Das lob von L… einem gewissen städtgen in T. E. G

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das lob von L… einem gewissen städtgen in T. E. G (1709)

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Sprecht andre, wie ihr wollt, das lob von Byzantz aus:
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Und last den Samazar mit dem Venedig pralen:
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Setzt euch den kupfferstich von Amsterdam ins haus:
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Last Londen und Pariß an eure wände mahlen;
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Ich, den die mutter-milch so hoch nicht aufgeschwemmt,
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Will auch am liebsten nur bey kleinen dingen bleiben,
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Und wo der schwere reim mir nicht die feder hemmt,
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Dein wohl-verdientes lob, mein Lobeda! beschreiben.
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Ich glaube, daß du es zwar nicht benöthigt bist:
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Es hat mir auch kein freund das wamst darum zerrissen;
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Doch ob mich schon kein mensch jemahls darum begrüßt:
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Genung, daß du es mir auch nicht bezahlen müssen.
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Manch praler kaufft sein lob des jahres zweymahl ein,
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Und wenn das nahmens-licht gleich gantz obscur erschienen;
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So müssen (doch ums geld) ein dutzent schlucker seyn,
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Die das berühmte fest mit einem reim bedienen.
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Giebt wo ein kunst-monarch ein bibel-buch heraus,
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So läst er ein sonnet zu seinem kupffer machen,
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Und präsentirt wohl gar den gantzen Musen-schmaus;
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Wer wolte denn dein lob, mein Lobeda! verlachen?
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Dein ansehn, glaube mir, verdient mit besserm recht,
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Es, da man alles lobt, nicht gäntzlich zu vergessen,
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Als mancher bücher-wurm und sylben-krämer-knecht,
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Hätt’ er den Cicero gleich biß aufs holtz gefressen.
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Denn ob die thürme gleich nicht an die wolcken gehn;
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So hat dich doch die kunst an einen berg geschmissen,
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Der, solt’ er anders nur in Griechen-lande stehn,
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Ohn allen zweifel hätt’ Olympus heissen müssen.
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Das ufer, wo die Saal mit ihren fluthen spielt,
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Kan, wenn bey kühler nacht die nachtigallen singen,
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Dem Cato, wenn er auch sonst keine regung fühlt,
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Mit seiner lustbarkeit ein groß vergnügen bringen.
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Der lügen-schmied, Homer, hat dich nur nicht gekennt,
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Sonst hätt’ er dich gewiß der Venus eingegeben.
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Denn wenn die sonne gleich nicht wie in Cypern brennt;
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So kan die liebe doch an deinem ufer leben.
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Jhr matten! die ihr sonst der wollust decken seyd,
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Jhr mögt, wenn sonn und wind durch weid- und erlen spielen,
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Voritzo zeugen seyn von der erwünschten zeit,
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Die viel verliebte paar um diese gegend fühlen.
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Die Musen machen sonst den Pindus-berg berühmt,
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Die doch wohl anders nichts, als alte hexen, waren;
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Hier, glaub ich, würd uns nur durch schrifften was beniemt,
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So könte man noch wohl was rühmlichers erfahren.
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Wer weiß, hat nicht Armin dein altes schloß bewohnt?
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Vielleichte zeigt sich noch ein merckmahl der Druiden,
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Das biß auf unsre zeit das alterthum verschont.
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Last, critici! euch nur das suchen nicht ermüden!
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Grabt alle steingen auf: Durchkriecht der hölen klufft:
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Seht, ob sich irgendwo ein’ alte ziffer findet:
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Sucht einen Drudden-fuß: Sucht eine aschen-grufft!
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Ich schwere, daß der fleis euch Lobeda verbindet;
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Doch nein! denn Lobeda wird hier nicht danckbar seyn:
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Es darff den ruhm nicht erst aus tieffen hölen graben:
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Der glantz des alterthums ist ein geborgter schein;
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Wer lob erwerben will, muß selbst die ehre haben,
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Die hast du, Lobeda! und als dein eigenthum:
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Wenn dich die spötter gleich ein kleines wesen nennen;
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Dein enger umzirck hat weit ausgespannten ruhm,
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Bey allen, welche dich mit deinem innhalt kennen.
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Offt hat ein kleiner leib ein grosses hertz umfast:
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Ein kleiner garten trägt offtmahls die schönsten früchte:
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Ein zwerg hält offt an witz der grösten erden last,
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Die von den riesen stammt, ein schönes gleich-gewichte.
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Wenn gleich das pflaster nicht mit quater-steinen prangt;
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Man darff die tritte doch nicht in dem kothe zehlen.
