Das 3. capitel des buches Hiob

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das 3. capitel des buches Hiob (1709)

1
Durchaus-verlohrner tag! da ich gebohren bin!
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Durchaus-verlohrner tag! da mich ein weib empfangen
3
Tag! der verworffen bleibt, den mensch und sonne fliehn:
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Den himmel und natur nicht mehr zu sehn verlangen!
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Dein glantz verwandle sich in grause dunckelheit!
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Man müsse dich nicht mehr in dem calender lesen!
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Und du verdammte nacht! verlaß das buch der zeit,
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Und bleib so tieff verdeckt, als wärst du nie gewesen!
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Die furcht der einsamkeit schließ alles jauchtzen aus!
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Und man verfluche dich in allen zauber-versen;
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Dein himmel aber sey ein schwartzes wolcken-haus,
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In welchem statt der storn angst-volle nebel herrschen!
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Die hoffnung, die du hast, zerflatter’ in die lufft!
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Aurora müsse dir kein süsses aug ertheilen!
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Der schöpffer stosse dich in eine bange klufft,
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Wo blasser jammer wohnt, und wüste vögel heulen!
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Warum versperrtest du dem Hiob nicht die welt?
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Warum verbargst du nicht die qual vor meinen augen?
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So würde mir die ruh nicht, wie itzund, vergällt,
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Da meine lippen nichts als herbe thränen saugen.
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Ach! warum starb ich nicht, da ich gebohren war?
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Warum vergieng ich nicht, eh mich das licht berühret?
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Denn unser mutter schos ist doch die beste bahr,
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Indem sie alle pein mit uns zu grabe führet.
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Ach! warum schloß der tod nicht mund und augen zu,
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Eh’ ich die süsse krafft der mutter-milch genossen?
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So schlief ich ohne schmertz, und läg in stiller ruh:
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Denn diese bleibet doch nur in der grufft verschlossen.
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In tieffen gräbern hat kein fürste was zuvor:
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Denn der verstorbnen fried ist gleiche durch gegründet.
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Wohl diesem! der den tod noch, eh er an das thor
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Des bangen lebens kommt in seiner mutter findet.
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Jm grabe höret doch der feinde rasen auf:
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Das maul der lästerer wühlt nur in blosem sande:
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Des todes starcke faust hält alles elend auf,
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Und wen sie frey gemacht, der fühlet keine bande.
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O grab! du sanffter ort! dir gleichet kein pallast.
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Denn wieviel kummer wohnt auch unter göldnen decken;
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Bey dir hat jedermann die angenehmste rast,
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Von der ihn weder blitz noch donner-keil erwecken.
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In deinem hofe gilt kein ansehn der person:
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Hier ist kein herr zu gros, und auch kein knecht zu wenig:
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Hier ist ein schlechter stuhl so kostbar als ein thron:
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Und der geringste ruht so sicher als ein könig.
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Wie glücklich wär ein mensch, dem dieses lebens-licht
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Nur wie cometen scheint, wenn er bald sterben könte:
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Er ruffet zwar den tod, allein er hört ihn nicht,
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Ob er ihm gleich mit lust in händ und armen rennte.
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Ach aber! grosser GOtt! Was ist ein schwacher mann,
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Der sich fast nicht mehr kennt, doch auf der erden nütze?
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Du siehest, daß ich mich vor angst nicht lassen kan;
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Und dennoch wird dein zorn zu meiner lebens-stütze.
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Ach ja! der seufftzer kost ist Hiobs täglich brod:
54
Mein heulen fährt heraus, wie starcke wasser-fluthen:
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Ich bin ein sammel-platz der ungeheuren noth.
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Kan ein verwundter geist sich nicht zu tode bluten?
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Nun fühl ich, was die furcht mir längst zuvor gesagt:
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Und was ich offt besorgt, das hat mich itzt betroffen.
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Ach, schmertzen, die ihr mich in marck und adern plagt!
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Wenn machet ihr mir einst die burg des todes offen?
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Denn mein gelück ist aus! ich bin nicht, der ich war
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Der himmel hat den bau der stillen ruh zerrissen:
63
Mein leben ist mein tod, das betten meine bahr;
64
Ich aber bin ein brunn, aus welchem thränen fliessen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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