Auf die vermählung des durchl. Hessen- Casselischen erb-printzen, mit der Chur- Brandenburgischen printzeßin Louisa, Dorothea, Sophia. An. 1700.

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Auf die vermählung des durchl. Hessen- Casselischen erb-printzen, mit der Chur- Brandenburgischen printzeßin Louisa, Dorothea, Sophia. An. 1700. (1709)

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Berlin warff unlängst von der Spree
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Die augen über thal und hügel,
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Und sahe, gleichsam als im spiegel,
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Sein glück und andrer städte weh.
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O! rief es, du verachter sand!
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Wirst mir ja wohl zu lauter eronen:
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Denn wo ist heute doch ein land,
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Da mehr erfreute seelen wohnen?

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Wenn mancher, den beym überfluß
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Gewinst und mord-begierde plaget,
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An seiner bürger knochen naget,
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Und jeder für ihn sorgen muß;
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So sorgt mein kluger held für mich,
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Auch mitten unter sturm und kriegen:
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Alsdenn gedenckt er erst an sich,
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Und an sein eigenes vergnügen.

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Pariß und Londen ist sehr groß;
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Allein es hat die weiten schrancken
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Mehr der natur als kunst zu dancken:
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Ich war hingegen öd und blos;
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Ich hatte kaum ein rechtes dach,
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Und konte von natur nichts hoffen;
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Doch hab ich alles tausendfach,
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In zweyen fürsten angetroffen.

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Der eine baute hauß auf hauß:
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Der andre will sie gülden schaffen;
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Er führt es aber nicht mit waffen,
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Und durch bekannte mittel aus.
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Es ist was altes, daß ein staat
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Durch raub und wucher zugenommen:
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Mein reichthum muß, auf Friedrichs rath,
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Durch wohlthun an verjagten kommen.

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Ach! daß doch helden menschen seyn,
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Und solche fürsten sterben sollen!
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Viel sind zwar, die es auch seyn wollen;
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Sie sind es aber sich allein.
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Sie siegen; doch ein jeder streich
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Kost auch zugleich zwey unterthanen:
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Mein Churfürst mehret land und reich,
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Und brauchet nichts als friedens-fahnen.

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Das blut, so dich, Tiber! ergetzt
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Bey tödung deiner nächsten freunde,
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Schont dieser auch an seinem feinde,
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So bald sich die gefahr gesetzt.
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Sein dräuen ist zwar eitel that,
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Und wenn er schlägt, so will er siegen;
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Doch wenn er überwunden hat,
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So läst er vater-blicke fliegen.

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Erlöstes Bonn und Kayserswerth!
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Jhr könnt am besten hievon zeugen.
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Eur gut und alles war sein eigen:
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Die wälle lagen umgekehrt;
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Warff aber gleich sein zorn mit euch
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Viel tausend stoltze Frantzen nieder;
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So schenckte dennoch sein vergleich
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Weit mehrern noch das leben wieder.

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Drum sieht man auch um meinen held
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Nichts, als vergnügung, heil und segen.
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Sein schwerd hilfft grosse kriege legen:
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Sein hof erschallt durch alle welt;
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Theils weil er kluge diener macht,
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Die alles, wie sie sollen, führen;
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Theils, weil ihn, nebst Charlottens pracht,
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Auch zwey der grösten kinder zieren.

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Ach aber! wie geschiehet mir?
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Wo denck ich hin? Was will ich nennen?
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Der himmel will die letzten trennen:
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Louise ist am längsten hier.
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Sie scheidet, und (o hartes wort!)
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Sie scheidet, auf ihr meistes leben,
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Und nimmt in einem tage fort,
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Was hundert jahr kaum wieder geben.

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Zwar sie trifft ein gewünschtes loß;
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Sie kehrt in Hessens stamm zurücke,
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Und macht mit sich und ihrem glücke
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Auch zweyer völcker hoffnung groß.
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Sie wird durch ein gemahl erfreut,
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Der mehr verdienst als jahre zehlet,
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Und dem nichts zur vollkommenheit,
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Als eine solche fürstin, fehlet.

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Doch dieses, was ihr ruh gebiehrt,
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Heißt mich zum theil in unruh stehen.
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Ich seh’, und kan doch auch nicht sehen,
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Wieviel mein hof dabey verliehrt.
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Es ist auf einmal tag und nacht:
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Man singt und jauchtzt, man seufftzt und zaget:
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Kein hauß ist, das nicht heute lacht;
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Allein auch keines, das nicht klaget.

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Du selbst, mein theurer Friderich!
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Gehst gleichsam bey der lust im leide:
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Louisens bindniß macht dir freude;
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Jhr abzug aber jammert dich.
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Du zeigst in beyden muth und hertz;
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Dort aber frey, und hier gezwungen:
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Was ist denn wunder, daß der schmertz
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Mir auch die thränen abgedrungen?

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So weit vertieffte sich Berlin:
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Gleich aber ward des himmels bogen
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Mit licht und klarheit überzogen:
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Die wolcken fiengen an zu fliehn:
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Und endlich ließ, ich weiß nicht, wie?
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Sich in der Spree beschilfften röhren,
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Zu tilgung aller angst und müh,
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Gantz deutlich diese stimme hören:

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Halt ein, Berlin! du klagst zu sehr.
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Dein hof hat in Charlottens gaben
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Mehr, als viel königreiche haben.
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Bleibt diese hier, was wilst du mehr?
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Der himmel hat gantz recht gethan.
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Gieb Cassel, was es dir geliehen.
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Stund dir von ihm die mutter an:
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So laß auch nun die tochter ziehen.

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O! sprach die frohe stadt hierauf:
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Wer will den schluß des Höchsten trennen?
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Zeuch hin, du tugend-stern der Brennen!
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Und geh nunmehr in Hessen auf!
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Du nimmst des vaters hertz mit dir:
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Ach! schaffe, daß sein wunsch gedeye,
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Und bring bald einen held herfür,
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Der Teutschland, ihn, und dich erfreue!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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