Verliebte thränen. C. H

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Verliebte thränen. C. H (1709)

1
Wenn ich an Clelien gedencke,
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Wie sie in nächster frühlings-zeit
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Durch ihr geblüme mich erfreut;
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Wie ihrer küsse perlen-träncke
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Mich aus der schlaf-sucht aufgeweckt,
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Darein der kummer mich gesteckt;
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Ja, wenn ich ferner überlege,
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Wie durch des himmels strengen schluß
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Ich ihrer nun entbehren muß:
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So wird die wehmuth in mir rege.

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So quält die sterbens-angst die sinnen:
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Mir wird wie einem, dem das schwerd
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Durch das erschrockne hertze fährt,
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Dem blut und seele will entrinnen;
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Die augen sehen nichts als nacht;
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Der zungen fehlet alle macht,
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Die trauer-wörter vorzubringen;
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Der jammer hält der thränen lauff
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Jtzt wider meinen willen auf,
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Wie gern ich ihn auch wolt erzwingen.

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So muß ich wie gefesselt gehen,
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Nichts, als die seuffzer sind mir frey,
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Und manchmahl ein verwirrt geschrey,
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Das ich doch selbst nicht kan verstehen.
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Doch soll es heissen: Ach! und weh!
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Wo ist, wo bleibt die Clelie?
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Will, oder muß sie sich entfernen?
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Was ist es vor ein unglücks-rath,
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Von welchem sie, gezwungen, hat
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Mich zu verlassen müssen lernen?

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Der ort, wo wir uns offt umschlossen,
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Wo ein gespräch, ein schertz, ein spiel,
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Uns gar niemahls beschwerlich fiel,
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Und wo es offt das gras verdrossen,
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Wenn wir da ungemein vergnügt
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Den mund dem munde zugefügt,
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Daß jenes ein geräusch erreget,
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War’s gleich, wiewohl nur uns zum schein,
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Als würd’ es von der lufft beweget;

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Der ort nun wird es itzt noch wissen,
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Was da ihr unbefleckter mund,
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Der voller frischer rosen stund,
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Vor schöne reden offt ließ fliessen;
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Sie sprach: ich schwöre bey der macht,
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Die mich zu lieben hat gebracht,
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Daß ich nur dir mein hertz will schencken:
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Und werd’ ich wo dawider thun;
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So soll kein segen auf mir ruhn,
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Noch dessen thau mein blum-werck träncken.

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Ja, hat es dieser ort vergessen;
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So ist nicht weit ein bircken-wald,
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In dessen kühlen aufenthalt
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Wir öffters und mit lust gesessen,
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Da wird den rinden eingehaun
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Man die versicherungen schaun,
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Und in den jungen bircken-rinden
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Wird man das wort: Diß ist mein schluß,
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Daß ich den Criton haben muß;
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Durch ihre hand geschnitten, finden.

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Ach! dächte sie an diese rinden,
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Die itzund über meiner pein
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Aus beyleid höchst betrübet seyn,
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Und meinen schmertzen mit empfinden;
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So würde durch die leere lufft
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Von ihr vielleicht mir zugeruft,
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Es würd’ ein lispeln um mich schweben
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Und mir, wie daß noch ihre treu
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Und liebe nicht entheiligt sey;
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Gantz deutlich zu verstehen geben.

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So aber ist es nur vergebens,
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Ich bleibe gäntzlich ausgethan.
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Denn deß ich mich getrösten kan,
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Ist blos das ende meines lebens.
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Es kan alsdenn mein leichen-stein
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Mit dieser schrifft bezeichnet seyn:
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Hier lieget lieb und treu begraben.
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Und welcher im vorüber gehn
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Hieraus wird meinen tod verstehn,
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Der wird mit mir erbarmung haben;

80
Doch eh ich noch die augen schliessen;
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Und meiner schmertzen end und ziel
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Bey euch, ihr leichen! suchen will;
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So sollen vorher alle wissen,
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Daß, ob ich gleich um ihre zier
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In rein-gesinnter liebs-begier
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Mich fast zu tode hier muß kräncken,
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Ich doch um ihres leibes wohl,
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Und was sie sonst vergnügen soll,
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Zum himmel will die augen lencken.

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Ich will vor ihre blumen-wangen
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Bey allen winden bürge seyn,
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Daß nicht ihr rosen-lichter schein
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Woll’ ihnen zum gespötte prangen,
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Damit sich selbe nicht bemühn,
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Den purpur ihnen abzuziehn,
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Noch ihre blumen zu entblättern;
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Die andern blumen, gras und laub
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Nehmt, o ihr wind’! als euren raub;
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Hier aber schont mit harten wettern!

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O unerbittliches geschicke!
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Laß ja dem wunsch ein gnügen thun!
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Sonst kan ich nicht im grabe ruhn,
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Und komm aus jener welt zurücke;
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Wiewohl, wo ich vorm tode darff,
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Und dessen satzung nicht zu scharff,
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Wird ohnedem mein leichter schatten
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Aufsuchen dieses schöne kind,
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Um sich, so bald er es nur findt,
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Mit seiner fleischlichkeit zu gatten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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