A und O!

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: A und O! (1709)

1
Daß bley und cronen-gold gar offt verschwestert seyn:
2
Daß purpur, schweiß und blut sich meistentheils verbinden,
3
Und auch die dornen sich bey könig-rosen finden,
4
Schreibt nicht Savedra nur der printzen hertzen ein;
5
Es muste dieses selbst ein helden-geist bekennen,
6
Als sein gesalbtes haupt zur höchsten ehre kam,
7
Und durch geburth und wahl die teutsche crone nahm:
8
Hier, sprach er, mag ich wohl die würde bürde nennen,
9
Denn alle perlen sind der thränen contrefay:
10
Ja, jeder diamant kommt zwar den cronen bey;
11
Doch ist er ein prophet von manchen unglücks-hlitzen,
12
Und kan das matte hertz wie lauter dornen ritzen.
13
Zwar cantzel und altar reimt sich zum throne nicht:
14
Von sceptern ist es schwer, auf buch und creutz zu schlüssen;
15
Doch wird die wahrheit selbst den ausschlag geben müssen,
16
Daß auch der priester amt mehr dorn als rosen bricht.
17
Wenn dort Nicetius der kirchen inful träget,
18
Und Triers bischoffs-stab in seiner hand erblickt,
19
So fühlt er eine last, die haupt und schultern drückt,
20
Und sein gemüth und hertz in bange fessel leget:
21
Er sieht, wie lust in last, ruhm in verdruß sich kehrt,
22
Daß, wer durch müh und fleiß ein bischoffs-amt begehrt,
23
Zwar etwas köstlichs sucht, doch auch erfahren müsse,
24
Daß seine würde sich mit einer bürde küsse.
25
Ein ungestümmes meer hegt so viel klippen nicht,
26
Als fährlichkeiten hier dem Paulus schiffbruch dräuen:
27
Die welt vergnüget sich, das creutzige! zu schreyen,
28
Wenn sie als natter stets der lehrer fersen sticht:
29
Der, so von anfang her als mörder sich erzeiget,
30
Hat offt durch Doegs faust der priester blut verspritzt,
31
Und eine Jsebel zu tollem grimm erhitzt,
32
Daß der propheten hals zum schwerdte sich geneiget.
33
Wenn Noa busse rufft, wird er der sünder spott:
34
Zu Sodom lauret man auf den gerechten Loth:
35
Gefängniß muß zuletzt Johannis wahrheit kräncken,
36
Und sein geheiligt haupt dem geilen tantze schencken.
37
Gesetzt, daß pfahl und stahl der lehrer noch verschont,
38
Daß man die glieder nicht in pech und schwefel kreischet,
39
Und sie mit beil und pfeil biß auf den tod zerfleischet;
40
So werden sie doch meist mit zorn und hohn belohnt.
41
Wenn Ahab seinen grimm will gegen Micha weisen:
42
Wenn nichts als murren sich vor Moses treue zeigt,
43
Und ein Onesimus des Paulus hertze beugt;
44
Da muß ein priester sich mit bittrer wermuth speisen.
45
Obgleich Ambrosius mit lippen-zucker tränckt,
46
Und ein Chrysostomus gold aus dem munde schenckt;
47
Die unbußfertigkeit, das eyfern, kräncken, wachen,
48
Muß den Eliam offt des lebens müde machen.
49
Doch die nativität hat ihnen längst gestellt
50
Der kirchen ober-hirt, der gröste der propheten,
51
Jhr schicksal würde seyn verhöhnen, lästern, töden,
52
Verfolgung in der welt, weil sie nicht von der welt.
53
Der meister muste schon die dornen-crone tragen,
54
Was wunder, wenn den knecht die scharffe spitze sticht?
55
Und endlich ist es klar, weßwegen es geschicht,
56
Daß welt und satan stets der lehrer seelen plagen.
57
Es sieht der höllen-wolff, daß treuer hirten wacht
58
Schon manches schäfgen hat aus seinem rachen bracht:
59
Nächst diesem kan die welt sie darum nicht vertragen,
60
Weil sie mehr weh als sanfft mit ihrem stabe schlagen.
61
Ich schweige, daß der haß offt nach dem tode lebt:
62
Denn wie des baumes fall die früchte selbsten fühlen,
63
So will die welt den muth an weib und kindern kühlen,
64
Zu derer unglücks-fall sie fleißig gruben gräbt.
