Gratulations-getichte an Herrn David Rhenisch, Predigern und Prof. zu Breßlau. Andreas Tscherning

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Gratulations-getichte an Herrn David Rhenisch, Predigern und Prof. zu Breßlau. Andreas Tscherning (1709)

1
Wjr müssen freylich nur, wir armes volck! bekennen,
2
Daß erde, feuer, lufft und wasser schröcklich brennen,
3
Aus eyfer gegen uns: Des hohen himmels haus,
4
Das schüttet seinen zorn mit blitz und donner aus
5
Von allen ecken her, nachdem so schwere plagen
6
In dieser see der welt mit macht zusammen schlagen
7
Auf unsern sünden-hals; Doch gleichwohl ist ein GOtt,
8
Der seiner gnaden licht läst scheinen in der noth,
9
Wann Caurus um den mast mit harten stürmen sauset,
10
Wann die erzürnte fluth um alle seiten brauset,
11
Und will mit uns grund ab: Dem nichts sich bergen kan:
12
Der, ob er schon betrübt, nimmt dennoch wieder an;
13
Nur daß man eyfrig bläst die starcken buß-posaunen
14
Aus feindschafft unsrer schuld, und auch die bet-karthaunen,
15
Die himmels-brecher, pflantzt vor GOttes schöne stadt,
16
Und zeucht nicht eher ab, biß man das ja-wort hat.
17
Das goldne sonnen-rad hat fünffmahl seinen wagen
18
Durch alle zeichen schon am himmel durchgetragen,
19
Seit mich das vaterland hat heissen fremde seyn,
20
Als das gewissens-schwerd nicht blos durch marck und bein,
21
Auch durch die seele, drang. Wann ich, auf jene zeiten,
22
Des feindes übermuth und strenge grausamkeiten
23
Zurück gedencken will, was ich nur angeschaut,
24
So werd ich gantz bestürtzt, mir schüttert haar und haut
25
Der freyheit wurden band und ketten angeleget,
26
So sich von dieser last ein wenig kaum noch reget:
27
Der weg zum tempel stund mit waffen gantz umhüllt,
28
Mit ruthen ausgefegt, mit menschen-tand erfüllt,
29
Durch ungehirntes volck. Wo vor der zarten jugend
30
So rühmlich ward gezeigt die strasse zu der tugend,
31
Da stund ein wildes pferd: Der lehrer ward verjagt,
32
Der raths-herr abgedanckt, der burgers-mann geplagt,
33
Mit trutzen und gewalt. Die solten nachmahls väter
34
Des vaterlandes seyn, so bey dem rauhen wetter,
35
Und sonder einen zwang, wo falscher wind geweht,
36
Und hoheit und gewinn den mantel hingedreht.
37
Da kan man recht und wohl gewünschtes leben führen,
38
Wo weise leute sind, die eine stadt regieren.
39
O freylich! solte der beherrschen eine stadt,
40
Der über seine frau das regiment nicht hat?
41
Soll der wohl ander volck zu einer lehre zwingen,
42
Der selber keinen grund des glaubens vor kan bringen,
43
Des glaubens, den er führt? Er schreyet etwas an,
44
Das weder ihm vor sich, noch andern, helffen kan.
45
Heist dieses seinen GOtt von gantzem hertzen lieben,
46
Den nächsten, als sich selbst? Ja wohl, es heist betrüben.
47
Was mit gewalt geschicht, macht keinen Christen nicht;
48
Ein bogen, der zu sehr gespannet ist, zerbricht.
49
Zu falschem gottesdienst der menschen seelen treiben,
50
Heist gut gigantisch seyn. Laß einen jeden bleiben;
51
Und sagt er was aus noth, das hertz ist weit davon:
52
Fromm vor sich selber seyn, das heist religion.
53
Ich sprach: Ist Buntzlau dann der gantze kreis der erden?
54
Will GOtt nur hier allein, sonst nicht gefunden werden?
55
Ist nicht noch raum genung, so weit von osten west,
56
So weit der sonnen gold die strahlen fallen läst?
57
Muß einer haus und hof und alle wollust meiden?
58
Es ist ein schöner spott, vor GOttes ehre leiden.
