1
Geh hin, gepriesner mann! wohin des glückes huld
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Dich heist aus deinem lager rücken!
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Bequem dich aber vor zur höflichen gedult,
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Und lern dich in das güldne joch und in die süssen schmertzen
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Laß deiner hoffnung schiff nicht weit vom ufer schweben!
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Wer stillen tieffen traut, und auf des meeres höh
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Sich will mit gantzem wind und vollen segeln heben,
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Fällt durch verleumdung offt in harte klippen ein,
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Und stösset an des neiders stein
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Mit schrecken seinen kahn in stücken.
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Dann schwimmt der gantze bau zu deiner schande fort,
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Und jeder lacht dich aus, daß du von deinem port
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So thöricht abgeschifft: Der mast-baum liegt darnieder,
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Und kommet selten mehr zu seinem herren wieder.
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Bleht dich die ruhmsucht auf? so setz ihr maas und ziel!
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Die ehre pflegt ein feiges hertz zu hassen,
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Ein stoltzes zu verlassen.
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Sey keinem andern hart; Dich strafe stets zuviel!
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Bemüh dich nicht, die stirne zu verstellen,
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Und laß dein augenlied von keiner hoffarth schwellen!
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Das glück ist wandelbar, und ändert leicht den schein:
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Drum sorge bloß dahin, wie du mögst ehrlich seyn.
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Nicht wünsche, daß es dir stets frölich möge gehen!
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Der purpur, den du trägst, stirbt und verliehret sich:
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Der stern, der itzund scheint, kan bald in wolcken stehen:
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Und wie ist zeit und jahr nicht selbst veränderlich?
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Der ist der glücklichste, der keinem glücke trauet;
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Und wer, wenn ihn ein jeder schauet,
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Sich doch im finstern wünscht, der ist ein weiser mann.
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Wie? weist du es noch nicht?
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Des hofes treppen sind von porcellan und glase zugericht:
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Man steigt, indem man abwerts geht, man fällt, indem man
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Und wird im augenblick offt biß in staub gebeuget.
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Verachte dich stets selbst! Jm andern traue GOtt!
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Vergebne sorge bringt dem hertzen nichts als plagen,
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Und unsre jammer-klagen
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Vermehren nur die noth.
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Zeigt dir der himmel blitz? So leide seine schläge!
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Lockt dich die wollust an? So weich ihr aus dem wege!
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Liebkoset dir das glück? So setze dich zur ruh!
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Dräut dir ein schwacher feind? So lache nur darzu!
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Bist du beliebt? So halt die gunst mit händ und füssen!
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Liegst du? So kanst du ja den müßiggang genießen:
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Steigst du? So laß niemahls so grosse freude sehn!
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Wirst du erniedriget? Wohl! laß es auch geschehn!
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Trotzt dein verfolger dich? So zwinge dein gesicht!
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Thut es dir weh? Ey so beschwer dich nicht!
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Mehr weiß ich dir nicht zu befehlen;
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Durch tugend wirst du stehn:
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Die tugend kan allein erhöhn:
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Die tugend wird dich auch zu den beglückten zehlen.