Das lob der Silvia, eines gewesenen frauenzimmers in L. G. L

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das lob der Silvia, eines gewesenen frauenzimmers in L. G. L (1709)

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Geliebte poesie! mein schönstes zeit-vertreiben!
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Wofern ich künfftig soll dein grosser freund verbleiben,
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So gieb mir diesesmahl vollkommne wörter ein,
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Wie meine Silvia recht kan beschrieben seyn.
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Doch welcher fremde thon bestrafet diß verlangen?
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Und spricht: Verwegner mensch! du bist zu weit gegangen,
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Dein bitten ist umsonst, wo der betrogne kiel
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Die menschen fahren läst, und engel mahlen will.
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Der lobspruch, welchen wir in reime können fassen,
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Wird die vollkommenheit gar selten sehen lassen.
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Und dessentwegen ist die Silvia galant,
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Weil ihre trefflichkeit den wenigsten bekannt.
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Ja, liebste poesie! ja freylich ist dein schelten
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Gantz billich und gerecht; Doch laß michs nicht entgelten!
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Ich soll und muß es thun, daß alle welt versteht,
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Wie weit die Silvia mit ihrem lobe geht,
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Da eine schlechte hand, die sie kaum angerühret,
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So viel vortrefflichkeit in kurtzer zeit gespüret.
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Hat man den himmel doch in kupffer abgedrückt,
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Den noch kein menschen-kind von ferne nur erblickt;
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Kan ein geübter mund gantz ungehindert sagen,
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Was sich am letzten theil der erden zugetragen,
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Den er noch nie gesehn; Zeigt ein stock-blinder mann
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Die farben offtermahls am allerbesten an;
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So will ich ebenfalls von den erhobnen gaben
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Der edlen Silvia ein blindes urtheil haben.
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Es hat ihr die geburth schon so viel ruhm gebracht,
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Als man bey andern kaum im sterben kundbar macht.
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Selbst die natur hielt sie vors beste meister-stücke,
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Darüber eyferte das blinde weib, das glücke,
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Und nahm ihr alsobald den, welcher sie gezeugt;
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Wie wurde Silvia durch diesen fall gebeugt!
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Die augen machten sich zu lauter thränen-quellen,
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Das hertze wuste nichts als jammer vorzustellen.
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Allein der himmel sprach: Mein engel! weine nicht,
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Der schaden, welcher dir durch diesen fall geschicht,
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Ist schon durch mich ersetzt. Ein unvergnügter morgen
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Hat öffters hinter sich den schönsten tag verborgen.
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Wenn deine jugend schon an sturm und wind gewohnt,
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So bleibt des alters kern von mancher noth verschont.
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Die perle würde nicht so grossen werth erlangen,
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Wo sie durchs wasser nicht viel kostbarkeit empfangen;
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Drum wird bey Silvien der angenehmste schein
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Auch durch den thränen-fall gar leicht zu sehen seyn.
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Sie soll noch als ein schatz und kleinod dieser erden,
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Dem geist und leibe nach gantz unvergleichlich werden.
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Diß alles ist fürwar nach dieser zeit erfüllt:
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Die augen find allhier des himmels ebenbild;
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Darinnen aber muß ihr noch der himmel weichen,
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Dort ist ein eintzig licht, hier sind zwey solche zeichen.
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Wer diesen sonnen sich nun gar zu nahe macht,
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Wird wie durch einen blitz um sein gesicht gebracht.
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Und wo es wahr verbleibt, was man sonst pflegt zu sagen:
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Man müsse sich ins hertz durch diese pforten tragen,
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So kan ich, Silvia! nicht in dein hertz hinein,
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Der eingang scheinet mir voll von gefahr zu seyn.
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Ich würde mich traun selbst der letzten noth bestimmen,
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Und aus verwegenheit verbrennen und verglimmen.
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Die farbe, welche sich im angesichte zeigt,
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Sieht wie ein neuer schnee, roth ist sie nicht geneigt.
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Und dieses kommt daher, weil wir, wenn wir uns schämen,
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Die röthe meistentheils ins angesichte nehmen;
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Doch meine Silvia hat selten was gethan,
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Das sie vor dieser welt zur scham bewegen kan.
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Drum darff ihr wangen-feld auch nimmermehr erröthen,
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Und die erhöhte stirn ist frey von allen nöthen.
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Der allerliebste mund sieht blos darum so klein,
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Weil die geheimnisse der seelen gantz allein
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In seiner macht beruhn, die er wohl muß verwahren,
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Und einen kleinen platz vor ihren ausgang sparen.
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Wenn diß gemeine thor bißweilen offen steht,
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Und ein subtiler ritz zu dem verborguen geht,
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So sieht man ohngefähr zwey dutzent weisse säulen,
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Die sich von osten an gantz biß nach westen theilen.
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Am kinne lässet sich ein kleines wärtzgen sehn,
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Das ist, so viel man mir gesagt, darum geschehn:
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Als unlängst die natur spatzieren gehen solte,
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Und hier in dieser stadt genau erforschen wolte,
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Wer von den damen wohl die allerbeste sey?
