1
Jhr, die ihr saud vor gold, und schaum vor perlen acht,
2
Die ihr auf glas und eiß der wohlfarth pfeiler setzet,
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Und euren eitlen ruhm in ertz und marmor ätzet,
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Kommt hier zu dieser grufft, holt licht bey dieser nacht!
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Werfft eure larven ab, die voller schwindel stecken,
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Die ein gefirnster wahn um eure schläfe hüllt!
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Hier ist ein richter-platz, wo kein verstellen gilt,
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Ein spiegel, der euch nichts von flecken wird verdecken,
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Da jedermann sein bild in fremder asche sieht.
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Der lehrer ist der tod; sein stuhl die leichen-bahre;
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Indem er groß und klein auf seinen schau-platz zieht,
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So rufft er nur so viel: O eitle lebens-jahre!
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Wie seelig war die zeit, da man auf grünes gras
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Ein schatticht lauber-zelt von ulmen-bäumen setzte,
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Und eine wand von holtz vor feste mauren schätzte,
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Da man mit guter ruh in schlechten hütten saß!
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Allein, wie ändert sich das wesen unsrer zeiten?
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Wenn schlösser in der lufft, im wasser thürme stehn:
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Wenn die palläste sich dem himmel gleich erhöhn:
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Und neue riesen stets mit denen göttern streiten.
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Man bricht der erden schacht, der felsen abgrund auf:
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Der wald muß cedern-holtz, die fluthen perlen geben:
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Man pflantzet berge fort, und hemmt der wellen lauff:
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Man baut, als wolte man gantz ohne sterben leben.
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Wo stieg die vorwelt nicht mit ihrem vorwitz hin?
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Wenn Babels finger will biß an die wolcken reichen,
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So muß ein stoltzer thurm dem höchsten berge gleichen:
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Dort rühmt Mausolus grab die grosse meisterin:
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Dort muß ein schilfficht grund Dianens tempel tragen:
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Wenn sich der Cyrus sonst in göldne wände schliest,
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Und um des Nilus strand ein berg ein grabmahl ist.
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Des Hammons götzen-bild läst wunder von sich sagen:
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Ein prächtiger Coloß macht Nhodis ufer werth;
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Allein! wo sind sie nun mit ihrem pracht geblieben?
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Die zeit hat sie verstört, der wurm hat sie verzehrt,
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Und ihr gedächtniß ist kaum in den sand geschrieben.
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Melaus mag sein haus von helffenbeine baun,
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Die nach-welt wird es doch als eine fabel lesen:
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Wer ist Atpalipa, und wo sein sitz gewesen,
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Der aus saphiere ließ des bodens pflaster haun?
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Fragt nach des Scaurus burg, die voller muschel-früchte!
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Sucht das erystallne schloß, darinne Drusus saß!
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Der sturm frist ertz wie holtz, bricht steine wie das glas:
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Das rauhe schicksal macht porphir und gold zu nichte:
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Die zeit sieht solchen schmuck mit scheelen augen an:
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Sie sucht den gräbern selbst ein grabmahl zu bereiten:
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Sie macht den schönsten bau zu einem aschen-plan,
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Und gräbt den titul drauf: Hier liegen eitelkeiten:
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Gebt Persien den ruhm, daß es die kunst gebahr,
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Des nahmens ewigkeit in stein und kalck zu prägen!
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Last Syrien den grund zur wunder-säulen legen,
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Und sagt, daß Griechenland im bauen meister war:
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Erhebet Rom mit ruhm, die mutter der paläste,
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Und nennet diese stadt der städte wunder-werck:
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Entwerfft das Vatican, rühmt des Quirinus berg,
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Das grosse Capitol und Alexanders veste:
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Sagt, was Farnesius und was Colonn gebaut,
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Auch was sich prächtiges von dem Borghesi schreibet!
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Doch wenn ihr alles diß entsetzlich angeschaut,
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So findet ihr doch nichts, was immer etwas bleibet.
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Geht weiter in die welt! seht, was Europa hat!
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Wie sich Jberien mit Philipps kloster zieret:
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Und wie Versailles der liljen scepter führet!
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Vergesset nicht den Haag, das dorff trotz einer stadt!
