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Jhr, die ihr euch den wahn der welt verblenden lasset,
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Und den verkehrten schluß in die gedancken fasset,
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Die wahre gottesfurcht sey lauter fantasey,
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Schaut unsre Stryckin an! Jhr tugend-volles leben
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Kan euch in dieser nacht ein helles licht abgeben,
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Ich weiß, es fällt euch dann ein ander urtheil bey.
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Wir geben gerne zu: Daß in Egyptens wüsten
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Mehr molch und crocodil, als fromme tauben, nisten:
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Und daß die frömmigkeit ein seltner vogel ist.
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Wir geben gerne nach: Daß menschen ihre flecken
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Mit einem blossen schein, und sich mit masquen decken,
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So daß man offt den wolff selbst vor ein schaf erkiest.
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Doch falscher purpur kan nicht ächtem purpur gleichen:
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Es wird kein schlechter stein den diamant erreichen,
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So sehr ihn auch die kunst mit folgen helffen kan.
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Man muß die geister nur recht auf die probe stellen.
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Man kennt die worte schon, die aus den hertzen quellen,
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Die wercke geben bald den Pharisäer an.
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Der Stryckin, deren leib hier auf dem sarge lieget,
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Der Stryckin, deren geist die höchste ruh vergnüget,
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Der Stryckin gottesfurcht hielt alle proben aus.
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Erwegt, wie sie gelebt! Jhr wandel liegt am tage.
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Der weisen urtheil crönt hier die gemeine sage:
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Der Stryckin hertze war kein übertünchtes haus.
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Bißweilen hüllt die noth uns in das kleid der tugend;
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Jhr schien des glückes gunst von ihrer grünen jugend,
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Von ihrer wiegen an, biß in die finstre grufft.
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Die mittel fehlten nicht, der welt sich zu bedienen,
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Man sah der ehren krantz um ihre schläfe grünen.
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Indessen dämpfft ihr geist der eitlen regung dufft.
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Der hochmuth ist ihr nie in ihren kopff gestiegen,
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Sie hieß die prahlerey zu ihren füssen liegen,
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Und stieg durch niedrigkeit des geistes himmel-wärts.
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Gebet und mäßigkeit verstattete den lüsten
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Hier keinen eingang nicht. Sie gieng die bahn der Christen:
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Jhr mund wieß jederzeit ein GOtt geweihtes hertz.
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Sie pflegte keine zeit mit karten zu verspielen;
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Ein andacht-volles buch, das itzund bey so vielen
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Verworffen liegen muß, war ihre gröste lust.
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Es hat kein neid und geitz ihr hertze zugeschlossen.
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Was hat das armuth nicht von ihrer hand genossen?
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Wem ist die mildigkeit der Stryckin unbewust?
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Zeigt dieser wercke glantz nicht ihren wahren glauben?
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Wer kan die gottesfurcht wohl einer seele rauben,
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Die alle reitzungen der schnöden welt besiegt?
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Kommt! die ihr fromme sucht, wo ihr sie finden wollet!
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Der leib, um welchen itzt so manche thräne rollet,
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Bewohnt ein solcher geist, der sich an GOtt vergnügt.
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Laßt, feige seelen! laßt euch dieses beyspiel dienen,
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Geht unsrer Stryckin nach, biß ihr die hohen bühnen
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Des Christenthums erreicht, die man so ferne sieht.
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Du aber, grosser Stryck! der du ihr vorgegangen,
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Um dessen weises haupt der Themis perlen prangen,
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Sey nicht bey ihrer grufft mit trüber angst bemüht.
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Dein schatz, den du bedaurst, singt itzund freuden-lieder,
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Du siehest sie dereinst in jenem reiche wieder.
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Indessen, weil der HErr dich noch der erde gönnt,
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So gönne, daß sie dich nicht vor der zeit verliehre,
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Damit dein hoher witz Fridricianen ziere,
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Den recht und billigkeit ihr wahres kleinod nennt!