Die bey der Frantz- und Hallmannischen verehligung erwogne jungfer- noth

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die bey der Frantz- und Hallmannischen verehligung erwogne jungfer- noth (1709)

1
Das unglückseeligste geschlechte dieser welt,
2
Der auszug aller noth, der sammel-platz der schmertzen,
3
Wo kummer und verdruß die stete hofstadt hält,
4
Seyd ihr, wie mich bedünckt, ihr guten jungfer-hertzen!
5
Der jammer, der euch drückt, ist nicht zu übersehn:
6
Euch armen kindern muß fast nichts als alles fehlen;
7
Und will ich, wo es nur vor wehmuth kan geschehn,
8
Hier nur das wenigste von eurer noth erzehlen.
9
Wie quälet euch der tag! wie martert euch die nacht!
10
Wie macht die einsamkeit euch doch so unvergnüget!
11
Und wer ein wenig giebt auf eure seufftzer acht,
12
Merckt, daß die kranckheit euch in allen gliedern lieget:
13
Die augen dürffet ihr nicht, wie ihr wollet, drehn,
14
Und keinen freyen blick nach manns-personen wagen,
15
Gleich fängt die mutter an: Solt du nach kerlen sehn?
16
Du geiles raben-aas! dich soll der guckguck plagen!
17
Jhr müsset kopf und halß, den roß und mäulern gleich,
18
Jm zaum und im gebiß, ja im gewichte, tragen:
19
Die ohren sind wie taub, und ihr erröthet euch,
20
So offt man einen schertz und lustig wort will sagen:
21
Fast jede sylbe kehrt bey euch auf schrauben ein:
22
Die lippen müsset ihr in enge falten fassen,
23
Und daß kein bissen ja zu wichtig möchte seyn,
24
Muß offt ein mandelkern sich viermahl theilen lassen:
25
Was aber fängt indeß der arme magen an?
26
Der muß vor erbarkeit so durst als hunger leiden,
27
Es wird kein guter trunck und rechter biß gethan,
28
Wenn ihr nicht erst dabey könnt die gesellschafft meiden:
29
Das starcke schnüren preßt euch lung und leber ein:
30
Und das beklemmte hertz, das so viel seufftzer nagen,
31
Als federn offtermahls in eurem bette seyn,
32
Darf einen kaum davon der liebsten schwester sagen:
33
Die hände füllt man euch mit zwirn und nadeln an,
34
In die ihr lieber wünscht was männliches zu schliessen:
35
Und lencket euer fuß sich auf die liebes-bahn,
36
So führt die mutter euch alsbald zum kleppel-küssen.
37
So ist auch sonst an euch kein glied von schmertzen frey,
38
Und so verbringet ihr, gleich siechen, eure tage,
39
Und müsset zugestehn, die jungfer-plage sey
40
Noch viel beschwerlicher, als wohl die mutter-plage.
41
Hochwerther bräutigam! die schrifft, die seine hand
42
Einst von dem krancken-weh der jungfern hat geschrieben,
43
Hat uns so wohl gelehrt derselben übelstand,
44
Als mittel angezeigt, wodurch er wird vertrieben;
45
Jtzt schenckt der himmel ihm ein angenehmes kind,
46
Das bald die frohe schaar der Nymphen wird vermissen,
47
Und das sich gegen ihm vor liebe kranck befindt:
48
So wird er es beglückt denn auch zu heilen wissen,
49
Ich weiß, die liebe wird hiebey mit eigner hand
50
Von viel vergnügungen und tausend lieblichkeiten
51
Ein labsal, welches ihr noch beyde nicht erkannt,
52
Zu eurer stärckung euch verlobten zu bereiten.
53
Wohl ihr! beglückte braut! daß ihr befreyter fuß
54
Kan aus dem lazareth der jungfer-schaar entweichen!
55
Und daß itzt täglich ihr des liebsten süsser kuß
56
Vor alle böse lufft wird heilungs-mittel reichen!
57
Mein wunsch, den ihr hiebey in wenig zeilen schaut,
58
Ist dieser: Daß euch nichts als schertz und lust vergnüge!
59
Lebt beyde stets gesund! doch also, daß die braut
60
Sechs wochen manchmahl kranck, doch ohne schmertzen, liege!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.