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Sich in dem labyrinth der alten nicht vergehn:
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Die wunder von Athen und Latium verstehn:
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Der sprachen zierlichkeit recht aus dem grunde wissen:
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Der künste weiten kreis in das gehirne schliessen:
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Aus finstrer schrifften nacht ein licht der wahrheit ziehn:
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Sich um den grauen witz vergangner zeit bemühn:
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Den halb-verfallnen schacht des alterthums durchkriechen:
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Das, was der nasse schwamm der jahre weggestrichen,
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Und sonst zerstücket liegt, wie ein zerschmettert glas,
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Da man die stücke kaum mit müh zusammen las,
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Durch hurtigen verstand ersetzen und ergäntzen:
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Sich über den bezirck und die gemeine grentzen
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Des pövels selbst erhöhn: Was Socrates gefragt:
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Democritus belacht: Heraclitus beklagt:
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Der ruhig’ Epicur nach seiner lust ersonnen;
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Was Pyrrho vor ein garn des zweifels angesponnen,
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Und wie ein seiden-wurm sich selbst darein verwebt:
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Wie Aristoteles nach dem beweiß gestrebt:
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Gewissen grund gesucht: Das göldne mittel funden,
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In dem die tugend ruht: Warum sein ruhm verschwunden?
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Was in der ältern welt der sieben weisen mund
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Vor räthsel aufgelöst: Des Hermes tieffen grund:
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Und was Pythagoras aus stoltz und neid verschwiegen:
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Wie sich Empedocles durch abgeschmackte lügen
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Durchaus vergöttern wolln: Was Plato speculirt,
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Und vor ideen einst als weißheit eingeführt:
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Wie grob und hündisch sich der Cynicus vergangen:
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Wie Zeno sich geschämt: Womit die redner prangen,
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Die Rom, die Griechenland erstaunend angehört:
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Was ein Quintilian, ein Tullius gelehrt:
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Der prächtige poet in seinen vers geschlossen:
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Was Livius erzehlt: Der alten schöne glossen:
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Des Strabo riß der welt: Und was allhier der fleiß
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Auf dieses enge blat nicht zu entwerssen weiß:
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Diß alles, und noch mehr in seinem kopff verfassen,
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Und doch den hochmuth sich nicht übermeistern lassen:
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Wie rar ist dieses lob! Die wissenschafft allein
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Findt jezuweilen wohl ein fähiges gehirne:
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So steigt Salmasius vor vielen zum gestirne,
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Fällt aber durch den stoltz weit tieffer, als er steigt.
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Die unerschöpffte müh, so ein Menage zeigt:
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Sein critischer geschmack, sein angebrachtes lesen,
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Weist, daß sein muntrer kopff kein leeres haus gewesen;
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Schaut man ihn aber auch nach seinem hertzen an,
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So schaut man, wie er sich nicht sattsam rühmen kan;
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Dann weicht der süsse preiß, den man ihm vor gewehret,
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Dieweil ihn der gestanck der prahlerey verzehret,
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Die klar am tage liegt. So bläht das wissen auf,
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Wenn nicht der weißheit krafft des lebens schnellen lauff
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In ihren schrancken hält, und nach der demuth leitet.
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Das ist, o seeliger! was deinen ruhm ausbreitet,
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Was du geschrieben hast, das zeigt dein wissen an,
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Und wer dich angehört, der weiß auch, daß kein wahn
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Gelehrter prahlerey dir den verstand verdunckelt.
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Wer Holland durchgerelst, weiß, wie dein nahme funckelt,
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Und Teutschland ehre bringt. Wiewohl wer kennt dich nicht?
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Wem ist Cellarius, der reinen redner licht
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Und Pharus, unbekannt? Zwar deine feder lieget,
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Weil deine faust erstarrt: weil es der himmel füget,
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Daß den erblaßten leib ein enger sarg umschränckt.
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Doch wie den reinen geist das paradies umfängt;
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So soll dein ehren-ruf auch hier unsterblich bleiben.
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Die wahrheit selber wird auf deinen leich-stein schreiben:
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Hier lieget, was die welt nicht ohne schmertz vermist,
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Ein grosser criticus, doch noch ein grössrer Christ.