Das bitter-süsse ding an dem Weiß- und Hünrbeinischen hochzeit-feste den 25 October 1705.

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das bitter-süsse ding an dem Weiß- und Hünrbeinischen hochzeit-feste den 25 October 1705. (1709)

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Es ist ein grosser streit von bitter-süssen dingen,
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Was unter beyder art mit recht den vorzug hat?
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Dort will die wermuth sich zur ersten stelle dringen,
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Und hier giebt alle welt dem honig rang und statt.
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Doch hat der himmel selbst ein wunder-ding gezeuget,
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Das zehnmal süsser ist als aller zucker-cand,
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Und dessen bitterkeit doch wermuth übersteiget,
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Und coloquinten schimpfft: Das ist der ehestand.
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Man muß das bittre ding noch vor der hochzeit schmecken:
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Spendiren, putz und staat macht hier und da verdruß:
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So kan auch dieses nicht den appetit erwecken,
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Wenn mancher courtisan mit körben handeln muß.
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Da muß ein künfftger mann vor seine hochzeit sorgen;
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Was kost das ehren-kleid vor sich und vor die braut?
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Die küche fordert geld, und solt’ er alles borgen,
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Was kost die kammer-pracht? und wer die wohnung baut?
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Wie klingt der hochzeit-brief? Was krieget man vor gäste?
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Wie wird der gantze schwarm recht zu bewirthen seyn?
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Kommt denn die herrlichkeit, so stellt sich bey dem feste
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Doch noch was neues stets von bittern sorgen ein:
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Bald tritt der marschall auf, und bald der hochzeit-bitter,
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Bald fährt der gast zu früh, und bald zu spat nach hauß;
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Jtzt schmälet jung und magd, itzt sehn die tütsche-mütter,
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Und bald der musicant mehr als catonisch aus;
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Man sorget vor den tantz. Wills dann ins bette gehen,
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So findt sich tausend noth: Noth um die erste krafft;
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Noth, wie das nacht-gezeug und andre sachen stehen;
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Noth endlich um die scham: Noth um die jungferschafft.
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Nach diesem heist es erst: Schafft löffel, schüssel, tiegel!
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Sorgt vor den kleider-schmuck! schafft bette, holtz und licht!
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Der frau die junge magd, und auch die schönsten spiegel!
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Es fehle, was da will, nur an dem staate nicht.
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Dann fängt das neue weib allmählich an zu siechen;
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Sie merckt, daß sich der schmertz in haupt und seite regt;
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Sie kan durchaus kein fleisch vor grossem eckel riechen;
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Sie fühlet, daß das hertz in ihr gedoppelt schlägt.
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Die stunde rückt heran, die wiege zu bestellen,
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Das bett und wochen-zeug will eingekauffet seyn,
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Man kaufft die windel-schnur von mehr als vierzehn ellen,
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Und mutter Liese büßt nicht einen zweyer ein.
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Kommt nun der klapper-storch, so kommen neue grillen
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Vor kind und wöchnerin, wer soll gevatter stehn?
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Die amme wird gedingt, das hänselgen zu stillen,
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Ein kinder-mägdgen muß der frau zu handen gehn;
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So bitter ist der stand. Und soll man ihn vergleichen,
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So stellt Corneli-tag sein bild leibhafftig dar,
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Der manchem zum arrest kein allzu gutes zeichen
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Und zu der schlägerey nicht allzuglücklich war.
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Doch halt, verwegner kiel! der nur die bitterkeiten,
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Nicht aber auch zugleich des ehstands nectar weist;
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Er ist das süsseste, so glück und lust bereiten,
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Er ist wie Canaan, da milch und honig fleußt
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Der himmel hat ihn nicht so zeitlich eingesetzet,
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Als er auf ihn zugleich den zucker ausgestreut;
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Und so der herbe schmack den gaumen nur verletzet,
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Wie daß die menschen denn von anbeginn gefreyt?
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Gestohlne wasser zwar sind in der kehle süsse,
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Und mancher machet sich fast durch die halbe welt;
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Doch kommt das grimmen nach, weil stets bey dem genüsse
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Furcht, schimpff und feiger muth die schnöde lust vergällt.
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Hingegen hat ein kuß, den ehr und recht vergönnen,
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Der sorgen aloe hier auf einmahl bezahlt:
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Wie süsse lässet sich der liebsten nahme nennen,
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Allhier wird ohne schuld getändelt und gethalt.
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Die liebste nimmet theil an sorgen und beschwerden,
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Sie nimmt den mann in acht, und sorgt für seinem leib:
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Weil ihm so tag und nacht lang und beschwerlich werden,
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So ist und bleibet sie sein bester zeit-vertreib.
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Wofern er ungefähr vor mäusen und vor katzen,
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Und zwar die Walpurgs-nacht, nicht richtig schlafen kan;
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So lernet sie mit ihm vertraut im bette schwatzen,
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Er hört auf jeden traum so fort die deutung an.
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Wird ihm der nabel kalt, so thut sie es mit willen,
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Und wird zu seinem trost ein heisser wärme-stein;
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Sie giebt die panacee, Emanuelis pillen,
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Wenn er hart-leibig wird, ihm durch ein süpchen ein.
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Dem frauenzimmer zwar ist sonsten nichts verhaßter,
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Als in der compagnie taback bey bier und thee;
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Doch ihm zu liebe füllt sie wohl ein pfeiffchen knaster,
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Und steckt es selber an; so süß ist auch die eh!
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Du, hoch-geschätzter mann! den freundschafft gunst und güte
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Uns längst verbunden hat, du findest zweifels-frey
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Das süsseste der eh: Ein kind von schöner blüte
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Schwört dir vor dem altar die ewig-feste treu;
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Drum schicken wir den wunsch: Geneuß der süssen zeiten!
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Die liebe mache dich mit viel vergnügung satt!
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Daß das sonst bittre ding viel centner süßigkeiten,
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Nur aber einen gran von myrrhen für dich hat!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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