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Weil du/ geehrter Freund/ schon offtmahls hast geschrieben/
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So ich dir zugesagt/ zu schicken möcht belieben/
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So flieget dieses Blat zu deinem Schlosse hin.
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Es gläntzet zwar nicht fein mit bunt-
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Doch ihrer Trefflichkeit blitzt auch von dem Papier;
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Des Mahlers seine Kunst muß/ arm am Witze/ darben/
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Denn ihre Nettigkeit geht seiner Schmincke für/
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Kan nun kein Mahler nicht der Schönheit Strahl erheben?
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So wird mein rüder Kiel viel wenger tüchtig seyn
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Der schönen Nachbarinn die Farben recht zu geben/
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Da ihre Augen gleich den Zweiffels-Saamen streun.
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Wo fang ich aber an die Schönheit abzumahlen?
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Ein jedes Glied verdient den schönen Ehren-Krantz/
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Doch! schau/ ich will zu erst bey ihrem Haar anfangen/
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So wird der Sternen Schein bey ihrer Nacht doch blind.
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Die Stirne macht beschämt was
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Narcissens weisse Pracht die stoltzen Segel streicht:
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Der glatte Alabast vor solchen Schmuck sich neiget/
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Und in die schwartze Grufft der ersten Wohnung weicht.
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Die Augen sind ein Blitz der durch die Lüffte fähret
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Davor der Diamant der Strahlen Glantz verliehrt/
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Ein Dunckel/ das die Nacht mit düstern Schatten nehret
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Und doch den Sonnen Schein aus schwartzen Pech gebiehrt.
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Die Nase prahlt mit Schnee/ die aller Dinge Amme/
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Die gütige Natur recht zierlich ausgemacht/
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Nicht daß man sie als klein noch als zu groß verdamme/
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Dianens silber Horn hat ihr den Glantz gebracht.
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Die Wangen siegen an den wunder-schöner Nelcken/
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Die Morgen-Röht’ erstaunt vor ihrer Purpur-Pracht/
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Die Tulpe giebt der Welt auf ewig gute Nacht.
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Vor den Zinnober Mund-Rubin und Scharlach fallen/
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Die machen sich hinweg vor ihren Mund-Corallen/
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Die Zähne sind gepflantzt vom feinsten Helffen-beine/
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Wodurch die holde Zung/ und ihres Athen West/
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Gesichert sind umschantzt in Perlen-weisse Zäune/
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Daß kein vergrelter Nord in ihre Kähle bläßt.
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Das Kinn ist künstlich rund/ worauf
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Die ein beliebter Türcks der blauen Adern küßt;
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Der Hals verschwärtzt den Schnee und die gebleichte Seide/
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Das feinste Post-Papier wird schlechtes Maclatur:
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Zu Kohlen wird vor ihn die allerreinste Kreide/
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Und seine Klarheit rühmt am meisten die Natur.
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Die Brüste quilln hervor als glatte Marmor-Ballen/
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Zinnober wächst auf Milch/ Granaten krönt Rubin/
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Auf ihren Hügeln stehn die röhtsten Meer-Corallen/
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Die in dem höchsten Schmuck auf Perlen-Mutter glühn.
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Hier muß der Mahler weg und auch die Feder weichen/
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Weil der verborgne Schatz in seinen Schaalen bleibt/
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Allein! was soll der Hand ich an die Seiten stellen?
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Der feinster Nessel-Tuch und Seide ist zu hart/
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Wo man aus Marmor sieht den blauen Türckis quellen/
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Der mit beliebten Schnee der Finger sich gepaart.
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Beschaue nun dis Bild/ betrachte alle Züge
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Sieh meine Worte durch/ erwege jede Riege/
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Und sage mir hernach was vor ein Bild sich weißt.
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Zwar köntest du hier wol die Mahlerey verlachen/
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Weil ein verstumpffter Kiel kein Pinsel es gethan/
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Und fragen/ was du solst mit diesen Sachen machen?
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Doch wisse/ daß du siehst