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Wje muß die liebe sich nicht offtmahls schelten lassen!
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Man sieht sie als den brunn des meisten übels an:
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Daß manche vor der zeit erkrancken und verblassen,
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Das hat gemeiniglich die heisse brunst gethan:
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Wie viele dirnen gehn mit tieffem ach! zu bette,
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Weil sich ein kalter greiß an ihre seite streckt?
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Wie mancher flatter-hanß liegt an der schmermuths-kette,
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Weil sein verwehntes maul nicht stets was neues leckt?
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Ein ander kratzet sich gewaltig in dem kopffe,
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Nachdem sein stoltzer schatz sein geld und gut verprahlt:
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Und jener kriegt sein weib aus eyfer bey dem zopffe,
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Weil sie ihm seinen kuß nicht theur genung bezahlt.
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Dort gehet Corydon, der sich so früh verliebet,
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Und aus der lehr und schul ins hochzeit-bette gieng.
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Nächsthin saß Corniger gebückt und höchst betrübet,
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Weil ihm ein langes horn an seiner stirne hieng.
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Ich könte noch sehr viel dergleichen unheil melden;
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Allein das enge blat faßt dessen menge nicht:
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Man kennet ohnedem die unbeglückten helden,
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Die Venus und ihr sohn so übel zugericht.
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Kan aber wohl ein mensch dergleichen liebe loben?
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Wer ihr gehorchen will, ist billich tadelns werth.
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Indessen hat sie doch so mancher thor erhoben,
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Ob ihn die schmeicheley schon noch so offt gefährt.
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Dergleichen lieb ist blind, und gleichet einem kinde,
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Das unverständig ist, und nichts als spielen kan;
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Wer blinden leitern solgt, der schifft mit schlechtem winde,
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Kein kluger nimmt ein kind zu seinem lehrer an.
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So ist die liebe nicht, hoch-werthes paar! beschaffen,
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Zu der dir jeder mund gelücke wünschen muß.
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Gesetzt, daß viele sich aus unverstand vergaffen;
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Hier sieht und findet man nur einen klugen kuß:
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Hier geht die liebe nicht mit zugebundnen augen:
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Hier ist sie nicht ein kind, das unverständig spielt.
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Es kan ja die vernunfft leicht aus den fingern saugen:
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Daß eine tumme lieb auf keine wohlfahrt zielt;
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Jhr aber, deren lieb auf GOtt und witz gegründet,
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Und also auch mit recht des lobes würdig ist,
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Seyd sicher, daß ihr hier den quell des glückes findet,
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Und in so edler eh das paradies erkiest;
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Denn wahre liebe wird stets diesen ruhm behalten,
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Daß sie der rechte port vergnügter seelen sey.
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Des Höchsten gnade läßt ihr feuer nicht erkalten,
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Die tugend macht ihr haus von allem tadel frey.
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Sie übernimmt sich nicht; Sie weiß wohl, daß die hitze,
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Die keinen zügel hat, in das verderben rennt.
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Sie küßt nur, was ihr gleicht; Denn gleichheit ist die stütze,
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Darauf sie sicher ruht, und keinen wechsel kennt.
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Sie ist nicht ungetreu; Sie folget dem magnete,
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Und bleibet unverrückt bey ihrem pole stehn.
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Sie sieht auf keine pracht; Denn stoltz ist ein comete,
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Der denen nur gefällt, die bald zu grunde gehn.
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Sie sieht nicht blos auf geld; Stößt aber das gelücke
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Doch nicht mit füssen weg. Man lernt erst, eh man freyt,
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Wovon man leben kan. Wer klug ist, denckt zurücke,
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Und auf das künfftige, damit ihn nichts gereut.
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Die liebe zörnet nicht; Sie ist nicht unbedächtig;
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Ein tugendhafftes paar lebt sonder eyfersucht.
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Sie übereilt sich nicht; Sie wird erst klug und mächtig,
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Damit das alter nicht die frühe gluth verflucht.
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Die liebe geitzet nicht; Sie thut ihr was zu gute,
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Hängt aber doch dabey nicht der verschwendung nach.
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Sie faßt sich in geduld, und bleibt bey frischem muthe,
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Vertraut dem höchsten GOtt, und scheut kein ungemach.
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Diß ist, geehrtstes paar! der abriß deiner liebe;
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Hier ist kein falscher strich, kein gifft der schmeicheley.
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Gehorche, wie du thust, nur diesem edlen triebe,
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Daß deiner liebe ruhm dereinst vollkommen sey!
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Ich weiß, das ende wird den schönen anfang crönen:
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Der himmel, den ihr ehrt, spricht selbst sein ja dazu!
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Die freunde wünschen es! Laßt neid und mißgunst höhnen;
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Wer so vernünfftig liebt, der liebt in sichrer ruh.
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Kurtz: Eure liebe weiß kein kluger mund zu tadeln,
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Des Höchsten segen geht mit euch ins schlaf-gemach:
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Der liebe, so verstand und wahre tugend adeln,
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Folgt lob, gelück und ruh stets auf dem fusse nach.