An die zornige Cassandra

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Johann Georg Gressel: An die zornige Cassandra (1716)

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Erzürnte schauet doch zu euren zarten Füssen
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Den Sclaven/ der sein Glück durch Unverstand ver-
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schertzt;
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Den dreisten Fürwitz muß er gar zu herbe büssen/
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Und eur entbrandter Grimm ihn in der Seelen schmertzt.
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Wo ist der süsse Blick/ der mich vor dem erquicket?
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Ach Schmertz! ach Weh! er ist in strengen Blitz verkehrt/
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Ein ungemeiner Zorn mich mit Verbannung drücket/
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Die Seele wird durch Angst und Unmuth gantz verzehrt.
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Ich lebe fast nicht mehr weil ich so elend lebe/
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Kein Redner drücket aus was meine Sinnen kränck/
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Der Tod umnebelt mich mit dicken Spinn-Gewebe/
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Ich bin in Angst und Noht bis an den Hals versenckt.
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Ich leugne nicht mein Schatz/ daß ich mich grob versehen/
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Mein Fehler wird von mir mit grosser Reu erkannt/
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Das krancke Hertze seuffzt/ die matten Lippen flehen/
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Und haben/ ach umsonst! viel Opffer angebrannt.
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Jhr zürnet allzuviel/ und stellt euch mein Verbrechen
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Viel grösser als es ist in solchem Eyfer für:
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Wie lange wolt ihr euch an eurem Sclaven rächen?
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Wie lange spielt eur Zorn so wunderlich mit mir?
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Ach kehret doch zurück! ach kehret! kehret wieder!
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Hemmt meine Hertzens-Angst/ verkürtzet meine Noht/
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Beseelt durch einen Blick die schon erstorbnen Glieder/
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Erquickt den matten Geist/ vertreibt den nahen Tod.
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Was meine Hand verübt ist nicht durch sie vollführet/
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Der netten Glieder-Zier/ und was euch schöne macht
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Hat sie durch einen Trieb/ der mächtig war/ regieret/
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Daß sie den Griff gewagt/ eh ich es recht bedacht.
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Erwegt nun ob ihr mich so hefftig hassen könnet/
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Da euer Schönheit-Pracht den Zwang an mir verübt/
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Betrachtet ob ihr den mit Recht und anckbahr nennet/
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Der euch aufs zärtlichste mehr als sich selber liebt.
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Jhr thut mir Uberlast mehr als ich es verbrochen/
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Die Straffe ist zu hart damit ihr mich belegt;
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Wenn ihr nun meine Schuld durch meinem Tod gerochen/
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So glaubt nicht/ daß die Welt Hochachtung vor euch trägt.
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Man wird eur Angesicht als einen Leuen fliehen/
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Der mehr vergrelte Wuth als Beyleids-Zeichen zeigt/
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Man wird sich nicht zu sehr um eure Gunst bemühen/
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Das Meer-Weib fliehet man/ weil sein Gesang betreugt.
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Wenn aber eure Gunst sich wieder zu mir wendet/
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Wenn den gequälten Geist ein holder Blick erquickt/
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So wisset/ daß man sich mit Lust an euch verpfändet/
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Und daß die gantze Welt euch heisse Seuffzer schickt.

(Celander [i. e. Gressel, Johann Georg]: Verliebte-Galante/ Sinn-Vermischte und Grab-Gedichte. Hamburg u. a., 1716.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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