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Last euch das Witehall, das haus von Ryßwick zeigen:
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Beschauet das Serrail, wo Gog und Magog sitzt:
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Seht, wo der printzen printz sich auf die fürsten stützt,
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Und wo paläste sich vor unsern adler neigen:
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Bewundert Brennus bau, den hand und klugheit schmückt:
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Fragt jegliche provintz, wodurch sie kenntlich werde!
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Doch sagt mir, ob ihr auch was ewiges erblickt?
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Mich deucht, die antwort fällt: Die erde trägt nur erde.
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Drum schliest die augen auf, ihr bürger dieser welt!
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Erkennt des lebens traum, die schwindsucht dieser zeiten!
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Last grosser fürsten fuß auf alabaster gleiten!
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Der tod hemmt ihren gaug, der moder frist ihr zelt.
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Und wenn ihr berg auf berg, thürm’ über thürme setzet;
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So bleibt doch wirth und haus des wechsels unterthau.
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Rom sah des Nero burg mit blassem eyfer an,
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Bey dem rubin und gold vor scherbel nur geschätzet;
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Nach Vejos, rieff das volck: Rom wird ein eintzig haus!
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So wird auch neid und zeit der kühnen nach-welt lachen!
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Ja beyde ruffen schon in allen grentzen aus:
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Man will die gantze welt zu einem hause machen.
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Wer saltz in seiner brust, witz im gehirne führt,
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Der wird bey dieser grufft die sinnen nicht entfernen,
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Und von den todten auch des lebens klugheit lernen.
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Schaut, sterbliche! der sarg, den boy und kertze ziert,
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Ist nun das letzte haus auf dieser morschen erden,
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In welchem der von Mohl der glieder bau verschliest,
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Seit dem die ewigkeit der seelen losung ist.
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Jhm hat die späte welt viel müssen schuldig werden,
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Weil er des landes trost, der kirchen auge war;
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Doch wer den nachruhm will in wenig zeilen lesen,
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Der schreibe nur soviel auf seinen denck-altar:
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Sein gantzes leben ist ein rechter bau gewesen.
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Gleichwie ein irrdisch stoff des Adams ursprung hieß;
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So war sein lebens-bau zwar nur von schlechter erden,
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Doch must er durch den geist zu einem tempel werden,
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Daran die tugend selbst den zierath bauen ließ.
101
Wenn sonsten farb und gips die zimmer herrlich machen;
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So sahe man bey ihm der ahnen vorbild stehn:
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Es durffte hier kein gold das aussenwerck erhöhn,
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Der sinnen schönster schmuck bestund in klugen sachen:
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Er war des landes thurm, der auf die vorsicht stund:
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Ein zeughaus voller witz, wo rath und that zu schauen:
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Ein pfeiler vor dem fall, ein ungemeiner grund,
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Darauf die wohlfarth ließ ihr leib-gedinge bauen.
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Lernt, sterbliche! worinn der seelen bau besteht!
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Sein bester grund-stein war gebet und GOttes güte,
111
Der kalck die einigkeit, der sand ein gut gemüthe,
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Der eckstein die geduld und wahre pietät,
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Die pfosten strich er an mit blute von dem lamme,
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So offt des würgers geist bey ihm vorüber gieng:
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Und daß sein schwaches haus niemahls den fall empfieng,
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So untergrub er stets das holtz vom creutzes-stamme:
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Auf seinen treppen stieg der engel auf und ab:
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Sein bestes fenster war ein unverfälscht gewissen:
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Wer auf sein christenthum in allen achtung gab,
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Kunt’ aus dem hause leicht des wirthes adel schlüssen.
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Nicht ehrsucht, nicht begier, auf erden groß zu seyn,
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Bewog das graue haupt, im bauen sich zu üben;
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Die liebe gegen GOtt hat ihn darzu getrieben:
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Der unterthanen heyl gab ihm den vorsatz ein.
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Hier steht des HErren haus, die steine mögen sagen,
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Was Joas hier gebaut, was Eßra hier gethan:
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Zeigt nicht der schöne thurm, als wie ein finger, an,
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Wohin der theure geist stets seine lust getragen?
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Das heist, was GOtt geschenckt, zu seinem dienste weyhn.
