Auf den geburts-tag seiner Hoch-Fürstl. Durchl. Hertzog Albrechts zu Sachsen-Coburg, rc. B. N

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Auf den geburts-tag seiner Hoch-Fürstl. Durchl. Hertzog Albrechts zu Sachsen-Coburg, rc. B. N (1709)

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Jhr müden schafe! geht, geniesset eurer ruh!
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Und schließt die augen dort an jenem berge zu,
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Wo Coburgs reicher Pan auf den begrünten auen
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Uns neulich unverhofft ließ seine lämmer schauen!
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Du aber, grosser Fürst! nimm meine lieder an!
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Denn ob ich ärmster gleich nichts hohes singen kan,
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Und etwan nicht mein rohr und meine weiden-flöte
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So majestätisch klingt, als deine feld-trompete;
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So weiß ich dennoch wohl, daß dir die schäferey
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Und unser hirten-spiel nicht gantz zuwider sey:
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Sonst hättest du, o Mars! nicht noch vor wenig tagen
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Dein tapffer krieges-zelt bey hürden aufgeschlagen.
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Es sind fünff wochen um, daß ich die kühnheit nahm,
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Und aus der Brennen land in diese grentzen kam.
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Das erste, was ich sah, und ewig will gedencken,
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War, daß du woll und vieh ließt deiner fürstin schencken.
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Ach! dacht ich bey mir selbst: Ist hier noch güldne zeit,
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Da Mars die halbe welt mit kugelu überstreut?
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Da sich ein teutscher mann nicht mehr in Teutschland kennet:
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Ein kind den vater nicht in seiner sprache nennet:
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Die speise nach Pariß, der wein nach Welschland schmeckt:
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Und offt ein gantzer kram in einem kleide steckt?
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Weiß Coburg noch allein nicht von den fetten tagen,
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Die so viel reiche mehr, als pest und krieg, geschlagen?
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Die dir, o Hannibal! den degen stumpff gemacht:
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Das aufgeblehte Rom durch Rom zu falle bracht:
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Und unser vaterland biß auf das blut aussaugen?
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So dacht ich, und belief die gegend mit den augen,
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Ich sah bald feld und hof, bald kirch und schulen an;
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Doch alles, was ich sah, war klug und wohl gethan.
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Denn Albrechts hoher witz erschien in allen ständen,
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So artig, daß ich nichts sah ohne noth verschwenden,
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Und gleichwohl alles fand, was fürsten zugehört.
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Die mauren waren noch durch keinen feind versehrt:
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Die bürger wusten mir nichts widrigas zu sagen,
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Als was bey theurer zeit die gantze welt muß klagen.
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Mit kurtzem: Ich erfuhr, daß glück und frölichkeit
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Die rosen nicht allein in feldern ausgestreut:
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Und daß man eben so, wie in den kühlen gründen,
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Bey hofe schäfer kan und wahre tugend finden.
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Und warlich, wo ein land nach wunsche soll gedeyn,
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So muß sein ober-herr ein halber schäfer seyn,
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Und ja so wohl, als wir, bey angebrochnem morgen,
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Nach seinem amte sehn, und für die heerde sorgen.
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Wir leben zwar für uns; doch mehr für unser vieh:
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Wir essen unser brod zwar freudig; doch mit müh:
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Und wachen, wenn wir uns gleich halb zu bette legen:
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So muß ein kluger fürst auch noch die flügel regen,
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Wenn sich die gantze welt in tieffen schlaf begräbt.
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Wer ihm alleine nur, und nicht dem staate lebt,
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Ist keiner crone werth. Denn sich wohl zu regieren,
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Ist zwar sehr grosse kunst; Doch größre, andre führen:
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Die gröste, beydes thun. Und es ist gantz gemein,
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Daß der, dem jeder dient, muß vielen dienstbar seyn.
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Der lohn für unsre müh ist süsse milch und wolle:
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Wir wissen, daß man nichts zu sehr beschweren solle,
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Und ziehn den schafen nicht gleich haut und leder ab:
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Ein fürst lebt freylich nicht durch seinen blossen stab,
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Und muß, wofern er soll die länder recht beschützen,
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Nicht, wie der pöfel gehn, und in dem winckel sitzen;
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Allein er muß auch nicht das recht in macht verdrehn,
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Und mehr auf falsche pracht, als wahre nothdurfft sehn:
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Denn jeder bauer, der durch seine last verdirbet,
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Ist zeuge, daß er schon an seinem glücke stirbet.
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Wir armen schäfer sind mit weid und vieh vergnügt:
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Wir forschen nicht, wie groß der nachbarn wiese liegt:
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Wie weit ihr acker grentzt: Wie viel sie lämmer zehlen:
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Und wie wir endlich gar uns möchten reicher stehlen.
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Was ist doch schändlicher, als wenn ein grosser fürst,
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Gleichwie ein tieger-thier, nach fremdem blute dürst:
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Sich durch betrug und list in fette länder spielet:
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Mit Alexandern fast die halbe welt durchwühlet,
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Und hundert tausend mann vor eine Festung giebt?
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Wenn er die ehrsucht mehr, als sein gewissen, liebt:
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Mit eyd und schwüren schertzt: Das völcker-recht verlachet:
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Schon wieder krieg anhebt, indem er friede machet:
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Und meint, er habe mehr als Scipio gethan,
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Wenn er zwey worte nur in titul flicken kan?
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Die wahre herrschungs-kunst besteht in keinen meilen,
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Man kan ein grosses land gar leicht ins kleine theilen;
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Der aber ist ein held, der durch vernunfft und fleiß
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Das, was ihm GOtt geschenckt, wohl zu erhalten weiß.
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So artig findet man in schäfern abgerissen,
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Was ein gecröntes haurt soll auf dem throne wissen.
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Allein wer, grosser Fürst! weiß, was durch dich geschehn,
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Und was du täglich thust, darff keinen schäfer sehn;
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Denn alles, was man wünscht, daß andre lernen möchten,
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Das hast du schon gethan. Du siehest nach den rechten:
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Du gehst die kammer durch, und wendest den verstand,
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Wenn der und jener schläft, offt selber an das land:
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Du läst eh etwas dir, als deinen bürgern fehlen:
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Du streitest wider die, so fremde länder stehlen:
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Und man begreiffet kaum, indem man dich betracht,
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Was dich, erlauchter! hat, fried oder krieg? gemacht.
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Erlaube demnach mir, die seufftzer abzusingen,
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Die heute, kluger Fürst! dir deine schäfer bringen:
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Jhr milden himmel! schauet,
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Wie unser feld sich bauet
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Und wieder früchte bringt!
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Hört, wie die lämmer schreyen,
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Wie sich die schafe freuen,
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Wie unsre flöte klingt!
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Diß alles kan erweisen,
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Daß uns das mörder-eisen
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Des krieges nicht berührt:
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Und daß, wenn andre wüten
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Man unter Albrechts hütten
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Ein stilles leben führt.
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Jhr himmel! seyd gepriesen,
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Daß ihr an uns erwiesen,
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Was wir doch nicht verdient:
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Schaut aber auch zurücke,
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Und schafft, daß Albrechts glücke
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Wie unsre wiesen grünt!
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Sein witz und seine sorgen
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Gebähren alle morgen
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Uns neuen frühlings-schein:
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Drum last ihn ewig leben!
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Wo nicht, so schafft uns reben,
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Die wie der vater seyn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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