1
Hochseeliger! dein grab ist schon vorlängst gebaut;
2
Vier jahre haben dir den sarg bißher gezimmert,
3
Da kaum ein schwacher blick die welt noch angeschimmert:
4
Du sturbest tag für tag, nicht wie man sonnen schaut,
5
Nach ihrem untergang zur morgen-röthe kehren;
6
Dein balsam wolte sich nur nach und nach verzehren,
7
Und deine kranckheit war prophete von der nacht,
8
Die endlich in der grufft uns alle gleiche macht.
9
So gieng dein edler geist schon durch die morschen glieder,
10
Wie ein geweyhter hauch, zu seiner quelle hin:
11
Und also war bey dir der himmels-bürger sinn,
12
Die sterben, eh man stirbt, so sterben sie nicht wieder.
13
Kein wunder, wenn der leib der seelen lazareth,
14
Daß die bekerckerten sich aus den fesseln sehnen,
15
Wann ihnen tod und grufft den weg zur freyheit bähnen,
16
Natur hegt eine gluth, die nach der höhe geht,
17
Und heisset brunnen auch ins meer sich wieder stürtzen:
18
Wenn lauter wermuth will des lebens kost verwürtzen,
19
So leckt der matte hirsch nach einem frischen naß:
20
Ein schiff sticht durch die see, und folget dem compaß:
21
Der pilgrim flieht den wald, wo mörder in den gruben:
22
Der tauben flügel eilt, wenn es zur arche geht:
23
Es freut sich Jsrael, wenn es am Jordan steht:
24
Und Loth geht jauchzende aus Sodom von den buben;
25
So war dein sinn, dein hertz, du überirrd’scher geist!
26
Schon längst der todten welt und ihrer lust gestorben:
27
Du hattest einen zug vom creutz-magnet erworben,
28
Der immer über sich die kräffte steigen heist.
29
Was auf der erden war, schien dir, wie glas-crystallen;
30
Hingegen liessest du die schätze dir gefallen,
31
Die uns die ewigkeit in ihrer tieffe zeigt.
32
Ein mensch, der nur sein knie vor mammons throne beugt,
33
Stirbt freylich, wenn er stirbt, mit halb-gebrochnem hertzen;
34
Dir war der abschied leicht, den du vorlängst gemacht,
35
Indem du alle welt so würdig nicht geacht,
36
Des himmels theures gut dagegen zu verschertzen.
37
Unschätzbarer gewinn! der nichts zu etwas macht:
38
Ein reichthum, der uns muß auch in die grufft begleiten.
39
Last heidnische vernunfft um einen balsam streiten,
40
Dadurch das leben wird im sterben wiederbracht!
41
Ein Christe lachet nur, wenn man Mausolens staube
42
Ein lebendiges grab in der gemahlin macht;
43
Hier redet GOttes mund, und hier bekennt der glaube,
44
Daß, wer in Christo stirbt, zum leben wird gebracht.
45
Der tod ist todt! O sieg, der mehr als palmen träget!
46
Das grab heist nur die ruh, das sterben ein gewinn:
47
Der hafen bringet uns zur guten hoffnung hin:
48
Der leib wird in den sand zum schatze beygeleget.
49
Noch mehr hat dich dein tod unsterblich hier gemacht:
50
Des lebens hertzog ließ sein haupt am holtze sincken,
51
Und wolte gleich vor dich des todes galle trincken,
52
Als man den tag erlebt, der dir den abschied bracht.
53
Der stille freytag ward zum frey- und freuden-tage:
54
Dein JEsus ruffte laut, das war die letzte klage:
55
So drang dein geist getrost zur offnen seiten ein,
56
Es solte nur dein grab in JEsus wunden seyn.
57
O ungemeiner tod! Doch weg mit diesem worte!
58
Ein schlaf, ein artzt, ein sieg, ein abschied aller pein,
59
Soll uns dein sterben nun in Christi tode seyn:
60
Sein creutz und seine grufft ist deine lebens-pforte.
61
Nun nicht mehr sterbender, du wohl-gestorbner du!
62
Es geht dein siecher leib zum wesen durchs verwesen:
63
Der kalten glieder rest kan in der grufft genesen:
64
Die beste medicin ist deine sanffte ruh.
65
Dein geist ist hingerückt, wo reine geister schweben:
66
Jtzt wird Charlotte dir den kuß in Zion geben.
67
Der theure greiß, der dir die tochter anvertraut,
68
Der schon ins andre jahr das land von erden baut,
69
Heist dich willkommen seyn dort vor des alten throne.
70
Jtzt weidet euch das lamm, das auf dem stuhle sitzt:
71
Jtzt wandelt euer fuß, wo keine natter ritzt:
72
Jtzt gläntzet euer haupt von Zions sternen-crone.
73
Ich habe, seeligster! dein auge nicht gedrückt:
74
Ich habe deinen geist mit segnen nicht begleitet,
75
Wie ich die letzte pflicht zu jener zeit bedeutet,
76
Da mir ein Haugwitz starb, der mich so offt erquickt;
77
So muß die hand-voll sand von ferne das ersetzen,
78
Was ich im geiste hier zu deiner asche streu;
79
Doch da ich auch mit dir mich muß in schrifften letzen,
80
So stirbt mein Haugwitz mir recht noch einmahl darbey.
81
Gott rieff mich ja durch euch, da ich den leib-rock kriegte:
82
Jtzt halt ihr beyde um den sterbe-küttel an;
83
Doch ich bescheide mich: Der HErr hat es gethan!
84
Du siegest auch itzund, wie dorten jener siegte.
85
Steh, überwinder! nun in deiner sieges-pracht!
86
Dein kleid ist licht und glantz im purpur-felde worden:
87
Hier ist das goldne vließ in diesem ritter-orden;
88
Triumph heist dein gesang, zu dem der himmel lacht.
89
Wir wollen deine grufft mit einem siegel schliessen,
90
In dem der lebens-ruhm, wie diamanten, steht;
91
Doch wird man diesen ort nicht einen kercker grüssen,
92
Weil eine schrifft zugleich wie marmel ist erhöht:
93
Hier starb (was sag ich starb?) hier gieng zum andern leben
94
Durch einen sanfften tod an Christi todes-tag,
95
Der bey vier jahren schon wie gantz erstorben lag,
96
Dem hat des HErren tod das leben hier gegeben.
97
Nun wend ich mich zu dir, du halb-erstorbnes hertz!
98
Sie wollen, gnädige! in thränen sich begraben,
99
Weil sie den besten schatz der grufft vertrauet haben:
100
Die wunden sind sehr tieff, der schmertzen über schmertz.
101
Der weinstock triefft, wenn ihm die trauben abgerissen:
102
Wie solten nicht bey sie die witwen-thränen fliessen?
103
Doch ich besinne mich, was ihre feder schrieb:
104
Es ist der HErr mein GOtt, er thue, was ihm lieb.
105
So wird mir selbst der trost in meinen mund gegeben:
106
Ich seh die thränen schon in freuden-wein verkehrt,
107
Weil der, so ewig stirbt, die thränen nur begehrt;
108
Nicht aber ihr gemahl, der kan unsterblich leben.