Die vergnügte einsamkeit

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die vergnügte einsamkeit (1709)

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Ausbündiges revier, wo nichts verbotnes wächst!
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Hier ist die einsamkeit, der himmel stiller hertzen!
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Wornach der matte geist wohl hundertmahl gelechst,
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Wenn der verruchte neid, der stets die unschuld schwärtzen
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Und unterdrucken will, mir manchen tag und nacht
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Des lebens süßigkeit zu gall und gifft gemacht.

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O angenehmer ort! den mir des himmels schluß
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Zum aufenthalt bestimmt! Wie kommst du mir so süsse
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Und so vergnüglich vor! Crystallen-klarer fluß!
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Der du die gegend zierst, und durch die schnellen güsse
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Ein sanfftes rauschen machst! Du stehst mir trefflich an,
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Weil sich gehör und geist an dir ergetzen kan.

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Ticht’ ich ein kurtzes lied zu meiner eignen lust,
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So dient dein silber-strohm mir statt der Hypocrene:
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Und wenn die sonne sticht, so labst du mund und brust:
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Dein ufer ist mein sitz, dein rieselndes gethöne
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Mein süsses lautenspiel, das keine lufft verstimmt,
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Und alle traurigkeit aus den gedancken nimmt.

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Werff ich den angel aus, so fang’ ich manchesmahl
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In deiner kalten fluth die köstlichsten forellen,
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Denn diese streichen hier in ungemeiner zahl;
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Ja die vergnügung will aus allen orten quellen.
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Kurtz: Wie dem Araber kein balsam je gebricht;
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So fehlt es mir allhier auch an ergetzung nicht.

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Laßt der poeten kunst den ehmahls grossen berg
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Der Musen an den kreis der göldnen sonne führen!
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Er ist, ich sag es frey, vor denen nur ein zwerg,
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So dieses paradies mit ihrem schatten zieren;
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Obgleich kein lorber-baum, nach dem der ehrgeitz lechst
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Und tolle sprünge macht, auf ihrem rücken wächst.

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Verkehrt Thessaliens berühmter felder schos
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Jhr tichter in ein grab der allerschwersten sorgen!
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Hier macht der eigne schmuck die grünen thäler gros,
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Und ihre zierde darff nicht fremden beysatz borgen.
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Ich weiß, Semiramis ließ’ ihre gärte stehn,
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Und würde gantz vergnügt allhier spatzieren gehn.

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Weg, falsche Venus! weg! lauff in dein Cypern hin!
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Und decke dich daselbst mit den erkiesten myrthen!
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Ob gleich auf unsrer au nicht geile blumen blühn;
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So kan mich dennoch wohl die lieblichkeit bewirthen.
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Prahlt dieser wiesen schmeltz mit tulp- und rosen nicht;
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Genung: Daß unsre hand klee und violen bricht.

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Steigt aus der reinen bach kein süsses zucker-rohr;
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So läßt die biene doch gesundes honig fliessen.
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Thut kein Amphion sich um diese fluth hervor;
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Die ohren können hier viel rein’re lust geniessen,
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Wenn finck und nachtigall von denen ästen singt,
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Und echo den gesang wohl doppelt wiederbringt.

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Beliebte wüsteney! vergnügungs-volle nacht!
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Geht hin, Arcadier! und rühmet eure wälder!
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Kommt aber auch und schaut, was diese herrlich macht:
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Und wie der bäume stoltz biß an die sternen-felder
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Die hohen gipffel treibt. Ach! auserlesner wald!
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Du bist mein lust-revier! du bist mein aufenthalt!

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Gelassner Seladon! Hier blüht die süsse ruh,
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So deinen geist entzückt, und aus sich selber führet:
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Hier schliesst der anmuth krafft der sorgen brunnquell zu:
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Hier, wo gelinder west die schlancken pappeln rühret:
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Da sich der müde hirsch an reiche linden streckt,
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Und ein geheimer trieb die matten sinnen weckt.

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Schreib, kluger Plinius
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Es kan mein schlechter kiel so viel als deiner sagen.
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Ich hör’ und schaue nichts, als was mein heetz erfreut:
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Es störet kein tumult mein ruhiges behagen.
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Der tempel, den ihm einst Harpocrates erkiest,
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Wird kaum so stille seyn, als mein behältniß ist.

