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Wje ist mir? Bin ich blind? Ha! schändlicher verräther!
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O himmel! wo ist treu, wenn sie ein könig bricht?
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Verdammter Prusias! bin ich ein missethäter?
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Vergißt der wilde feind denn aller helden pflicht?
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Rom! Rom! wo bleibt dein ruhm, den du dir in der jugend
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Durch seltne großmuth auch bey feinden hast gemacht?
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Ich schaue nur zuviel, du giebst der edlen tugend
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Aus frechem übermuth itzt eine gute nacht.
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Wilst du im alter erst zu einem wolffe werden?
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Rom! Rom! wo bleibt dein ruhm, wenn dessen grund verfällt?
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Du machst dich endlich gar zum ungeheur auf erden,
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Weil tück und meichel-mord dein ehren-bild verstellt.
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Bist du das grosse Rom, wo witz und tugend wohnet?
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Und wo die raths-herrn gar den göttern ähnlich sind?
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Bist du das grosse Rom, das auch der feinde schonet:
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Wann nicht die tapfferkeit den sieges-krantz gewinnt?
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Wo sind die helden hin, so deine schos gebohren?
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Wo ist Fabricius, der helden-wercke that?
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Ach ja! die tugend hat das bürger-recht verlohren,
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Nachdem der bosheit grimm das hefft in händen hat.
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Man denckt itzund nicht mehr an tapffrer ahnen thaten:
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Ein jeder folget blos dem sporne seiner wuth;
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Doch kan der tugend macht nicht ihren helden rathen?
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Straft denn der himmel nicht, was grimm und bosheit thut?
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Darff meineyd und betrug auf sichern thronen sitzen?
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Lacht des gelückes gunst nur die verräther an?
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Verhängniß sonder recht! Du läßt die tugend schwitzen,
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Wann ein verdammter schelm in rosen schlafen kan.
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Bestürtzter Hannibal! in was vor labyrinthe
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Reißt dich die ungeduld, das blendwerck der vernunfft?
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Wenn gleich dein eyfer itzt auf donner-worte sinnte;
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So weiß die freyheit doch von keiner wiederkunfft.
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Die freyheit, so bißher mein abgott ist gewesen,
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Geht, eh’ ich selbst vergeh, wie flammen in den wind,
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Und heißt mich zum verdruß den schweren ausspruch lesen:
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Daß adler eben so, wie käfer, sterblich sind.
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Doch soll ein edler fuß beschimpffte fessel tragen?
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Muß Hannibal nun erst ein feiger sclave seyn?
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Soll man den helden-arm in band und eisen schlagen?
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Schliest deinen freyen geist ein düstrer kercker ein?
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Nein, Hannibal! dein ruhm, der in entfernten ländern
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Der barbarn ohren füllt, und biß an Thule dringt:
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Dein nahmen, den kein grimm der zeiten darff verändern:
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Dein ruf, den Famens hand biß an die sonne schwingt,
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Kan eine solche nacht und engen zwang nicht leiden:
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Sein blitz schlägt kett und band, als rohr und glas, entzwey.
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Eh’ muß ein kalter dolch die tapffre brust durchschneiden:
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Eh’ Rom sich rühmen soll, daß ich sein sclave sey.
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Ich kan der feinde trutz in meinem zimmer schlagen.
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Wenn der behertzte geist nur hand und sebel regt.
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So darff kein stoltzer mund der frechen Römer sagen:
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Es wurde Hannibal von meiner faust erlegt.
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Ist gleich das offne schloß mit feinden rings umgeben:
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Sind tausend schwerdter schon auf diesen hals gezuckt;
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So wird doch Hannibal gantz ungebunden leben:
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Dann ein gesetzter geist wird niemahls unterdruckt.
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Es mag der Römer schwarm burg, thor und hof verwachen;
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Der seele bleibet doch die freyheit unverwehrt:
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Sie kan der grösten macht und aller stürme lachen:
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Denn ihren helden-schluß bricht kein geschliffen schwerd.
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Nein, Rom! du solst dich nicht der stoltzen ehre rühmen,
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Daß Hannibal ein knie vor dir gebogen hat:
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Die niederträchtigkeit will helden nicht geziemen,
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Und wahrer tugend graut vor einer solchen that.
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Solt’ ich aus zagheit itzt der Römer füsse küssen?
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Der Römer? Die mich stets mit zittern angeschaut?
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Nein, Hannibal! tritt hier der feinde schluß mit füssen,
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Nachdem der himmel ihm ein schloß der freyheit baut.
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Stirb, unerschrockner held! wo helden sterben können:
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Eutreisse dich behertzt gedräuter dienstbarkeit!
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Entbrich dich deiner last, um in die burg zu rennen,
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Wo dich der tugend hand mit cronen überstreut.
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Drum auf! auf! Hannibal! ermuntre deine geister!
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Laß deinen helden-muth auch in dem tode sehn!
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Sey keines Römers knecht! verbleib dein eigner meister!
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Sonst ist es gantz um dich und deinen ruhm geschehn.
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Ergreiff das scharffe schwerd! gebrauch die scharffe lantze!
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Stoß den entblösten dolch durch die behertzte brust!
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So sproßt aus deinem blut dir eine nachruhms-pflantze,
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Der keines kerckers dunst, kein untergang bewußt.
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Doch halt! der adern brunn muß keine klinge färben,
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Woran das schwartze blut verhaßter Römer klebt;
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Nein, grosser Hannibal! du kanst durch das nicht sterben,
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Was deinen feinden einst den sterbe-rock gewebt.
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Denck an des vatern wort! Denn was man jung geschworen,
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Muß ein gesetzter sinn im alter nicht bereun;
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Ist des Hamilears blut der Römer feind gebohren:
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So muß es Hannibal auch in dem tode seyn.
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Doch wo gerath ich hin? Was sollen so viel worte?
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Die feinde brechen ja mit allen kräfften ein;
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Auf! hurtig Hannibal! auf! öffne dir die pforte!
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Wer zu den sternen will, muß schnell und munter seyn.
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Komm, auserlesnes gifft! komm! öffne mir den kercker!
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Daß der verschlossne geist das freye licht erblickt!
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Ist meine faust nicht mehr, so ist das bertze stärcker,
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Als was das freche Rom mir auf den nacken schickt.
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Behertzter Hannibal! nun scheidet deine seele:
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Nun wird das bange Rom der schweren sorge los.
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Folgt, diener! folgt mir nach! sucht keine finstre höle!
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So macht der nachruhm euch doch nach dem tode gros.
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Rom! rase, wie du wilst; Der seele bande brechen:
102
Schau! dein geschworner feind steigt an den sonnen-kreis.
103
Wird deine thorheit sich schon an dem cörper rächen;
104
Genung, daß Hannibal zu triumphiren weiß.
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Nehnit, sternen! nehmt mich auf! und wo es euren schlüssen
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Nicht gantz zuwider ist, so stürtzt der feinde pracht!
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Und lasst aus meiner asch ein helden-hertz entsprissen,
108
Das Rom in graus verkehrt, und zum triumphe macht!