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Mich deucht, wenn Grand Louis noch seinen zweck erlangt,
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Er wird an statt Pariß zur residentz dich wehlen.
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Die mauren sehen zwar, als wie zu Jer’cho aus:
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Die wäll und gräben sind auch leichte zu ersteigen:
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Man sieht kein proviant- kein zeug- noch pulver-haus;
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Doch dieses alles kan dir keine schande zeigen.
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Der mauren einfall zeugt von deiner tapfferkeit,
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Die schon der teutsche krieg den sternen eingeschrieben;
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Allein, wie kömmt es doch, daß sie so lange zeit,
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Und biß auf diesen tag, noch ungebaut geblieben?
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Diß eben lehret uns, daß du nicht furchtsam seyst,
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Und daß die bürger selbst als dicke mauren stehen.
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Gesetzt nun, daß man dich ein kleines wesen heist;
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Hierinnen kanst du wohl auch ländern gleiche gehen.
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Manch Sterops, der sich sonst gewaltig mausig macht,
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Und alle stunden will zu einem helden werden,
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Weil er vermauret ist, kriecht, wenn ein stücke kracht,
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Mit hertz und hos’ und wamst sechs klafftern in die erden.
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Nein! nein! ihr seyd nicht so; Jhr steht wie klotz und stein,
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Und dürfft die festbarkeit nicht in die erde graben.
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Zwar wär mit andern euch manch laster nur gemein,
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Jhr würdet zweiffels-frey schon wall und mauren haben.
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Wie manche mauer hat der ehbruch nicht gebaut!
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Es weiß der kinder schaar, die auf dem pflaster lauffen,
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Und ihren vater noch nicht auf der welt geschaut,
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Wohl selten, wer darzu die steine müssen kauffen:
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Indessen weiß es der, so sie bezahlet hat.
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Er schickt zum überfluß bey jedem oster-feste
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Etwas ins waysen-hauß, und etwas vor den rath;
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So bauen waysen dann die prächtigen palläste.
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Hier pralt das rath-haus nicht, wie manches armen-haus:
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Man läst das theure gold nicht auf die fenster mahlen;
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Allein es sieht auch sonst nicht so gefährlich aus:
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Man darff hier nicht so offt vor fenster-laden zahlen:
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Es darff kein häscher-schwarm mit flegeln lauschen stehn:
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Es lassen andere Philister sich bewachen:
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Der Morgenstern darff hier nicht patroulliren gehn,
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Wenn unsre bürger sich zusammen lustig machen:
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Hier geht es meistentheils gar still und ruhig zu:
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Man sieht kein tolles schwerd auf menschen-leiber rasen:
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Und stört ein affter-stern ja irgend unsre ruh,
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So läst man hand und hand auf mund und augen grasen:
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So bringt man allezeit des lebens schatz davon,
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Und macht den tapffern leib nicht vor der zeit zur aschen:
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Bekommt schon jemand was vom schellenmarckt zum lohn,
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So wird es bald mit bier und krätzer abgewaschen;
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Indessen fürchtet ihr geschoß und degen nicht:
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Man hört da keinen Fuchs durch marckt und gassen wetzen:
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Der, ob ihm gleich gehirn und witz und hertz gebricht,
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Doch schon die halbe stadt in zittern denckt zu setzen.
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Bey euch wohnt fried und lust, es weichet zanck und streit:
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Und wer von Lobeda den nahmen nicht wird kennen,
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Derselbe mag mit recht, du wunder unsrer zeit!
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Dich eine friedens-stadt vor fremden ohren nennen;
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Diß macht dein weiser rath, der vor die wohlfahrt wacht.
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Die sorgeu und die müh der rechts-erfahrnen väter,
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Die haben deine ruh in solchen stand gebracht.
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Das rath-haus nähret hier nicht land- und stadt-verräther:
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Und nennt man gleich bey dir nicht den Justinian:
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Wird schon der Baldus nicht zum zeugen angenommen;
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Wer weiß, was künfftig noch allhier geschehen kan,
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Nachdem der kleine Struv ein teutsches wamst bekommen.
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Deßwegen bleibt bey mir die meinung fest gestellt:
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Du bist und heist mit recht ein zierrath dieser erden.
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Und wenn des glückes schluß nach meinen wünschen fällt;
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So must du mit der zeit ein halber himmel werden.
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Allein mein reim ist aus. Jhr tichter unsrer zeit!
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Jhr! denen hand und kiel des hofmanns geister leiten,
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Schreibt! weil die poesie mir nicht die krafft verleiht,
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Schreibt Lobeda ins buch der grauen ewigkeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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