65
Ich melde nicht, was sonst vor trübsal und vor jammer
66
Der treuen lehrer hertz in scharffe disteln legt,
67
Und ihnen auf die brust des creutzes wappen prägt;
68
Der himmel höret es, es weiß es ihre kammer,
69
Wie offt gefahr und angst um ihre scheitel streicht,
70
Wenn ein verführisch wolff um ihren schaf-stall schleicht:
71
Wenn sie offt müd und matt bey solchen elends-tagen,
72
Nur aufgelöst zu sehn, ein sanfft verlangen tragen.
73
Sie streuen in geduld des wortes milde saat,
74
Da sie doch heerlinge vor gute trauben lesen:
75
Ja wenn die erndte groß und wohl bestellt gewesen,
76
Sind doch die wenigsten, die GOtt gewehlet hat.
77
Wenn sie die gläubigen mit angst gebähren müssen,
78
Und aber manches kind die mutter selber haßt:
79
Wenn offt ein zarter baum kaum eine wurtzel faßt,
80
Den sie mit schweiß und fleiß verbinden und begiessen,
81
Da er doch einen wurm in seiner rinde heckt,
82
Und mit vergifftem thau das junge blut befleckt:
83
Das heist vergebne müh, das sind beschwerlichkeiten,
84
Die eines lehrers amt biß in das grab begleiten.
85
Was ist ein prediger? Ein hell-beflammtes licht,
86
Das selbsten sich verzehrt, indem es andern leuchtet;
87
Die lippen sind ein brunn, der vieler hertz befeuchtet,
88
Indessen auf sein haupt des creutzes sonne sticht.
89
Wie bienen sammlet er des honigs süsse speise,
90
Vor einen fremden mund, nicht vor sich selbsten ein:
91
Sein brod ist angst und müh, die thränen sind sein wein:
92
Der haupt-pfühl ist ein stein, wie Jacob auf der reise
93
Dem sorgen-vollen haupt dergleichen küssen gab,
94
Biß daß der saure stand zuletzte durch das grab
95
Zu seinem schlusse kommt, und sie nach sturm und winden,
96
Der ruhe süssen port in ihrem sarge finden.
97
Doch seht den groschen auch zur andern seiten an!
98
Beschwerung und gefahr verdunckeln nicht die strahlen,
99
Es prangt der priester-stand mit solchen ehren-mahlen,
100
Dabey man leid und neid gar leicht vergefsen kan.
101
Sein schicksal gleicht sich zwar den trüben finsternissen,
102
Darinn ihr ruhm und stern nur desto heller strahlt.
103
Und ist das creutze schon an ihre brust gemahlt;
104
Doch muß das hertze sich mit lauter rosen küssen.
105
Ein brunn wird zwar getrübt, doch wieder ausgeklärt:
106
Sie werden zwar gedruckt, doch ihnen widerfährt
107
Diß leiden nur zum ruhm, daß sie durch creutz und plagen
108
Dem HErren ähnlich sind, und seine zeichen tragen.
109
O! was vor hellen glantz giebt dieser gegen-schein!
110
Ein lehrer kommt von GOtt, als leuchter von dem lichte,
111
Er siehet stets im geist des Höchsten angesichte,
112
Wie solt er nicht bey uns ein irrdscher engel seyn?
113
Er ist es, welchem GOtt geheimnisse vertrauet,
114
Er führt des geistes amt, darinnen ihm gebührt,
115
Daß er durch Christi krafft des HErren kriege führt,
116
Wenn er durch mund und hand an GOttes tempel bauet,
117
Durch lehr und leben sich selbst zum exempel macht,
118
Und also Christi reich stets zu vermehren tracht:
119
Das ist ein schön geruch, der nach den himmel steiget,
120
Und seine lieblichkeit gedoppelt fruchtbar weiset.
121
Ist das nicht ehr und ruhm, des HErren bothe seyn,
122
Und GOttes gnaden-bund auf seinen lippen tragen?
123
Will man nach licht und recht, nach trost und lehre fragen,
124
Hier hört man voller krafft des ruffers stimme schreyn;
125
Ein reiner prediger ist eine süsse quelle,
126
Da offt ein durstig hirsch das frische wasser leckt:
127
Ein donner, der das hertz der sichern sünder schreckt:
128
Ein zeug-haus voller rath, da man auf alle fälle
129
Sich wider noth und tod die waffen holen kan:
130
Wer ihn beleidiget, greifft GOttes augen an:
131
Er steht an Christi stadt: Wer will den HErren hören,
132
Der muß durch lieb und furcht auch den gesandten ehren.