59
Der schäme sich, der blos um grober übelthat,
60
Und um verrätherey, muß weichen von der stadt.
61
Der HErr, für dessen grimm hier alles muß erzittern,
62
Der himmel furchtsam seyn, die starcken berge splittern,
63
Die ungestümme see mit ihren wellen fliehn,
64
Muß selber über meer aus haß der feinde ziehn.
65
Der feurige Thesbit, dem seel und leib zusammen
66
Gen himmel ward geholt, vom kutschen voller flammen,
67
Der muste gleichwohl vor der Jsebel entgehn:
68
Den Christus sonderlich ließ an der seiten stehn,
69
Den er so trefflich sehr vor andern pflag zu lieben,
70
Ward durch des kaysers bann in Pathmos hin vertrieben;
71
Doch kömmt man anderswo bißweilen besser an,
72
Als kaum ein guter freund zu hause rathen kan.
73
Es gieng dem Joseph traun in solchem elends-stande
74
Weit besser, als zuvor, in seinem vaterlande,
75
Dieweil er alle noth, so auf die brüder fiel,
76
In guter ruh verschlief im lande, wo der Nil
77
An statt des regens ist. In meinem strengen orden,
78
Darein ich war gesetzt, ist Breßlau endlich worden
79
Der hafen meiner ruh, so mir nicht mißgefällt.
80
Es ehre, wer da will, die göttin dieser welt,
81
Die grosse mutter Rom; Ich rühme mehr die gaben,
82
Mit welchen Breßlau ist, die edle stadt, erhaben,
83
Der auszug der natur, der erden schöne zier:
84
Doch meiner Musen schutz und aufenthalt in ihr,
85
Herr Rhenisch! euch noch mehr. Viel eher soll der wagen
86
Des hellen Phaethons durch alle häuser jagen,
87
Als ich durch euren ruhm. Das hertze voller treu,
88
Und immer wohl zu thun, das führt ihr blos und frey:
89
Jhr dencket, was ihr redt, und redet, was ihr dencket,
90
Tragt nicht was heimliches im hertzen tieff versencket,
91
Das andern schaden bringt: Jhr schencket klaren wein,
92
Seyd sonder alles falsch, und haßt der worte schein,
93
Die glatte henckerey: Wornach wir sollen hauen,
94
Das können wir an euch, als einem spiegel, schauen.
95
O wohl dem, welcher so, wie ihr, kein anders thut,
96
Herr Rhenisch! als wozu ein junges freyes blut
97
Gantz sicher kommen mag, und auf die wage setzen
98
Das wesen, so er führt. Ein stein pflegt stahl zu wetzen,
99
Ein lehrer junges volck; Der lehrt in wahrheit nicht,
100
Den seine lehre selbst mit schanden unrecht spricht.
101
Jhr weiset mir voraus, was einer muß beginnen,
102
Der das berühmte schloß der weißheit will gewinnen,
103
Die nimmer untergeht: Jhr zeiget aus der schrifft,
104
Was GOtt, so viel man zwar hier wissen kan, betrifft,
105
Und wie der mensch die welt soll unter sich verachten,
106
Hergegen bald nach dem am allermeisten trachten,
107
Was keines wetters macht, kein starcker nord zubricht,
108
Kein dieb nicht stehlen kan, und keine motte sticht:
109
Jhr macht uns offenbahr das thun der blinden heyden,
110
Den fremden gottes-dienst vom wahren unterscheiden:
111
Jhr, meiner Musen trost! ihr gebt uns zu verstehn,
112
Was des Aristons sohn, der lehrer zu Athen,
113
Was Tullius zu Rom, was rasende Sibyllen,
114
Was Stagirites glaubt von GOttes thun und willen,
115
Was Maro, wenn er schreibt von der Cumaner magd,
116
Unwissentlich daselbst von Christus hat gesagt:
117
Was man von denen hat, die sonsten weise waren,
118
Und in erschaffner krafft der sachen wohl erfahren:
119
Was sie von GOtt gelehrt: Was frommer Christen amt:
120
Warum der Tantalus zur höllen sey verdammt:
121
Warum der weisse bär noch nie hat seinen wagen
122
Nach der Bootes hin ins blaue saltz getragen:
123
Warum doch jenes bild bey Ariadne kniet:
124
Wie daß man auch so schön und wohl gemahlet sieht
125
Thaumantis tochter schweiff, den brennenden cometen,
126
Den boten böser post, den traurigen propheten:
127
Wie diß und jenes ist: Wie Perseus flüchtig steht:
128
Caßiopea sitzt: Wie Phöbus untergeht:
129
Wie Hecate nach ihm ihr bleiches silber schicket,
130
Und mit der sternen schaar hin auf die wache rücket:
131
Und was dergleichen mehr. Jhr seyd, was guten rath
132
Und treue zucht betrifft, an meiner eltern statt.
