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Und du, Xenocrates! wilst nicht verliebet seyn?
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Du bist als wie ein mensch, du bist als wie ein stein.
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Das erste bist du nicht; wer fleisch und beine führt,
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Der wird auch durch ein wort, das Phryne redt, gerührt.
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Du suchst in der natur, die doch zur klugheit weist,
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Und weißt doch nicht das thun, was gantz natürlich heist;
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Also bist du kein mensch, doch bist du auch kein stein,
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Weil in den steinen doch noch feuer-funcken seyn.
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Von wilden thieren ist dein erster ursprung nicht,
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Weil ja kein wildes thier der liebe widerspricht;
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Ein bär, ein elephant, ein tieger ist verliebt,
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Wenn Venus den befehl zur süssen wollust giebt.
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Der himmel, der uns liebt, der hat dich nicht gemacht,
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Die welt hat dich auch nicht aus ihrem schos gebracht.
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Und das zu seiner zeit auch von sich selbst vergeht.
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Gilt meine schönheit nicht, der abgott dieser welt,
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Vor der die hoffart selbst in demuth niederfällt?
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Die fürsten waren mir vor diesem unterthan;
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Mein nahme konte sonst die hertzen an sich ziehn’,
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Hier bin ich noch zu schwach, da ich zugegen bin.
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Mein eigen lob stinckt nicht, weil es die probe hält,
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Denn, daß ich schöne sey, das glaubt die gantze welt.
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Ein held, dem weder muth noch glück im kriege fehlt,
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Der wird nicht ausgelacht, wenn er sein lob erzehlt;
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Ja wer mich schöne nennt, dem stimmt das echo bey,
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Die felsen sagen selbst, daß Phryne schöne sey.
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Wiewohl was hilfft mich das, was hilfft mich alle pracht,
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Wenn es Xenocrates gleich als wie koth veracht?
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Man nennt die schönheit zwar den abgott dieser zeit,
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Die herrscherin der welt, den strahl der göttlichkeit,
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Der augen sonnen-licht, des mundes honigseim,
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Des alters netz und strick, der jugend vogel-leim;
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O falsche heucheley! ach, schweigt, ihr lügner, schweigt,
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Weil euch Xenocrates der falschheit überzeugt.
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Doch nein, es bleibt darbey: die schönheit triumphirt,
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Offt wird durch einen blick ein steinern hertz gerührt.
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Der grosse Jupiter verließ sein himmelreich,
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Und ward aus liebes-brunst den wilden thieren gleich.
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Ja Pluto selber kam aus seiner finsterniß,
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Als sich Proserpina von ihm entführen ließ.
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Wenn er das wilde volck mit seiner rede fieng,
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Die stellt im bilde vor, was eine schönheit kan,
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Denn eben so sind ihr die barbarn unterthan;
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Wie aber daß mich hier das unthier nicht begehrt?
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Xenocrates hat recht, denn er ist mein nicht werth.
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Er sieht die niedrigkeit, und meine hoheit an,
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Die sein gehirne nicht zusammen reimen kan:
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Hier ist galauterie, und dort pedauterey,
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Er sieht, daß er ein narr, und ich was kluges sey.
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Es wird dadurch das thier der thorheit überführt,
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Das in der liebes-lust das leben selbst verliehrt.
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Es stirbt, wofern es lebt, und lebet doch mit lust:
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Du aber lebest nicht, da du nicht sterben must.
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Die eitle phantasey giebt dir was falsches ein,
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Was sich zusammen schickt, das muß zusammen seyn.
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Du sprichst zu aller welt: es sey kein
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Und gleich wohl hab ich eins zu meinem eigenthum.
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O weh der gantzen welt! sie geht warhafftig ein,
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Wofern ein jeder mensch will deiner meynung seyn.
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Was diese welt erhält, das nennst du missethat;
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Also verdammst du das, was dich gezeuget hat.
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Ach himmel! hätte doch dein vater so gedacht,
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So hätte die natur dich nicht ans licht gebracht.
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So wär’ auch in der welt ein solches
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Das auf den untergang der welt sein absehn richt.
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Das leben, das du hast, ist nur ein capital,
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Der himmel, der es lehnt, verlangt ein gratial:
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Die seelen werden nur auf zinsen augelegt,
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Je mehr man kinder hat, je mehr man zinse trägt.
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Ist das philosophirt, wenn man das sünde nennt,
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Was GOtt und die natur vor schuldigkeit erkennt?
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Verfluchte welt-weißheit! wer hat doch diß erdacht,
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Als würde man durch sie den göttern gleich geacht?
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Wenn esel götter sind, so räum ich solches ein;
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Wiewohl auch dieses nicht, weil sie noch klüger seyn.
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Doch itzo merck ich erst, wohin das absehn geht,
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Daß mein Xenocrates so hefftig widersteht.
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Er flieht vor einer lust, die er doch haben kan,
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Und schreibet sich davor den ruhm der tugend an.
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Doch aber weit gefehlt; wer nicht im kriege steht,
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Wer seinen feinden nicht frisch unter augen geht,
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Wer nicht die waffen braucht, wer sich nicht was erkühnt,
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Der hat gar schlechtes lob der tapferkeit verdient.
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Jm sterben steckt der ruhm, nicht aber in der flucht,
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Man muß zu felde gehn, wofern man ehre sucht.
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Versuche nur einmahl, ich bin ja nicht vergifft;
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Hier ist der süsse mund, der ambra übertrifft,
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Hier ist die weiche hand, die wilde thiere zähmt,
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Hier ist die weisse brust, so marmorstein beschämt.
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Du nimmst dir schon den ruhm, und hast noch nicht gesiegt;
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Ach liessre erst die schlacht, wer weiß, wer unten liegt?
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Verachte keinen feind, probier erst pfeil und spieß,
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Wenn er zu boden liegt, so ist der sieg gewiß.
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Hast du mich nicht erkannt, so laß mich unveracht,
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Die probe geht voran, drauf wird der schluß gemacht.
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Xenocrates! du klotz, du fels, du stahl, du stein,
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Soll alle meine kunst an dir verlohren seyn?
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Das eiß zerschmeltzet ja, der kalte schnee zerfliest,
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Wofern der sonnen-glantz so nah zugegen ist;
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Verachtest du den mund, der milch und honig geust,
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Xenocrates! den mund, daraus man wollust speist?
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Verachtest du den kuß, der aus der seel entsteht,
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Xenocrates! den kuß, der aus der seele geht?
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Sieh doch das angesicht, das alabaster gleicht,
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Sieh doch das feuer an, das aus den augen leucht,
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Brich doch die rosen ab, die auf den wangen stehn,
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Laß doch den schnee der brust in deiner hand zergehn,
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Gebrauche dich der lust in meinem schos zu ruhn,
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Und gieb mir wiederum etwas bey dir zu thun.
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Doch, Phryne! schweig einmahl, er ist und bleibt ein thor,
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Drum wirff die perlen nicht den wilden säuen vor.
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Die sanffte lager-stadt und deine süsse schos
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Ist nur vor könige, nicht vor