Der erste brief von D. C. v. L

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der erste brief von D. C. v. L (1709)

1
Nicht scheue dich, mein kind! diß siegel aufzumachen,
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Die du den schlüssel selbst zu meiner seelen hast.
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Was hier geheimnis ist, sind dir bekannte sachen,
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Mein antlitz hat dir längst verrathen meine last.
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Die asch auf Aetnens klufft lehrt, daß da feuer stecket,
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Und meine blässe zeigt, daß lieb im hertzen glimmt.
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Nicht frage, wer in mir so süsse glut erwecket,
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Dein eignes auge fühlt, wo sie den ursprung nimmt,
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Weil heisse sonnen ja nicht leer vom brand seyn müssen,
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Aus kalten adern nicht ein warmer brunn entspringt;
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Doch wilst du deinen sieg selbst von dem sclaven wissen,
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So duld’ es auch dein ohr, wenn itzt sein fessel klingt.
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Ich liebe dich, mein kind! mit unzertheiltem hertzen,
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Nicht lasse dir das wort unglaublich kommen für.
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Die flammen unsrer eh sind ausgeleschte kertzen,
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Ja unser’ erste flamm entsteht, mein licht! aus dir.
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Ich hab’ erst, seit ich dir geopffert meine seele,
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Was lieb’ und liebens-wehrt, mein kind! von dir gelernt.
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Das ew’ge feuer brennt nicht in jedweder höle,
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Du weist, daß offt der schnee wie eine Venus sternt.
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Es soll’n ja wohl corall’n seyn der gemahlin lippen,
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Kein liebreitz, kein magnet begeistert aber sie;
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Läst sich nun stahl nicht ziehn von unbeseelten klippen,
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Wer schilt, daß ich an ihr mich nicht zu kleben müh’.
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Die augen sind zwar schwartz, doch ausgeleschte kohlen,
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Von denen schwefel sich selbst nicht entzünden kan.
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Sie rühmt sich, ihr geruch beschäme die violen,
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Was aber nützt zibeth, der uns nicht bisamt an?
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Die wangen sind an ihr granaten ohne kerne,
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Geblüme, das nicht reücht, ein feld von rosen leer.
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Die brüste regt kein trieb entflammter liebes-sterne,
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Sie sind von Zemblens eiß ein zugefroren meer.
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Sie schleppt der heyrath band wie eine sclaven-kette;
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Sie fleucht, als legten sich mit mir ihr schlangen bey.
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Ja find’ ich einst noch platz in der gemahlin bette,
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So glaub’, daß sie mehr kalt als salamander sey.
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Kein feur, darinnen Zevs in fliessend gold zerronnen,
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Kein lodernd seufftzen flößt ihr laulicht lieben ein,
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Der nord-stern wärmt den Belt mehr, als mich ihre sonnen,
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Sie müht sich steinerner als Niobe zu seyn.
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Will ich zum opffer ihr gleich meine seel anzünden,
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So dünckt sie sich doch mir vor ein altar zu gut:
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Das fühlen, glaub ich, hat bey ihr selbst kein empfinden,
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Und unser liebes-öl braucht sie vor kalte fluth.
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Doch würde der geduld noch dieser unmuth weichen,
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Wär’ er mit eyfersucht und hochmuth nicht vergallt.
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Sie ist dem rosen-strauch im winter zu vergleichen,
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Der keine rosen trägt, und doch den dorn behält.
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Urtheile nun, mein kind! ob wir verliebt seyn mögen?
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Selbst Aetna leschet aus, wenn zunder ihm gebricht,
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Der wahn ehrt götzen nur, die einem sind entgegen,
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Die lieb erkennt den haß vor keinen abgott nicht;
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Die Anmuth aber hat den sitz bey dir erwehlet,
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Der unhold wüsteney ist weit von dir verbannt.
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Mit deinen sitten hat der liebreitz sich vermählet,
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Dein schön-seyn hat ein garn der freyheit ausgespannt,
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In diesem siehst du mich hier deinen sclaven liegen,
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Verstoß nun diesen nicht, den du selbst fesselst an.
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Laß mich von deiner hand kein schärffer urtheil kriegen,
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Als dein liebreitzend aug’ uns prophezeyen kan.
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Die sonne, welche du zweyfach in augen trägest,
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Pflantzt, wie du mir, den trieb den sonnenwenden ein;
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Die hold, so du selbst feil auf deinem mund auslegest,
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Kan meiner seele nicht verbothne waare seyn.
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Das kauff-geld, das ich dir vor deine lieb’ erlege,
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Soll seyn mein bester schatz, mein hertz’, an diesem ist
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Dis treue schrot und korn, du selbst bist das gepräge,
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Ich weiß, daß du mit nichts sonst zu erkauffen bist.
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Dir aber wird ja müntz, auf der dein bild steht, gelten,
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Ob dich, unschätzbare, kein schatz gleich zahlen kan.
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Nicht sorge, daß ein mensch wird deine liebe schelten,
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Man nimmt mit fug in dienst verstoßne diener an.
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Es mag auch alle welt, wie ich dich liebe, wissen,
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Denn heimlich buhlen ist zwar süsse, selten rein.
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Mein vorsatz hat in sich ein redliches entschlüssen,
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Das auch der kirche selbst nicht kan verdammlich seyn.
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Kein häßlich rabe zeucht an meinem liebes-wagen,
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Die schwanen keuscher lust ziehn meinen geist zu dir,
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Von reinen lilgen soll dein haupt den braut-krantz tragen,
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Mit hochzeit-fackeln uns die tugend leuchten für.
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Die hand des priesters soll dir selbst den trau-ring geben,
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Weil freylich du zu hoch für eine Hagar bist.
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Kurtz: keine raupe soll an unsern myrthen kleben,
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Die deiner ehr’ abbricht, und unsern nachruhm frist.
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Kommt dir diß seltsam für, vermählten sich vermählen,
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Weil keine Sara mehr den mann zu andern weist,
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Wo wehrts der himmel uns, zwey seelen zu erwehlen,
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Bevor wenn eine selbst das band in stücke reist?
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Was täglich nicht geschicht, ist nicht bald zu verdammen.
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Zu dem, der gröste theil der menschen spricht es recht:
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Die vorwelt labte sich bey zwey und mehrern flammen:
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Ein fürst ist auch nicht stracks gemeiner ordnung knecht.
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Kein eyfrend auge wird dir scheele blicke geben,
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Weil, die ihr hertz entfernt, sich selbst zu trennen sinnt,
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Mich wirst du durch ein ja ins paradieß erheben,
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Darinnen aber auch vor dich was süsses rinnt.
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An meine lincke hand wird man dich zwar nur trauen;
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Solch kummer aber fällt, wenn sie, mein schatz! versteht,
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Daß man mit mehrer pracht der rechten pflegt zu freyen,
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Doch daß die lincke nur von treuem hertzen geht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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