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Wie seelig ist der bau, den solche hände führen!
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Da drückt die ewigkeit des glaubens denck-spruch ein:
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Den felsen soll auch nicht der höllen-pforte rühren.
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Da Schlesien das schwerd an statt der sichel hielt,
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Empfand Mühl-Rädlitz auch, was krieg und feinde waren;
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Doch der hoch-seelige hat nach den eisern jahren,
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Diß väterliche theil mit wohlfarth angefüllt.
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Augustus hatte nur ein Rom von thon bekommen,
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Und hinterließ es doch von marmel aufgericht;
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Zwar steiget der von Mohl auf diese staffeln nicht:
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Doch hat sein gut durch ihn so herrlich zugenommen,
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Daß man sein lob mit recht in festen marmor gräbt,
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Weil er, wie Joseph, offt das korn-haus aufgeschlossen,
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Den seinen, nicht sich selbst, zur nutzbarkeit gelebt,
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Und zwar des bauens-last, doch nicht die lust, genossen.
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Ach! daß sein lebens-band den untergang gesehn!
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Die zeit beschneyt mit moos unnütze pyramiden,
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Und will der tugend selbst des todes fessel schmieden.
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O schicksal voller schmertz! jedoch es muß geschehn!
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Wie kan ein hoher geist in Kedars hütten bleiben,
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Und in der sterblichkeit des Mesechs sclave seyn?
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Die seele reist zuletzt des leibes kercker ein,
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Und muß der glieder rest der erden einverleiben.
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So gehe, theurer Mohl! geh in dein letztes haus!
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Laß hier, was sterblich ist, in dieser kammer liegen!
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Wir alle ruffen nach: Dein bauen ist zwar aus;
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Dort aber wird den geist ein ewigs haus vergnügen.
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Mich däucht, ich höre dich bey Salems lust-panier
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Ein unaussprechlich lied im friedens-tempel singen,
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Die seraphinen sinds, die deinen geist umringen:
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Hier ist es gut zu seyn, das ist die wohnung hier,
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Wo vor des lammes stuhl sich tausend knie beugen:
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Die hütte, welche doch von keiner hand gebaut:
163
Der prächtige pallast, den noch kein blick geschaut:
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Hier sind ‒ ‒ ‒ Allein, ich muß vor grossem wunder schweigen,
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Weil ich der häuser haus doch nicht beschreiben kan,
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Darinnen er itzund das bürger-recht genommen.
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Betrübte! schauet diß nur in gedancken an!
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Wohl dem, der nach dem bau, wie er, zum schauen kommen!
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Komm, du verlaßnes gut! komm Brauchitschdorff herzu!
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Giest eure schaalen aus bey dieser werthen leiche!
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Wißt, daß ein grosser hier, ein vater hier erbleiche!
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Doch gönnt ihm auch das loos der himmel-stillen ruh!
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Erschüttert euer haus durch dieses falles beben,
174
Und muß ein kläglich ach! durch alle zimmer gehn?
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Aus dieser asche wird ein Phönix auferstehn:
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Was euch mit Mohlen stirbt, wird durch den Haugwitz leben:
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Der segen ruht auf ihm. So müsse dann sein haus,
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Wie Obed-Edoms seyn, zu lauter heyl erkohren!
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Lebt der, und Mohl in ihm, so rufft ihr freudig aus:
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Wir haben zwar sehr viel, jedoch auch nichts, verlohren.
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Jhr aber, die ihr noch an dieser erden klebt,
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Und immer jahr auf jahr in eurem wandel bauet,
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Gedenckt, daß tod und zeit auf eure mühe schauet,
184
Und offt ein augenblick die hand im wercke hebt.
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Soll euch die späte welt in euren wercken preisen;
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So bauet GOtt zum ruhm, der welt zur nutzbarkeit,
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Wie der von Mohl gethan, und macht euch stets bereit,
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Aus der vergänglichkeit demselben nachzureisen!
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Mein liebstes vaterland! GOtt stehe vor dem riß!
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Er wolle dieses amt durch ein solch haupt bekleiden,
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Das Josephs schaden sieht! Denn dieses ist gewiß:
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Wenn Archymedes stirbt, muß Syracusa leiden.