Auf die mittlere schwester

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Auf die mittlere schwester (1709)

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Du mittelpunct von meinem hertzen!
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Komm, sage mir fein mit bedacht,
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Was mich mit solchen liebes-schmertzen
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Hat gegen dich entzückt gemacht?
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Ob das vielleicht die ursach ist,
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Weil du die mittle schwester bist?

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Ach ja, es steckt in diesem worte
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Gantz ohne zweifel solche krafft,
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Die auch bey mir an meinem orte,
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Dergleichen wunder-würckung schafft:
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Denn du alleine bleibst mein licht,
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Die andern schwestern acht ich nicht.

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Ich dencke so, dieweil der kuchen
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Am besten in der mitten schmeckt;
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So muß ich ebenfalls versuchen,
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Wie sich die mittle schwester leckt,
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Und ob es dann zu glauben sey,
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Daß fisch und jungfern einerley?

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Der mittle finger laugt am weitsten;
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Ach, mittle schwester! greiff nach mir!
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Die mittel-wege sind am breitsten;
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Ist es nun eben so bey dir?
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So glaub ich, daß kein ehren-mann
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Durch dich zu falle kommen kan.

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Man geht doch auf den mittel-wegen
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Gantz sicher nach der tugend zu;
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Nun ist mir viel daran gelegen,
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Daß ich fein tugendhafftig thu.
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Drum, mittle schwester! gieb dich drein,
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Daß ich ein

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Mich deucht, als wären deine thaten
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Fein mittelmäßig eingericht:
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Du bist nicht gar zu fromm gerathen,
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Und doch auch gar zu lose nicht;
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Nun bin ich eben so, mein blut!
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Es schickt sich alles trefflich gut.

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Nicht gar zu keusch, nicht voller liebe,
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Nicht gar zu arm, und nicht zu reich,
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Nicht gar zu munter, nicht zu trübe,
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Nicht engeln, auch nicht teufeln gleich,
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Nicht alt, nicht jung, so hin, so hin,
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So in der mitten bleibt mein sinn.

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Dann, wer ihn gar zu hoch will treiben,
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Thut meistentheils den grösten fall;
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Wer in der tieffe sucht zu bleiben,
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Den spottet man nur überall;
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Wer sich zu mittel-sachen hält,
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Der dient am besten in die welt.

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Ich halte mich an dich, mein leben!
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Nur sage: Ja! Es ahnt mir wohl:
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Du wirst dich bald darein ergeben,
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Daß ich dein eigen bleiben soll;
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Denn sonsten würdest du allein
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Ohn anfang und ohn ende seyn.

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Du bist ja nur ein mittel-stücke,
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Die andern theile mangeln dir;
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Ach, liebes kind! mach diese lücke
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Bey zeiten wieder zu mit mir!
59
Damit ich ohne tendeley
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Dein anfang und dein - - sey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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