133
Lehrt mich der jugend pest, die faule wollust hassen
134
Des teufels unterpfül, hingegen dieses fassen,
135
Was gut und tugend heist. Denn wer die junge zeit
136
Durch müßiggang verderbt, kriegt auf das alter leyd.
137
Durch nichts thun legen wir uns auf die schlimme seiten,
138
Und lernen böses thun. Die mörderin der zeiten,
139
Das zucker-süsse gifft, saugt alle kräffte aus:
140
Wie rost das eisen frist, verzehret hof und haus.
141
Worüber andre sich fast blind und höckricht sitzen,
142
Darüber darff nicht erst ein solcher lange schwitzen,
143
Der seiner jahre lentz auf sprachen und verstand,
144
Und auf das edle lob der tugend hat gewandt.
145
Daß ich auch mit der zeit mich aus dem staube schwinge,
146
Und von der dicken zahl des armen volckes dringe,
147
Das an der erden klebt, steht ihr mir stattlich bey,
148
Wie hefftig mich auch drückt die last der armuthey,
149
Die schwester guter art. Jhr leitet meine sinnen,
150
Herr Rhenisch! auf die burg der zarten Pierinnen,
151
Die meine freude sind. Mein wesen, das ich führ,
152
Ist lust zur wissenschafft, ist feder und papier.
153
Diß schenck euch alles ich an statt der vielen gaben,
154
Die meiner Musen krafft bißher erhalten haben,
155
Wie schlecht sie immer ist. An mehrer dinge statt
156
Last euch das hertze seyn, und dencket, vor die that
157
Nimmt GOtt das hertze selbst. Der wolle gnädig geben,
158
Herr Rhenisch! euch die zeit, die ihr verdient zu leben!
159
Damit ihr lange mögt der kirchen schmuck und schein,
160
Der Musen werther schutz, der tugend spiegel seyn.
161
Er lege gütig hin das wechsel eurer jahre,
162
O Atlas meiner noth! daß euch nicht widerfahre,
163
Was vieler weisen schaar von diesem alter glaubt,
164
Daß, wenn der grimme tod nicht gantz das leben raubt,
165
Doch gleichwohl er gefahr und schiffbruch müsse leiden.
166
Hat nicht
167
Hat nicht den Hannibal, hat nicht der redner pracht,
168
Den grossen Cicero, diß wechsel umgebracht?
169
Lutherus kunte nicht diß alter überschreiten,
170
Und auch Melanchthon nicht, das edle paar der zeiten,
171
Die diener GOttes krafft. Doch GOtt, der alles kan,
172
Bindt sich an keinen ort, an keine zeiten an.
173
Der helffe, daß euch nichts im minsten mag verletzen,
174
Will gleich ein harter sturm an euch, Herr Rhenisch! setzen.
175
Er schütte mildiglich auf euch und euer haus
176
Aus gnaden stille ruh und allen segen aus,
177
Daß ich noch ferner kan derselben ruh geniessen,
178
Und ihr auch neben uns der götter GOtt begrüssen
179
Mit feurigem gebet: Er wolle dieser pein,
180
Der schweren krieges-last, ein ende lassen seyn,
181
Und ausser der gefahr, nach tausend frommer flehen,
182
Stadt, feld, heerd und altar in frieden lassen sehen!
183
Wir seynd des spieles satt, und werden es gewahr:
184
Wo Mars die trommel rührt, raucht selten ein altar.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.