Rosen beben,
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Wir beide ahnen wohl, wovon;
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Um die halb offne Lippe schweben
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Die Träume glühnder Küsse schon.

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Nicht doch! mit lauten Herzensschlägen
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Hört sie vielleicht der Glocken Klang,
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Hört am Altar den Vatersegen
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Und eines Engels Brautgesang.

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Sieht unter Weinen sich umschlungen
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Von Mutter-Lieb', von Schwester-Treu',
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Das Herz von Lust und Schmerz gedrungen,
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Macht sich mit tausend Thränen frei.

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Und alle diese sel'gen Träume,
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Der nächste Morgen macht sie wahr;
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Es stehen schon des Hauses Räume
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Geschmückt für froher Gäste Schaar.

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Hier aber, wo mit den Gespielen
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Das Mädchen oft sich Veilchen las,
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Vielleicht alleine mit Gefühlen
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Der sehnsuchtsvollen Ahnung saß,

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Hier, unterm Blick prophet'scher Sterne,
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Weih' ich mit dir dies Fest voraus:
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Tief schaut die Muse in die Ferne
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Des bräutlichen Geschicks hinaus.

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Wie golden winkt die neue Schwelle
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Des Lebens jedem jungen Paar!
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Doch weiß man, daß nicht stets so helle
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Der Mittag wie der Morgen war.

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Bei manchem lauten Hochzeitfeste
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Schlich mit weissagendem Gemüth
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Ich aus dem Kreis entzückter Gäste,
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Und sang ein heimlich Trauerlied.

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Heut aber seh' ich schöne Tage
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Blühn in gedrängter Sternen-Saat,
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Entschieden liegt schon auf der Wage,
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Was dieses Paar vom Schicksal bat.

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Hast, Liebchen, du der Jugend Blüthe,
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Anmuth und Liebenswürdigkeit,
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All deines Herzens lautre Güte
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Kühn deinem Einzigen geweiht;

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Läß'st du der Heimath Friedens-Auen,
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So manch ein lang gewohntes Glück,
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Um dir den eignen Herd zu bauen,
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Halb wehmuthsvoll, halb froh zurück:

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Getrost! so darf ich laut es zeugen,
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Ein würdig Herz hast du gewählt;
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Selbst böser Neid bekennt mit Schweigen,
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Daß Nichts zu deinem Glücke fehlt.

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Denn Heiterkeit und holde Sitte,
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Wie Sommerluft, durchwehn dein Haus,
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Und, goldbeschuht, mit leisem Tritte
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Gehn Segensengel ein und aus.“

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Die Muse schwieg, und ohne Säumen
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Flocht sie nun mit geschäft'ger Hand,
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Indeß zu anspruchslosen Reimen
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Ich ihre Worte still verband.

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Auf einmal hielt sie mir entgegen
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Den fertigen Cyanenkranz,
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Und sprach: „Bring's Ihr mit meinem Segen!“
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Und schwand dahin im Nebelglanz.

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Ich aber blieb noch lange lauschen
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Von Liedestrunkenheit bewegt,
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Das Aehrenfeld begann zu rauschen,
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Von Morgenschauern angeregt.

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Und lichter ward's und immer lichter
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In mir und außer mir; da ging
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Die Sonne auf, von der der Dichter
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Den ersten Strahl für Euch empfing.

(Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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