Die bey eines baders hochzeit vorgestellt; bad-stube der liebe. E. G

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die bey eines baders hochzeit vorgestellt; bad-stube der liebe. E. G (1709)

1
Ich weiß nicht, wo man sich doch nur verstecken soll,
2
Wann man der liebe will aus aug und händen gehen;
3
Und liefe schon ein Mohr biß an den norden-pol,
4
So würde sie ihm doch wohl auf dem nacken stehen.
5
Denn wenn gleich alle welt die finstre nacht bedeckt,
6
Wird doch der liebe glantz am meisten angesteckt.

7
Es macht kein düstrer wald von ihrem lichte frey:
8
Wie offters pflegt sie nicht die hölen zu durchkriechen?
9
Denckt nicht, daß man vor ihr im wasser sicher sey?
10
Vor diesem ließ sie sich einmahl ins wein-faß pichen;
11
Doch dieses hätt ich mir wohl nimmermehr gedacht,
12
Daß sie so offt quartier in badereyen macht.

13
Das wasser lescht ja sonst der hitze flammen aus:
14
Und wo die krancken sich im schmertz und blute baden,
15
Da blüht wohl ordentlich kein süsser wollust-strauß:
16
Es schickt sich rauch und dampff nicht in vergnügungs-laden;
17
Wo feuer wider wunsch den matten leib erhitzt,
18
Da wird der liebe krafft gar leichtlich ausgeschwitzt.

19
Jedoch diß alles reißt den ersten schluß nicht ein:
20
Man kan sie allerdings in krancken-stuben finden,
21
Nachdem verliebte ja stets patienten seyn,
22
Die sie als ärtztin muß mit heil und trost verbinden.
23
Schlägt dieser hauffe nun wo einen wohn-platz auf;
24
So bringt sie warlich auch da ihren kram zu kauf.

25
Jhr krancken! die ihr euch den magen wo verderbt,
26
Daß hitz und frost vermengt viel tremulanten schlagen,
27
Und sich das angesicht bald roth bald anders färbt,
28
Jhr dürfft mich nur hieher zu unsrer ärtztin tragen;
29
Die trägt euch einen schatz von fieber-pillen an,
30
Die kein Hippocrates so gut verschreiben kan.

31
Weil aber alles sich nicht gleich vor alle schickt,
32
Und die purgantzen offt die kranckheit mehr erregen,
33
Zumahl wenn ohnmacht euch der seiten krafft entzückt;
34
So muß der patient sich auch aufs schwitzen legen.
35
Dann giebt sie perlen-tränck und stärckungs-tropffen ein,
36
Die künstlicher als zimmt, als mosch und ambra seyn.

37
Wen ein erzörnter strahl der sonnen blind gemacht,
38
Und wen ein fenster-blitz der augen schein genommen,
39
Als ihn ein mocken-geist zu nah ans licht gebracht,
40
Der wird durch ihre cur verneuten geist bekommen.
41
Jhr blinde! tragt den star zu dieser ärtztin hin!
42
Sie wird das fell gar bald von euren augen ziehn.

43
In brüchen ist sie schon von alters her bekannt:
44
Sie schneidet wurm und stein: sie heilt die tieffsten wunden
45
Mit bisam-pflaster zu: ja selbst der kalte brand
46
Hat öffters ihre krafft und widerstand empfunden.
47
Und draut ja etwas noch den sterblichen das grab,
48
Dem hilfft ihr schrepffe-kopf und aderlassen ab.

49
Ja was noch drüber ist: Sie macht gesichter neu:
50
Sie pflegt mit hoher hand die bärte selbst zu butzen:
51
Und schafft durch kunst und fleiß in jhrer baderey,
52
Daß alte männer offt wie juncker hänßgen stutzen.
53
Beglückte baderey! Nur diß ist nicht gar gut:
54
Daß sie den badern selbst so viel zum possen thut.

55
Jhr guten herren wißt offt nicht, wer vor euch sitzt,
56
Wenn jungfern purpur-safft aus ihren adern zäpffen,
57
Und ihr der glieder-schnee voll blum- und nahmen ritzt,
58
Daß alle tropffen nichts als treu und liebe schrepffen.
59
Da wird die flitte dann so wunderlich gerührt,
60
Daß man den bad er selbst ins krancken-bette führt.

61
Komm, angenehmes paar! du solt mein zeuge seyn!
62
Dein beyspiel wird uns diß gantz klar beweisen können,
63
Die liebe zieht davor in deinem zimmer ein,
64
Und will durch ihre cur dir viel vergnügung gönnen:
65
Wohlan! sie wohne denn in dieser baderey,
66
Und schaffe, daß bey dir bald was zu baden sey!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.