133
Nun Aarons ruthe blüht, der lehrer ruhm ist klar:
134
Die taube, derer mund des friedens öl-blat bringet:
135
Der Jacob, der mit GOtt durch heisses beten ringet:
136
Die zunge, welche dort vom geiste feurig war:
137
Das brust-bild Zebaoths, das ihre schultern zieret:
138
Und was noch mehr vor glantz von Mosis stirne fällt:
139
Hat längst das priester-amt so herrlich vorgestellt,
140
Daß seiner würdigkeit das schönste lob gebühret.
141
Doch alles dieses ist vor weniges geacht,
142
Wenn man den gnaden-lohn der ewigkeit betracht:
143
Die crone mein ich hier, die sie nach diesen tagen,
144
Einst vor des lammes stuhl auf ihrem haupte tragen.
145
Die lehrer leuchten dort, als wie des himmels glantz,
146
Die zur gerechtigkeit viel seelen angewiesen,
147
Die werden dermahleins den sternen gleich gepriesen.
148
O ungemeiner tod! O schöner sieges-krantz!
149
Hier fällt die feder hin, weil doch nicht zu beschreiben,
150
Was noch kein ohr gehört, kein auge nie erblickt.
151
Wenn Paulum gleich der geist im dritten himmel rückt;
152
So muß, was er gesehn, doch unaussprechlich bleiben.
153
Wohl dem nun, der bey GOtt der lehrer crone trägt,
154
Wenn er sein heilig amt im tode niederlegt,
155
Der auf dem berge Hor mit Aaron sich entkleidet,
156
Und den erlösten geist in GOttes antlitz weidet!
157
Glückseeliger Mörlin! Ich wende mich zu dir,
158
Denn du geneußt itzund den kern von diesem allem,
159
Nachdem dein schönes loos aufs lieblichste gefallen.
160
Du warst bey lebens-zeit der reinen lehrer zier:
161
Dein rühmliches geschlecht hat schon von grauen jahren
162
In GOttes heiligthum den vorhang aufgethan:
163
Es hängt die pietät dir von den eltern an,
164
Die ihrem GOtt getreu, der kirchen nützlich waren:
165
Was wunder! daß ihr geist gedoppelt auf dich kam,
166
Daß GOtt als hirten dich zu zweyen heerden nahm,
167
Und dir durch theuren ruff ein solches amt vertraute,
168
Darinn dein frommer geist mit grossem nutzen baute.
169
Die cantzel und altar, als steine, zeugen mir,
170
Wie du dein liebes volck mit manna hast gespeiset,
171
Und gegen alle dich als vater stets erweiset:
172
Du trugest kern und safft, nicht taube schalen, für:
173
Dein lehren war nicht leer, wenn glauben, lieben, hoffen,
174
Als wie ein klee-blat, dir in mund und hertz gegrünt,
175
Und deiner seelen-schaar zur süssen kost gedient:
176
Wenn deine lippen offt von lauter honig troffen;
177
So reichte deine brust die milch des trostes dar,
178
Und machte Christi wort in reicher maase wahr:
179
Wer diesen theuren fels im glauben kan umschliessen,
180
Von dessen leibe soll ein strohm des lebens fliessen.
181
Zwar dein geheiligt amt war nicht von sorgen frey,
182
Das, wenn du zucker gabst, offt gallen erndten müssen;
183
Doch dieses konte dir den grösten schmertz versüssen,
184
Daß trübsal, creutz und schmach der lehrer crone sey,
185
Und sie nach müh und tod des lebens kleinod erben.
186
So war der fleiß dein preiß, daß du die gröste last
187
Mit lust und freundlichkeit auf dich genommen hast,
188
Du woltest stehende, wie jener käyser, sterben.
189
Nun dieses ist erfüllt, da dir des HErren hand
190
Auf deinem predig-stuhl das scheiden zuerkannt:
191
Gantz Blumeroda soll von deinem ende zeugen,
192
Ja selbst die steine nicht den sanfften tod verschweigen.
193
Die leichen-predigt hast du selber dir gethan,
194
Und, was du sonst gelehrt, durch deinen tod versiegelt.
195
Wohl dem, der sich an dir und deinem ende spiegelt!
196
Der lernet, wie man sanfft und seelig sterben kan.
197
Jtzund geneust dein geist der edlen himmels-schätze,
198
Allwo der palmen-zweig in deinen händen grünt:
199
Dein haupt ist schon gecrönt, und deine treu verdient,
200
Daß man die kurtze schrifft an deine cantzel setze:
201
Hier schloß der prediger die predigt und den mund,
202
Judem er zwischen GOtt und seiner heerde stund;
203
Durch einen sanfften tod ist er im himmel-orden,
204
Und bey den ältisten ein ewig priester worden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.