Die Kunst vernünftig sehen zu lernen

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Barthold Heinrich Brockes: Die Kunst vernünftig sehen zu lernen (1740)

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Nachdem ich nun, mit allen Kräften, die große Wahrheit vorgetragen,
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Daß wir des Schöpfers Creatur, wie sie so herrlich und so
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So künst-und wunderlich gebildet (um seine Weisheit zu er-
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Mit einem aufmerksamen Blick, verpflichtet seyn, oft anzu-
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So hör ich viele meiner Leser, hierauf vermuthlich dieses sagen:
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Wir finden, daß es alles wahr, wir sehen unsre Schul-
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Wir sind von der Geschöpfe Pracht, von ihrer Vollenkom-
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Zum Ruhm des Schöpfers, überzeuget. Wir haben oft auch
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Auf sie zu unsers Gottes Ehren, die Augen ernsthaft hinzu-
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Und, daß sie wirklich schön, vortrefflich, und sehr beträchtlich,
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Allein es ist uns unser’ Absicht nur gar zu schlecht von statten
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Wir sachen Gras und Kräuter an, auch Feld und Wald: Allein
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Uns alles meistens einerley. Gras, Kraut, und Feld und
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Die Erde braun, der Himmel blau. Daher wir bald zu Ende
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Und kunnten wir, wie gern wir wollten, von aller Creaturen
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Uns doch nicht recht gerühret fühlen. Hierauf erwiedr’ ich:
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Geliebte Leser, euer Klagen ist leider gar zu sehr gegründet,
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Weil diese Unvermögenheit beym ganzen menschlichen Geschlecht,
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Durch bös Exempel und Gewohnheit, sich leider! eingewurzelt
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So daß wir, auch mit offnen Augen, nicht sehen, was wir sehn;
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Was wir unwidersprechlich hören. Woher? Dieweil wir
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Von unsrer allerersten Pflicht. Wir haben nimmer sehn ge-
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Auf eine Weise, die vernünftig. Wir sehn: Allein es sieht ein
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So gut, als wir. Wo man den Geist, der unsern Körpern ein-
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Und welchen uns, vor andern Thieren, der Schöpfer uns vor-
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Nicht mit der Sinnen Kraft verbindet, und wenn man sieht,
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So sieht und hört der klügste Mensch wahrhaftig anders nicht,
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Um zu der Schule des Gesichts, auf eine Weise, nun zu kom-
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Die nöthig ist, und doch nicht schwer, hab ich mir jetzo vor-
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Euch einen neuen Weg zu weisen. Da alle Werke der Natur,
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Und alle göttliche Geschöpfe, nur bloß in
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Wenn man es recht erwegt, bestehn: So will ich eine Kunst
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Der diese Vorwürf alle beyde, so wohl
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Und die daher, auf welche Weise man Gott in seinen Werken
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Wenn man sie mit Vernunft gebraucht, zumal vernünftig se-
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Dieß ist die edle
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Die kluge Mischung bunter Farben, die
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Als wie man sonst zu thun gewohnt. Es ist die ganze weite
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Es sind Luft, Wasser, Berge, Bäume, beblümte Gärten,
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Ein Vorwurf dieser großen Kunst. Sie leitet, sie regiert und
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Die Seele, daß sie allgemach die sonst in ihr verborgnen Kräfte,
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Zu dem so nöthig-nützlichem und Gott gefälligem Geschäffte,
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Recht anzuwenden sich bemüht, und daß sie, bey dem Sehn,
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Ob nun vielleicht die Maler selbst nicht auf den rechten
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Noch selber den so edlen Zweck von ihrer Kunst in Acht ge-
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Der sie zu Gott dem Schöpfer führet: So hindert dennoch
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Die große Wahrheit zu erkennen, und zu bekennen, daß das
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So uns die Malerey entdecket, uns zu den Vollenkommen-
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Der ganzen Schöpfung, und dadurch zum Ruhm des Schöp-
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Am allermeisten fähig sey. Zwar deucht mich, wendest du
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Dieß, was du zeigest, ist nicht leicht. Es ist ja diese Kunst so
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Daß, unter tausenden, kaum einer, es sey denn recht von un-
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Ein
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So sag ich: Dieses braucht es nicht. Du darfst dich nur al-
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Von Körpern etwas nachzuzeichnen, auch Farben dann und wann
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So wirst du, nicht allein durchs Aug, auch selber deinen Geist
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Du wirst, durch diese Fähigkeit, auch einen Weg zugleich dir
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Die Welt, und Gott in ihr, zu sehn. Wär es nun gar mit
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Nach deiner Meynung: Geb ich dir dennoch noch diesen guten
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Besorge, wenn du Kinder hast, daß sie, durch diese Kunst, bey-
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Sich, zur Verehrung ihres Schöpfers, und ihrem eignen Glück,
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So wird, für göttlicher Geschöpfe, die grobe Blindheit von
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Zu Gottes Ehr und unserm Besten, auch allgemach vertrie-

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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