Nächtliche Fahrt

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Eduard Mörike: Nächtliche Fahrt (1838)

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Ueber fremdes Heideland;
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Vor den halbverschloss'nen Wagen
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Schien ein Trauerzug gespannt.

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Dann durch mondbeglänzte Wälder
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Ging die sonderbare Fahrt,
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Bis der Anblick offner Felder
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Endlich mir bekannter ward.

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Wie im lustigen Gewimmel
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Tanzt nun Busch und Baum vorbei!
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Und ein Dorf nun! Guter Himmel!
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O mir ahnet, was es sey.

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Sah ich doch vor Zeiten gerne
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Diese Häuser oft und viel,
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Die am Wagen die Laterne
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Streift im stummen Schattenspiel.

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Ja, dort unterm Giebeldache
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Schlummerst du, vergeßlich Herz!
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Und daß dein Getreuer wache,
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Sagt dir kein geheimer Schmerz.

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— Ferne waren schon die Hütten;
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Sieh', da flattert's durch den Wind!
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Eine Gabe zu erbitten
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Schien ein armes, holdes Kind.

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Wie vom bösen Geist getrieben,
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Werf' ich rasch der Bettlerin
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Ein Geschenk von meiner Lieben,
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Jene goldne Kette, hin.

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Plötzlich scheint ein Rad gebunden,
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Und der Wagen steht gebannt,
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Und das holde Mädchen unten
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Hält mich schelmisch bei der Hand.

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„denkt man so damit zu schalten?
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So entdeck' ich den Betrug?
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Doch, den Wagen festzuhalten,
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War die Kette stark genug.

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Willst du, daß ich dir verzeihe,
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Sey erst selber wieder gut!
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Oder wo ist deine Treue,
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Falsches Herze, falsches Blut?“

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Und sie streichelt mir die Wange,
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Küßt mir das erfrorne Kinn,
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Steht und lächelt, weinet lange
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Als die schönste Büßerin.

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Doch mir bleibt der Mund verschlossen,
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Und kaum weiß ich, was geschehn;
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Ganz in ihren Arm gegossen,
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Schien ich selig zu vergehn.

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Und nun fliegt mit uns, ihr Pferde,
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In die graue Welt hinein!
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Unter uns vergeh' die Erde
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Und kein Morgen soll mehr seyn!

(Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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