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Die muntre nachtigall, vor derer holdem singen
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Die andern vögel sich nicht wusten aufzuschwingen,
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Bekam in kurtzer zeit des öden waldes satt:
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Jhr ticht’ und trachten war von dannen in die sondt.
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„was? also ließ sie fich in ihrer mund-art hören:
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„was will ich doch den wald mit meinem singen ehren?
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„und mir fast tag und nacht den hals in stücken schreyn?
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„ob meine lieder noch so unvergleichlich seyn,
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„was hab ich hier davon? Den eulen zu gefallen,
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„und vor das tumme wild ein künstlich stück erschallen,
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„heißt einen leeren schlag ins kalte wasser thun.
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„laß eine hirtin hier im kühlen schatten ruhn;
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„so höret sie doch mehr, was ihr der buhler faget,
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„als was ein vogel singt. Nachdem sie so geklaget,
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So war ihr letzter gall: “Verworffuer aufenthalt!
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„jhr püsche! gute nacht! Dann striech sie durch den wald,
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Ließ bäum und thäler stehn, floh über sträuch und hecken,
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Setzt über dörffer, bäch, und ließ sich nichts erschrecken,
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Biß sie die kleine welt, das prächtige Pariß,
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Durch ihren flug erlangt, und sich da fangen ließ.
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Man steckte sie alsbald in einen engen kercker:
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Den trug man in ein haus, und hieug ihn in dem ercker
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Des schönsten zimmers auf. Die zunge wurde los,
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Von der der honigseim der reinsten stimme flos.
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Man hörte sie mit lust: Auf ihr so süsses schlagen
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Lieff alles häuffig zu: Jhr ruhm ward fortgetragen
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Noch ferner, als der schall von ihrer zunge gieng.
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Die nachtigall war froh: Weil doch ein jedes ding,
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Was neu ist, süsse schmeckt. Sie ließ Floretten sorgen:
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So hieß das schöne kind, von dem sie alle morgen
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Mit eigner hand gespeist und auch geträncket ward:
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Sie wolt auch keine faust, so niedlich und so zart
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Sie immer mochte seyn, sonst am gebauer leiden.
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Was that die nachtigall? Sie stiminte voller freuden
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Ein holdes danck-lied an. Sie sang: “O wie vergnügt!
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„o wie vergnügt bin ich! wenn es das schicksal fügt,
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„daß mein beglückter stand so lang als ewig dauret!
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Er daurte nicht so lang, als man bey hofe trauret;
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Denn wie uns mit der zeit ein herber überdruß
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Den honig selbst vergällt; So ward der zucker-fluß,
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Der unsre nachtigall so angenehm ergetzet,
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Jhr endlich wermuth-safft: Was sie so hoch-geschätzet,
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Florettens schmeicheley, gefiel ihr nun nicht mehr:
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Man pfieff ihr süsse vor; sie gab doch kein gehör,
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Seit die gefangenschafft ihr in den kopff gestiegen:
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Jhr wunsch war, wiederum in ihren wald zu fliegen;
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Allein sie konte nicht, der kesicht hielt sie auf,
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Der göldne kesicht hemmt in ihr der freuden lauf:
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Die holde zunge schwieg. Es klungen keine lieder:
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Der menschen gegen-wart wurd ihr durchaus zuwider:
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Sie wolt’ alleine seyn. Die stille traurigkeit
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Nahm täglich in ihr zu. Sie seufftzt’: “O göldne zeit!
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„wo bist, wo bist du hin? Soll ich, als sclavin girren?
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„kan ich nicht, wie zuvor, um die gebüsche schwirren,
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„wo meine mutter sang, die schwestern eingestimmt?
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„so muß das kleine tacht, so noch im hertzen glimmt,
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„alsbald verloschen seyn. Die sorgende Florette
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Macht ihr in ihrer hand zwar ein gar sanfftes bette:
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Die lippen flösten ihr den safft des lebens zu;
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Doch ihr geschlossner mund sprach: “Laß mich nur zur ruh,
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„du meine mörderin! Die schwachen flügel fielen:
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Der kopff sanck hinterwerts, und schlos mit mattem schieles
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Die augen und sich selbst in beyde sittig’ ein.
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Kurtz: Diese traurigkeit legt ihr den leichen-stein.