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So brachte man alsbald die Silvia herbey.
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Die war vor andern nett, galant, manierlich, schöne,
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Drum machte die natur bey ihr ein
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Sie legte gantz subtil ein pünetgen auf das kinn,
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Und sprach: Man ruffet mich zu andern örtern hin;
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Doch laßt das zeichen stehn, damit ich dich geschwinde,
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Wenn mir was schönes fehlt, hernachmals wieder sinde.
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Nun möcht’ ich der natur gern einen possen thun;
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Drum wolte Silvia in meinem willen ruhn?
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So würd’ ich tag für tag ihr
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Biß dieses zeichen gantz verwischet und zerrissen.
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Doch ob man dieses gleich als wunder-wercke preißt,
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So weiß ich doch gewiß, es sieht der edle geist
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Noch tausendmahl so schön. Die innersten gemächer
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Sind meistentheils galant, wenn äusserlich die dächer
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In vollem putze stehn. Zwar bey der Silvia
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Ist, wo ich rathen darff, der einzge mangel da,
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Daß sie die tugenden, so viel sie kan, verstecket,
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Und dergestalt davon das wenigste entdecket.
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Doch wie ein heller glantz auch durch die wolcken bricht,
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So nimmt uns Silvia das allerminste nicht.
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Es weiß die halbe welt, daß wir bey unsern linden
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An ihrer artigkeit das gröste kleinod finden.
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Ein fremder, welcher sonst allhier den gantzen ort,
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Doch sie noch nie gesehn, zieht schwerlich weiter fort.
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Man saget: Daß bey ihr ein wechsel sey geschehen,
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Und daß zur selben zeit die welt nicht recht gesehen,
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Da sie den schönsten geist, den kaum der zehnte mann
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Recht voll und unverfälscht bey sich verspühren kan,
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In einen solchen leib aus unverstand begraben,
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Der sonst aus schwachheit nur will halbe seelen haben.
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Sie zündet auf einmahl viel hundert seelen an,
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Doch ihrem hertzen hat kein fünckgen leid gethan.
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Sie fordert ein altar, das blos zu ihren ehren,
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Den ausgestreuten rauch des opffers soll verzehren.
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Ein abgenützter heerd, ein falscher opffer-knecht,
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Und flüchtger weyrauch sind der Silvia zu schlecht.
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Daher ist, wie mich deucht, auch dieser vorsatz kommen,
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Daß sie bißher noch nie ein opffer angenommen.
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Wers aber nicht versteht, wohin diß absehn zielt,
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Der spricht: Die Silvia hat lauter falsch gespielt;
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Es können uns dabey die augen und die minen,
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Und alles, was an ihr, zur sichern nachricht dienen.
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O schade! daß sie nichts von der barmhertzigkeit
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Bey andern mercken läßt; da gleichsam sonst ein streit
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Von allen tugenden in ihrer brust zu finden,
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Da immer eine will die ander’ überwinden.
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Doch diese mißgunst legt sich bald gefangen hin,
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So bald sich Silvia recht dencket zu bemühn.
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Denn ihre tugend macht, als wie der strahl vom lichte
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Die augen und das hertz der eulen, gantz zu nichte.
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Sie als ein weibs-volck hat so viel autorität,
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Daß ihr kein laster-freund gern an der seiten steht.
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In ihrer stirnen ist ein merckmahl eingegraben,
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Davor die kühnheit selbst ein schrecken muste haben.
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Was sonst durch sauer-sehn und fluchen kaum geschicht,
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Das wird durch einen winck bey Silvien verricht.
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Mit diesem lernet sie die welt zu allen dingen
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Biß zur unmöglichkeit mit leichter mühe zwingen.
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Hier fällt mir etwas ein, das fast unglaublich scheint:
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Die Silvia ist doch dabey ein demuths-freund,
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Und wird den blumen gleich: Je höher solche steigen,
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Je tieffer sie den kopff hin zu der erden neigen.
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Was fremde leute fast zu der erstaunung führt,
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Dadurch wird Silvia am wenigsten gerührt.
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Sie hält nichts von sich selbst: Je mehr sie weiß und lernet,
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Je mehr verbleibt ihr hertz von hochmuth weit entfernet.
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Jhr bester zeit-vertreib ist eine kluge schrifft,
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Mit diesem hat sie schon viel löbliches gestifft.
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Jhr denckmahl wird zuerst durch dieses bücher-lieben
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Selbst in das grosse buch der ewigkeit geschrieben.
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Vors andre schämet sich auch mancher musen-sohn,
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Daß die gelehrsamkeit bey einer weibs-person
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Mehr als bey ihm vermag, und wünschet ihrentwegen
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Auf ein gelehrtes werck sich ebenfalls zu legen.
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So dienet Silvia dem nächsten und der welt.
