Die reisende und in Oßig einkehrende liebe, bey dem Magnerischen und Klauni- gischen hochzeit-feste, 1700.

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die reisende und in Oßig einkehrende liebe, bey dem Magnerischen und Klauni- gischen hochzeit-feste, 1700. (1709)

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Die liebe, deren band die welt zusammen hält,
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Durchlief in einem blick den gantzen kreis der erden:
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Ach! sprach sie, soll mein reich itzt nicht erweitert werden?
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Ich sehe hier die lust der neu-gebohrnen welt,
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Da, wo der himmel selbst die grünen auen küsset,
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Und seinen kühlen thau auf gras und blumen giesset.

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Die angenehme zeit begeistert diesen sinn,
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Ich will durch wald und feld, durch land und wasser reisen,
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Und dieses scepters macht der gantzen erden weisen.
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Jhr tauben! traget mich zu allen völckern hin!
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So fuhr die liebe fort, wie pfeile von dem bogen,
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Und hat so berg als thal mit ihrer gluth durchzogen.

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Jhr erster austritt war der guten hoffnung port,
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Sie kam in Africam, und sahe nichts als wüsten:
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Hier, sprach sie, mag ein drach und keine liebe nisten!
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Sie gieng in Asien mit schnellen flügeln fort:
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Auch hier ist, sagte sie, kein thron vor mich gesetzet,
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Wo sich die grausamkeit mit eitel blute netzet.

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Die flügel trugen sie biß in Americam,
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Da lag das wilde volck in gold und silber-grüfften:
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Was werd ich, fragte sie, bey diesen tygern stifften?
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Darauf sie ihren weg auch zu den insuln nahm;
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Doch kein Canarien ließ solchen zucker schmecken,
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Dabey sie willens war, die tafel aufzudecken.

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Glück zu! du edles land! der länder paradieß!
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So rief sie freudig aus, als sie Europam sahe;

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Bald setzte sie den fuß bey Hereuls-säulen aus,
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Ulyssens schöne stadt bekam die ersten blicke;
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Allein hier dachte man noch an den tod zurücke,
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Es deckte noch der boy das königliche haus:
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Don Petro hatte nur die einsamkeit erwehlet,
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Weil seine königin dem tode sich vermählet.

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Drum gieng die liebe fort, und grüssete Madrit:
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Auch hier war schlechte lust, weil des monarchen leben
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Der steten todes-furcht durch kranckheit übergeben:
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Nein, sprach sie, wo der tod, da geht die liebe quitt,
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Ich seegle nach Pariß, wo sich vor meinen blicken
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Der grosse Ludewig muß selber niederbücken.

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Doch ihre hoffnung ward zu wasser und zu wind,
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Weil man nur lauter streit allhier im sinne führte,
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Und den Maroccer-printz mit einem korbe zierte.
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Sie schwamm in Engeland, und fand ein labyrinth,
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Wo zwietracht ihren sitz im Parlament genommen,
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Und Wilhelms tapferkeit noch manchen feind bekommen.

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Wo wend ich, dachte sie, nun meine deichsel hin?
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Die wellen trugen sie nach Amsterdam zurücke;
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Alle in man gab ihr hier nicht allzuholde blicke:
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Die liebe, die hier wohnt, heist wucher und gewinn.
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So will ich dann, sprach sie, nach Norden übergehen,
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Wer weiß, wo gluth und muth mir wird zu dienste stehen.

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Ach! aber was vor gluth traff sie in Hollstein an!
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Da man auf Tönningen mit lauter blitzen spielte,
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Und häuser, thurm und wall der erden gleiche wühlte:
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Ist niemand, seufftzte sie, der dieses leschen kan?
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In Schweden sahe sie zwar hohe liebe keimen;
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Die doch der krieges-gluth bald muß die stelle räumen.

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“nach Polen komm ich nicht: Diß war der liebe schluß;
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„augustus und sein volck mag sich vor Riga regen:
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„nach Moscau will ich nicht, weil ich doch allerwegen,
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„krieg, feuer, dampf und schwerd zur losung hören muß;
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„mag doch das schwartze meer mit rothem blute fliessen;
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„mars muß entwaffnet seyn, will er die liebe küssen.

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“dir, dir, Germanien! vermeld ich meinen gruß!
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„hab ich dir mein panier zu ehren aufgestecket.
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„jhr flügel, schwinget euch! und rüste dich, mein fuß!
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„daß ich bald höchst-vergnügt auf diesen grentzen stehe,
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„und bey der frühlings-lust auf lauter rosen gehe.

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Kaum war es ausgeredt, als sie sich durch die lufft
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Mit schneller flüchtigkeit nach Teutschlands boden wandte,
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Bald fand sie einen ort, wo gluth und liebe brannte.
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Beglücktes Brandenburg! wo diese stimme rufft:

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Hier goß die liebe nun den stärcksten balsam zu:
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Sie legte gluth zu gluth, und ketten zu den ketten:
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Sie schmückete das zelt mit lauter rosen-betten:

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Als dieses und noch mehr die liebe hier gethan,
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So eilete sie fort, ihr angenehmes wesen
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An andern höfen auch den printzen vorzulesen.
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Vornehmlich setzte sie nach Oestreich ihre bahn:

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Doch da sie nun der weg nach seinem throne trug,
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Fand sie in Schlesien ein dorff im thale liegen;
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Ein schall und wohl-geruch, so durch die lüffte stiegen,
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Ergetzten ihren geist, und hemmten ihren flug,
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Daß sie sich allgemach in diese gegend wagte,
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Und nach beschaffenheit desselben ortes fragte.

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Man gab ihr den bericht: “Hier ist ein kleines land,

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Die liebe war erfreut, und wünschte diß dabey:
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“es wachse dieses haus befreyt von leid und neide!
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„was aber, fragte sie, bedeutet diese freude?
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Die antwort fiel darauf: Herr Wagner, dessen treu
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Bey dieser herrschafft ihn zu einem Joseph setzet,
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Wird heute diesen tag durch eine braut ergetzet.

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“wohlan! versetzte sie, diß ist, was mich vergnügt;
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„apollo kennet ihn, und die ihm ist gewogen,
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„die hat an meiner brust der tugend milch gesogen.
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Worauf sie alsobald sich in das schloß verfügt:
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Wo sie so wirth als gast mit holder anmuth küßte,
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Und die verlobeten mit diesen worten grüßte:

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“glück zu! dn edles paar! der himmel sey mit dir!
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„der tag Felician verspricht dir lauter glücke;
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„beglücktes hochzeit-fest! beglückte segens-blicke!
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„die liebe selbsten kommt hier als ein gast zu dir:
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„vergnügung ist dein wirth: Was wilst du weiter sagen,
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„wenn glück und liebe dich ins hochzeit-bette tragen?

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“erfreuter bräutigam! sey du Felician!
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„und sie Felicitas, die dich ans hertze schliesset!
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„auf! liebet, übet euch! auf! küsset und geniesset!
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„ich aber schreibe diß in eurer kammer an:
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„hier hat die treue sich mit reiner gunst verbunden!
109
„und als sie diß gethan, so war sie auch verschwunden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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