Das 4. capitel

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das 4. capitel (1709)

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Wenn ein getreuer freund schon mit dir reden will,
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So kan es doch dein schmertz vielleichte nicht vertragen;
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Allein der ungeduld gehöret maas und ziel:
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Und darum muß ich dir die trockne wahrheit sagen.
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War auch ein weis’rer mann, als Hiob, auf der welt?
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So lange dir der HErr des hertzens wunsch erfüllet,
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Da fand des nächsten brust, was krafft und muth erhält:
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Und dein behertzter mund hat manche pein gestillet.
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Nun aber, da dich GOtt auf scharffe dornen legt,
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So liegt die tapfferkeit auf einmahl in dem staube:
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Da wird dein weiches hertz, als wie ein rohr, bewegt,
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Und Hiobs seele girrt, als eine turtel-taube.
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Ist deine gottesfurcht nun nicht ein bloser traum?
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Und deiner hoffnung schloß ein haus von karten-blättern?
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Bebt der erschrockne geist nicht als ein pappel-baum?
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Und läst sich nicht dein muth, wie spröder dohn zerschmettern?
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Wenn hat des HErren zorn der unschuld zugesetzt?
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Und wahre frömmigkeit mit ruthen heimgesuchet?
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Meinst du: Daß GOtt sein schwerd auf die gerechten wetzt,
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Und einen heiligen so, wie itzt dich, verfluchet?
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Das hab ich wohl gesehn, daß heuchler, die nur müh
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Und unglück ausgesä’t, auch unglück einbekommen:
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Daß die vergnügte ruh verruchte sünder flieh:
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Und daß des himmels grimm schon manchen hingenommen.
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Denn wenn die löwen gleich aus vollem rachen brülln,
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Und mit der scharffen klau in zarten hertzen wühlen:
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So müssen sie zuletzt doch eine grube fülln,
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Und die erhitzte wuth in eignem blute kühlen.
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Doch höre, was dir itzt ein treuer freund entdeckt,
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Und was der himmel mir in kurtzem offenbaret:
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Ich hab ein wort gehört, in dem viel nachdruck steckt,
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Und solches biß daher als einen schatz verwahret.
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Gleich, als der matte schlaf die sanfften glieder band,
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Und ich in tieffer nacht mit schweren träumen spielte:
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So satzte mich die furcht in einen bangen stand,
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In dem ich lanter angst und kühles schrecken fühlte:
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Die haare giengen mir, so viel ich weiß, berg-an,
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Indem ein schneller geist bey mir vorüber reunte.
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Gleich stund ein fremdes bild, das ich nicht nennen kan,
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Nachdem ich in der angst mich selber kaum erkennte.
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Die wüste gegend nahm ein stilles grausen ein;
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Bald aber hörte man die starcken wort’ erschallen:
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“soll GOtt nicht heiliger, als schlechte menschen, seyn?
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„muß das geschöpffe nicht vor seinem schöpffer fallen?
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„kan man vor dem bestehn, der alles hält und macht?
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„die engel selber sind nichts gegen ihm als thoren;
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„was rühmt sich denn der mensch in seiner irrdnen pracht,
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Der sich in Adam schon durch aberwitz verlohren?
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Wie plötzlich wird sein leib ein scheußlich schlangen-haus!
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Das licht der ewigkeit ist weit von ihm verborgen:
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Es braucht geringe müh, so ist er asch und graus:
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Des todes abend steckt offt in dem lebens-morgen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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