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Doch welcher diß an ihr vor’s allerbeste hält,
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Betrüget sich gar sehr: Sie bleibet auch darneben
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Der wahren frömmigkeit im höchsten grad ergeben.
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Die bleibet der compaß, so ihre lebens-farth,
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Biß sie zum hafen kommt, vor aller noth bewahrt.
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Durch diese gantz allein kan sie schon auf der erden
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Zum engel, und ihr kuß zum paradiese werden.
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Wer Silvien nicht kennt, der geh ins gottes-haus,
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Dahin kommt sie zuerst, und geht zuletzt heraus.
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Da läßt sie alle noth, durch singen und durch beten,
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In wahrer heiligkeit von ihrer seelen treten.
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Doch wenn du dieses thust, geliebte Silvia!
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So stehen offtermals viel hundert andre da,
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Die gar nicht heilig sind, die sich an dir vergaffen,
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Die bald das achsel-band in kluge falten raffen,
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Bald rock und krause ziehn, bald die perruque drehn,
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Bald ihren schnupff-toback, bald sonsten was besehn,
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Und die den feder-busch, der Silvia zu ehren,
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In einer predigt mehr als hundertmahl verkehren.
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Ich selbsten geh manchmal in diese - - schul,
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Da bist du prediger, mein hertz der predig-stuhl.
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Drum wenn das amen kommt, so schein ich gantz bethöret,
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Und habe viel gesehn, doch nichts dabey gehöret;
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In vorbitt und gebet seufftzt meine brust allein:
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Gott lasse Silvien vollkommen glücklich seyn!
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Daher geschicht es auch, daß ihr nicht etwas fehlet,
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Und daß kein schwacher geist die muntre seele quälet.
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Wiewohl, wenn Silvia gleich nicht so glücklich wär,
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So würde doch dabey ihr lustiger
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Gantz unverändert stehn. Wie sie bey guten tagen
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Die zugedachte lust weiß mäßig zu vertragen;
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So wird im trauren auch nichts übriges gespührt,
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Kein unfall geht so weit, daß er ihr hertz berührt.
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Sie stemmt den matten leib auf seine sorgen-säulen,
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Der geist hingegen mag die himmels-lufft zertheilen.
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Jhr sinnbild ist ein schiff, das zwischen wellen steht,
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Und selbsten noch nicht weiß, wohin sein lauffen geht;
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Darinnen sitzt ein kind, das keine ruder lencket,
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Auf keine winde sieht, an keine nothdurfft dencket,
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Mit dieser überschrifft: Wohin der himmel will!
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Erleuchte Silvia! hierinnen thust du viel.
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Die feder ist zu schlecht, dich gnug heraus zu streichen,
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Du hast darinnen wohl gar wenig deines gleichen.
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Hier aber stock’ ich fast, galaute Silvia!
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Ich suche noch etwas, doch dieses ist nicht da.
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Und meinest du vielleicht, daß ich blos mit dir schertze,
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So sage mir doch nur, wo hast du denn dein hertze?
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Ich habe dich nun fast fünff jahre schon gekannt,
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Auch andre haben dich viel tausendmahl genannt.
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Doch niemand unter uns erkühnt sich zu beschreiben,
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Wie du im hertzen siehst, es will verborgen bleiben.
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Heißt es etwan mit dir, wie man sonst öffters spricht:
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Mein kind ist gut, allein ihr hertze tauget nicht?
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Nein, nein! wie reimt sich das zu deinen andern thaten?
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Ich werde, wie mich deucht, die sache so errathen:
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Dein hertz verbleibt ein schatz, der fast verriegelt ist,
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Und den kein bloses wort, kein bloser blick aufschließt.
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Es ist das paradies, zu dessen lustbarkeiten
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Jm dencken ihrer viel, im wercke wenig schreiten.
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Diß heiligthum soll nur ein hoherpriester sehn,
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Wie in der alten welt beyn Juden ist geschehn;
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Und wer das amt verlangt, der muß nebst andern gaben
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Nach recht und billigkeit vornehmlich diese haben:
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Er muß verständig seyn; sonst lebt er wie ein rind,
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An dessen seite zwar die grösten schätze sind,
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Das aber nimmermehr derselben werth ergründet,
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Und also größre lust bey stroh und miste findet.
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Er muß ein bücher-freund und ein gelehrter seyn;
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Sonst raumt ihm Silvia die herrschafft schwerlich ein.
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In ungelehrter hand würd’ ihre klugheit sterben,
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Und mit der klugheit sonst auch manche lust verderben.
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Er muß beständig seyn; Denn wo sie einen ehrt,
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Der lieb und treue mehr, als wohl sein kleid, verkehrt;
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So sag’ ich: Silvia hat nun so offt gewehlet,
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Und beym beschlusse doch im nöthigsten gefehlet.
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Doch wenn der rechte kommt, der ihr das hertze nimmt,
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So hab ich ihm vor mich die freundschafft schon bestimmt;
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Vielleicht wird er alsdenn nicht allzu viel verschweigen,
234
So kan ich auch ihr hertz in meinen versen zeigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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