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Es sind, gelehrter mann! vier winter fast begraben,
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Seit dem ich dich gekannt, gehört und hochgeschätzt:
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Darum ich offt gewünscht, gelegenheit zu haben,
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Zu zeigen, was ein kiel verbundner diener setzt;
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Es hat sich aber nichts dergleichen fügen wollen,
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Biß deines kindes tod mich itzt zum tichter macht.
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Ach! hätt ich doch ein lied von freude schreiben sollen!
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Ach! wüste doch dein tag von keiner trauer-nacht!
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Dein kind, das liebste kind, die zarte Leonore
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Vergeht als wie ein licht, das kaum entglommen ist;
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Drum deckt dein antlitz sich mit einem duncklen flore,
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In deinem zimmer wird nur ach! und boy erkiest.
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Man höret nun nicht mehr das angeuehme lallen,
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Damit ihr kleiner mund der eltern hertz erfreut:
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Jhr unschuld-voller schertz, der allen wohl gefallen,
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Und viel verdruß versüßt, kehrt sich in herbes leid.
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Der muntre Friedrich sucht die schwester zwar zu wecken;
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Allein sie schläft den schlaf, den niemand stöhren kan;
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Drum steht er gantz bestürtzt, es will ihm nichts mehr schmecken,
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Und giebt mit trübem ach! sein liebstes spielwerck an.
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Hoch-werthester patron! es schiessen die cypressen
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Dir selber allzu früh in deinem garten auf.
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Der hoffnungs-bau verfällt, man kan es leicht ermessen,
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Dein schöner vorsatz hemmt den angefangnen lauff.
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Der himmel hatte dich zwey kinder küssen lassen,
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Es ließ uns die vernunfft was seltnes propheceyn:
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Die tochter wolt in sich der mutter tugend fassen,
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Der sohn ein contrefait des klugen vaters seyn;
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Allein wie irren doch die allerbesten schlüsse,
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Wenn GOtt uns einen strich in unsre rechnung macht!
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Dein vorsatz war gerecht, die hoffnung zucker-süsse;
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Der heyland aber hat ein ander ziel erdacht.
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Eleonor erbleicht, die weichen glieder starren,
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Die augen sincken hin, ihr blick verliehret sich,
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Jhr geist darff länger nicht in dieser welt verharren,
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Und dieses scheiden ist vor dich ein hertzens-stich.
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Gott aber meint es gut, ja besser, als wir dencken,
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Ob seine wege gleich verborgne räthsel sind.
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Wer weiß, ob uns die grufft, die itzt von thränen-träncken
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Und todten-wasser quillt, nicht trost und leben rinnt.
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Gott meint es warlich gut, auch wann er böse scheinet,
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Auch wenn er unser haupt mit asch und moder deckt.
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Ein David wird erquickt, indem er ächtzt und weinet:
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Man siehet, daß ein dorn offt voller rosen steckt.
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Hoch-werthester patron! dir sind die weisen bücher
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Des trostes ja so wohl, als der Astree, bekannt,
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Drum laß den düstren flor, die nassen wehmuth-tücher
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Nur einen augenblick aus augen, sinn und hand!
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Ich weiß, es wird ein blat das lange trauren lindern:
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Ich weiß, es kläret sich der himmel etwas aus,
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Der itzt so düster läßt. Ja um dein leid zu mindern,
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So wirff nur einen blick auf dein geliebtes haus.
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Kommt Leonore dir nicht weiter zu gesichte?
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Ist deine tochter todt? so lebt doch Friderich,
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Dein liebstes söhngen, noch, die hoffnung vieler früchte;
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Vor den und deinen schatz tröst’ und erhalte dich!
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Aus diesem reise soll noch einst ein baum entstehen,
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Es wird noch dieser sohn ein andrer vater seyn.
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Drum kan der hoffnungs-stern nicht gäntzlich untergehen:
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So bricht durch trübe nacht gleichwohl ein sonnen-schein.
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Führt aber doch der schmertz dich stets auf Leonoren?
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Wird noch nicht trost genung bey ihrer bahr erkiest?
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So denck an ihren geist, als welcher neu-gebohren,
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Und in der ewigkeit ein holder engel ist.