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Mein zimmer kennt zwar nichts von ungemeiner pracht:
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Es scheint die armuth sey in selbigem zu hause;
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Jedoch mit prahlen ist auch wenig ausgemacht:
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Der prächtigste pallast
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Schliest einen Socrates
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So kan er denn so gut, als manches rath-haus seyn.

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Ist meine wohnung schlecht? bin ich doch auch nicht gros:
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Ein zimmer, wo gesund und sauber ist zu wohnen,
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Ist gut genung vor uns: Und bricht der donner los?
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So wünsch ich mich ohndem mit schlössern zu verschonen,
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Weil meistentheils der schlag
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Wenn ein geringes dach in sicherm friede steht.

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Jhr, die beruff und stand zu etwas grossem treibt!
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Folgt eurem triebe nach! ich such’ euch nicht zu tadeln:
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Ich weiß, was Curtius von Alexandern schreibt
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Und wieviel andre mehr berühmte thaten adeln.
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Geht! sucht den grösten hof, wo die erfahrung gilt,
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Und man durch klugheit offt viel ungewitter stillt.

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Rennt! die ihr waffen liebt, und laßt den scharffen stahl
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In der bezwungnen feind’ erschrockne brüste gleiten!
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Jhr steigt durch tapfferkeit auf einen ehren-saal;
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Mich will der weißheits-stern in jene länder leiten,
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Wo liebe kayser ist, wo lauter friede wohnt,
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Und GOtt zwar der geduld, doch keiner rache lohnt.

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Ein andrer suche sich in einer grossen stadt
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Durch geld und wissenschafft hoch an das bret zu bringen!
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Wer seine saiten schon zu hoch gespannet hat,
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Dem pflegen sie gewiß gar bald entzwey zu springen:
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Man darff es schlecht versehn, so ist der titel hin;
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Ich bin vergnügt genung

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Gepriesnes einsam-seyn! wo ruh und friede wacht!
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Hier hab ich weder feind
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Es giebt kein hönisch aug auf meine thaten acht:
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Auf einen stillen schlaf folgt ein gewünschter morgen.
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Ja, wenn man es bedenckt, wo ist bequemre zeit,
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Recht in sich selbst zu gehn

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Drum kreucht Democritus
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Der weisheit amber steigt auch aus verfaulten särgen:
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Daß Heraclitus
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Wie Timon sich so gern in gärten will verbergen,
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Ist, wenn man es erwegt, viel eher eine that,
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Die menschen-lieb’, als haß zu ihrer absicht hat.

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Mit andern umzugehn
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Noch schwerer aber ist, mit sich zu reden wissen:
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Und diese wissenschafft heißt kein gemahlter dunst:
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Sie läutert den verstand von allen finsternissen,
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Und sühret unser hertz in wahre sicherheit;
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Allein, wo lernt man sie, als in der einsamkeit?

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Die grösten geister zieht der einsamkeit magnet:
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Adonis sucht in ihr
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Der groß Ariovist
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Fand endlich ruh und grab in einer düstren höle.
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Was macht’, o Salomo
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Dir die vergänglichkeit der eitlen lust bekannt?

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Wo schöpfft Alcinous
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Wo hieng Semiramis die sorgen an den nagel?
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Wo legt’ ihm Seneca
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Wo lehret’ Epicur
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Der seele wollust nahm? Und wo hat Statius
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Es fast dahin gebracht

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In stillen gärten steckt ein sonderbahrer zug.
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Wer weiß nicht, was August
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Zu dieser lebens-art vor grosse neigung trug?
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Zog Diocletian
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Schon um die stirne trug, nicht seinen purpur aus,
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Und nahm vor hof und stadt

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Mäcenas
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Weil sein geschickter kopff so wohl zu rathen wuste,
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Hielt offt die einsamkeit vor seinen besten schild,
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Wenn er mit eyfersucht und sorgen kämpffen muste.
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Der tapffre Scipio
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Jhm nach der ehre grieff, den schutz der einsamkeit.

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Daß Cartes
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Das hatt’ er grossen theils der einsamkeit zu dancken:
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Sie nutzt versichert mehr, als mantel stock und bart:
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Sie bringt den stillen geist auf hurtige gedancken:
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Sie ist das vaterland, so keine bürger kennt,
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Als die der wahrheit mund gelehrt und heilig nennt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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